Samstag, 27. Januar 2018

"Erst das Land, dann die Partei"

Dieser altruistisch anmutende Spruch stammt von dem SPD-Politiker Willy Brandt. Als der ex-Kanzler 1992 von einem Journalisten gefragt wurde, ob er die ausladende Finanzierung der deutschen Wiedervereinigung durch Kanzler Helmut Kohl unterstützen würde, bejahte der Oppositionspolitiker dies und platzierte damit die parteitaktische Erwägungen hinter die damaligen Erfordernisse des Landes.

Der baden-württembergische Ministerpräsident Erwin Teufel verlängerte diese Sentenz, als er 1996 von einem Pressevertreter (ironisch) danach gefragt wurde, weshalb er bei der abermaligen Ernennung zum Landeschef durchgefallen sei, indem er trocken antwortete: "Erst kommt das Land, dann kommt die Partei und ganz zum Schluss erst die Person". Teufel gewann übrigens die zweite Auflage der MP-Wahl noch am gleichen Tag ganz locker und war bis zum Juni 2001 ein sehr erfolgreicher Ministerpräsident.


"Die Welt wartet nicht auf uns"

Mit Fassungslosigkeit blicken die deutschen Bürger derzeit nach Berlin, wo die Spitzenpolitiker von fünf Parteien seit mehr als vier Monaten darum ringen, eine Regierung zu bilden. Merkels Aufruf "Beeilt euch, die Welt wartet nicht auf uns" verhallte fast ungehört. Wenn es ab jetzt besser laufen sollte, dann kann man (vermutlich) ab Ostern 2018 mit einer neuen Regierung rechnen - vielleicht aber auch nicht, sodass es dann wohl Neuwahlen im Herbst diesen Jahres geben muss.

Viele Hoffnungen ruhten auf dem 4er-Bündnis "Jamaika". Aber nach fünf Wochen sogenannter "Sondierungen" beschloss der Jungspund Christian Lindner (FDP) - zur Überraschung aller -  auszusteigen. Seine Begründung hat nur wenige überzeugt, was auch am Absacken des FDP-Wahlergebnisses von 10,7 Prozent auf 8 % abzulesen ist.
Da waren Lindners berühmte Vorgänger Walter Scheel und Hans-Dietrich Genscher aus ganz anderem Holz geschnitzt. Mit bloßen 5,8 Prozent an Wählerstimmen bei der Bundestagswahl 1969 taten sie sich mit der SPD (42,7 %) zusammen und bildeten (vorbei an den Wahlgewinnern CDU/CSU mit 46,1 %) die erste sozialliberale Regierung, welche mit ihrer "Ostpolitik" historische Verdienste einheimste.

Nun sind auch die Sondierungen zwischen SPD und CDU/CSU zu Ende gegangen. Den Sozialdemokraten reichte das Ja des 45-köpfigen Bundesvorstands zum Verhandlungsergebnis noch nicht, ebenso wie die folgende Zustimmung der Bundestagsfraktion mit ihren 153 Mitgliedern. Weil in dieser Partei seit langem jeder jedem misstraut, bedurfte es eines 650-köpfigen Sonderparteitags, um das Sondierungsergebnis abzusegnen. Dies gelang am vergangenen Sonntag mit dem mageren Resultat von 56 Prozent Ja-Stimmen. Nun beginnen die mehrwöchigen Koalitionsverhandlungen mit unsicherem Ausgang. Ein Ja-Ergebnis muss von der Mehrheit der 450.000 SPD-Mitglieder bestätigt werden. (Ebenso, übrigens, wie vorher bei Jamaika: dort wären 64.000 FDP-Mitglieder aufgerufen worden, über 80 Millionen Deutsche zu entscheiden.)

Mit den Koalitionsverhandlungen entscheidet sich auch das Schicksal des gegenwärtigen SPD-Vorsitzenden Martin Schulz. Erst am 19. März 2017 gewählt - aber mit sensationellen 100 Prozent!!! - könnte er binnen Jahresfrist schon wieder hart bei Null aufschlagen. Schulz wäre nicht der einzige Kurzfrist-Parteichef der SPD. Nach Willy Brandt hat die SPD bis jetzt bereits 11 Vorsitzende verbraucht: Vogel, Engholm, Rau, Scharping, Lafontaine, Schröder, Müntefering, Beck, Steinmeier, Müntefering, Gabriel. Martin Schulz würde das Dutzend voll machen.
Bei der CDU war man vergleichsweise sparsam. Im gleichen Zeitraum gab es nur drei Vorsitzende: Kohl, Schäuble, Merkel. Und von diesen ist Merkel noch im Amt!


Die Kosten der Bundestagsabgeordneten

Man darf sich fragen, weshalb unsere Politiker partout keine Regierung bilden wollen. Werden sie von uns Wahlvolk etwa zu schlecht entlohnt?  Nun, ich habe mich aus seriösen Quellen kundig gemacht und komme für den überwiegenden Teil der Bundestagsabgeordneten ("Hinterbänkler") zu folgenden

A. Monatlichen Bezügen:

9.542 Euro:  Entlohnung bzw. "Diät"; sie steigt jeweils automatisch zur Mitte des Jahres.

4.318 Euro:  Steuerfreie Kostenpauschale für Büroausstattung im Wahlkreis; steigt ebenfalls automatisch.

1.000 Euro:  Büroausstattung im Bundestag für Computer, Smartphone, Schreibmaterial etc; darf alles privat genutzt werden.

20.870 Euro:  für Gehaltszahlungen an Personal (Sekretärin, Referent etc)


B. Nebenleistungen an Bundestagsabgeordnete:

Büroausstattung:  Neben der Kostenpauschale haben alle Abgeordnete Anspruch auf ein eingerichtetes Büro im Reichstag in der Größe von 54 Quadratmetern für sich und ihre Mitarbeiter samt Möbelausstattung und Kommunikationsmitteln.

Reisekosten:  Bahncard 1. Klasse, auch für persönliche Urlaubsfahrten verwendbar; dazu Inlandsflüge 1. Klasse.

Übergangsgeld:  Nach dem Ausscheiden aus dem Bundestag gibt es bis zu 18 Monate Übergangsgeld.

Altersversorgung:  Abgeordnete zahlen keine Beiträge zu ihrer Altersversorgung; monatlich werden 5 bis 6.000 Euro in einen Fonds einbezahlt. Bereits nach einem halben "Arbeitsleben" erhält ein MdB den maximalen Pensionsanspruch von 67,5 Prozent der Diät, derzeit ca. 6.441 Euro pro Monat.


C. Verdeckte Nebenleistungen:

Funktionszulagen: für Vorsitzende der Fraktionen und Ausschüsse

Zuschuss an Fraktionen (sogenanntes "Kopfgeld" in fünfstelliger Höhe)

Dienstwagenflotte des Bundestags: Steht jedem MdB zur Verfügung.


Im Fazit bleibt festzustellen, dass man als Bundestagsabgeordneter zwar nicht zum Millionär wird,
aber von den Steuerzahlern doch ganz ordentlich entlohnt wird. Zu "Regierungsstreik", wie derzeit  beobachtbar, besteht also keine Veranlassung.


Das aufgeblähte Parlament

Regulär besteht der Bundestag aus 598 Abgeordneten. Davon werden 299 in den Wahlkreisen direkt gewählt, weitere 299 kommen über die Parteilisten der Länder hinzu. Dem gegenwärtigen Bundestag gehören jedoch 709 Abgeordnete an, also 111 mehr als es sein sollten. Schuld daran sind die sogenannten "Überhangsmandate" . Sie entstehen, wenn eine Partei bei der Wahl mehr Direktmandate über die Erststimmen erhält, als ihr Sitze im Bundestag gemäß der Anzahl der Zweitstimmen zustehen. Klingt kompliziert und wird auch nicht dadurch einfacher, dass es noch dazu die sogenannten "Ausgleichsmandate" gibt. Die 111 Überhangsmandate teilen sich alle sieben im Bundestag vertretenen Parteien nach folgendem Schlüssel:  CDU 36, SPD 22, FDP 15, AfD 11, Grüne 10, Linke 10 und CSU 7. Der Bund der Steuerzahler schätzt die Mehrkosten, welche in dieser Wahlperiode allein durch diese Zusatzpöstchen entstehen auf satte 300 Millionen Euro.


Das überfüllte Parlament


Das Bundesverfassungsgericht hat diese Aufblähung des Parlaments mehrfach gerügt und Reduktion verlangt. Ohne Erfolg! Alle Abgeordnete sind sich offensichtlich darin einig, es bei dem "XXL-Bundestag" zu belassen. Die Bürger werden nicht gefragt und haben keinen Einfluss. Das letzte Mal hat der scheidende Parlamentspräsident Norbert Lammert im Frühjahr 2017 - also noch vor der Wahl - auf reduzierende Maßnahmen gedrungen, kam aber mit seinen Vorschlägen nicht durch. Dabei wäre eine Änderung schon durch die Verringerung der Wahlkreise (z. B. auf 400) zu erreichen. Wahlrechtsexperten sagen voraus, dass der Bundestag (falls das Wahlrecht beibehalten wird) im Wahljahr 2021 auf mehr als 800 Abgeordnete anschwellen wird. In diesem Fall wird der zusätzliche Platz im Abgeordnetensaal nicht mehr allein durch Schreiner zu bewerkstelligen sein - sondern man wird Maurer benötigen!


Verlängerung der Legislaturperiode

Kurz vor der letzten Bundestagswahl haben sich die Fraktionsspitzen aller Bundesparteien für eine Verlängerung der Wahlperiode von vier auf fünf Jahre ausgesprochen. Inzwischen stimmten auch die Neuparteien AfD und FDP in diesen Chor ein. Die Führungen der SPD und CDU begründeten eine solche Reform wie folgt: "Die Verlängerung würde der Komplexität vieler Gesetze gerecht und sinnvolle Nachsteuerungen wären noch vor der nächsten Wahl möglich. Hinzu käme, dass nach einer Bundeswahl mehr Zeit für Koalitionsverhandlungen verbliebe und diese nicht zu Lasten der Regierungszeit ginge". Gleichzeitig wurde vorgeschlagen, die Regierungszeit der Kanzler - wie in den USA - auf  (maximal) zwei Legislaturperioden zu begrenzen.

Sicherlich würde die Verlängerung der Legislaturperiode mehr Kontinuität bei der Parlamentsarbeit bringen. Aber man sollte sie nicht zu früh (und nicht unkonditioniert) zulassen. Sie wird nämlich von den gleichen Politikern gefordert, welche seit Jahren die überfällige personelle Deckelung des Bundestags verhindern und keine Anstalten machen, die unsäglichen Überhangmandate abzuschaffen. Das Parlament muss kleiner werden - erst dann sollte man über längere Legislaturperioden nachdenken. Wünschenswert wäre auch die Schaffung der Möglichkeit durch gezielte Abgabe der Zweitstimme die Parteilisten durcheinander wirbeln zu können, welche häufig in geheimen Hinterzimmern aufgestellt wurden.


Anderswo läuft´s anders

Beim deutschen Parlamentswesen läuft vieles schief. Wenden wir, zum Vergleich, den Blick nach draußen - zum Beispiel in die USA.

Das dortige Repräsentantenhaus, vergleichbar mit unserem Bundestag, umfasst (konstant!) 435 Abgeordnete. Überhangs- oder Ausgleichsmandate gibt es dort nicht. Aber diese Abgeordneten tragen die politische Verantwortung für ein Land, welches - mit 350 Millionen(!) - fast vier Mal so viele Einwohner hat wie die Bundesrepublik Deutschland.
Und die Bezüge dieser Politiker?
Sind mit (umgerechnet) 11.000 Euro nahezu gleich groß wie bei uns.

Mittwoch, 10. Januar 2018

BITCOIN? - Was ist das eigentlich?

Wer frühzeitig auf die virtuelle Währung BITCOIN gesetzt hat, konnte ohne Mühe Millionär werden. Inzwischen herrscht weltweit Goldgräberstimmung. Der Bitcoin ist zum Spekulationsobjekt geworden. Neue virtuelle Währungen entstehen, welche diesen Erfolg kopieren wollen. Hinter den mit Computern generierten Kryptowährungen steht eine Technologie namens BLOCKCHAIN. Experten glauben, dass die Blockchain viel mehr kann. Mit ihr kann man offensichtlich nicht nur Finanzprodukte kreieren, sondern auch die Banken, Finanzinstitute und Versicherungen samt der öffentlichen Verwaltung umfassend verschlanken und umorganisieren - bis hin zu deren (eventueller) Abschaffung.


Der ominöse Mr. Satoshi Nakamato

Bitcoin ist gewissermaßen die "Mutter" aller Kryptowährungen, das heißt von Geld, welches - in verschlüsselter Weise -  mit Computern erzeugt wird. Die Idee wurde vor zehn Jahren in einem wissenschaftlichen Journal (siehe Faksimile-Abbildung) von jemandem unter dem japanisch anmutenden Namen Satoshi Nakamoto vorgestellt. Damals, im Jahr 2008, befand sich die Welt wegen der globalen Finanzkrise in Aufruhr und den klassischen "FIAT-Währungen" (also Dollar, Euro, Yen etc.) wurde nur noch wenig Vertrauen entgegengebracht. Inzwischen stellte sich heraus, dass es den Autor namens Satoshi Nakamoto so nicht gibt. Er hat offensichtlich unter einem Pseudonym publiziert; seine wahre Identität ist, trotz großer Anstrengungen, bis heute nicht aufgedeckt.

Über den Bitcoin gibt es Veröffentlichungen und Bücher in großer Zahl, die allerdings zumeist in der englischen Sprache verfasst sind. Demzufolge haben sich fast für alle Fachbegriffe die englischen Bezeichnungen durchgesetzt. In diesem Blog sind dies - neben bitcoin - die Begriffe peer to peer, wallet, miner, blockchain und ledger, wofür ich an den jeweiligen Stellen (inoffizielle) deutsche Übersetzungen benutze.



Der Anfang von Satoshi Nakamotos Veröffentlichung


Zielsetzung und Grundlagen der Bitcoin-Technologie

Der Erfinder des Bitcoin - nennen wir ihn weiter Nakamoto - wollte mit seinem künstlichen Geld erreichen, dass Weltfinanzkrisen künftig nicht mehr möglich sein sollten. Den nationalen Notenbanken sollte ihr Monopol zur "Geldschöpfung" entrissen werden und die Regierungen sollten nicht mehr in die Lage versetzt werden (bei selbstverschuldeten Krisen) die Banken auf Kosten der Steuerzahler, also des "kleinen Mannes", zu retten.

Dafür begründete Nakamoto eine neue Währungseinheit, den Bitcoin. Er ist nicht, wie der Name vermuten lässt, eine anfassbare Münze ("coin"), sondern der Bitcoin existiert nur "kryptisch", also in verschlüsselter Form, auf unserem Computern. Nakamoto definierte ihn als: 
digitale Geldeinheit in einem weltweiten dezentralen Zahlungssystem.
Das Regelwerk für dieses Währungssystem, also der Computer-Code, liegt offen und für jeden Nutzer einsehbar als "open source" vor. Jeder, der einen PC oder ein Smartphone besitzt, kann sich kundig machen und sich an der Bitcoin-Technologie beteiligen. Dass dies nicht so ganz einfach ist, sei nur am Rande erwähnt.

Damit der Bitcoin nicht (wie die allermeisten FIAT- und Papiergeldwährungen) durch Inflation seinen Wert verliert, oder von den Noten- und Geschäftsbanken "missbraucht" wird, hat N. in sein virtuelles System einige Sperren eingebaut. So dürfen bis zum Jahr 2041 maximal 21 Millionen Bitcoins ausgegeben werden, wobei heute - angesichts des Zulaufs dieser Währung - allerdings bereits 16 Millionen im Umlauf sind. Des weiteren sollte der Bitcoin jedem Computerbesitzer für Zahlungen und Überweisungen zur Verfügung stehen. Aber: nicht durch Einspeisung der jeweiligen Summe in das globale (und undurchsichtige) Bankensystem sondern als Überweisung von Person zu Person, englisch: peer to peer, bzw. p2p.


Die Wallets

Will man an Bitcoin-Finanzgeschäften teilnehmen - etwa zum Zwecke von Geldüberweisungen oder um Anlagespekulationen zu tätigen - dann benötigt man ein Konto, welches im virtuellen Raum als "wallet" bezeichnet wird. Dieses Wallet ist eine Art Geldbörse und wird nur auf dem eigenen PC oder Smartphone gespeichert. Das hat u. a. den Vorteil, dass kein Externer (also auch keine Bank!) darauf zugreifen kann. Auch andere Einschränkungen, wie die Limitierung der Überweisungshöhe, welche bei einem Girokonto durchaus üblich ist, kennt das Wallet nicht. Jeder Teilnehmer im Bitcoingeschäft ist sozusagen Herr seines eigenen Geldbeutels und kann problemlos Bitcoins in beliebiger Anzahl in die entferntesten Gegenden von Afrika oder Australien senden - sofern der Empfänger einen internetfähigen Computer mit Wallet besitzt.

Die Eröffnung eines Wallets geschieht in der Regel online nach bekannten Regularien. Das Konto wird nicht unter dem Klarnamen geführt, sondern ist extrem gut verschlüsselt, jedenfalls besser als die einst in der Schweiz und Lichtenstein üblichen Nummernkonten.  Früher konnte diese Geldbörse auch mit Bitcoins gefüllt werden, die man am eigenen Computer erzeugte. Das ist nun nicht mehr möglich, da diese Aufgabe jetzt von den Großrechenanlagen "übernommen" wurde, deren Stromaufnahme nicht selten die Leistung von Atomkraftwerken übertrifft. Deshalb wird der durchschnittliche Kleinanleger heute gezwungen, sich an einer (zumeist) asiatischen Börse mit Bitcoins einzudecken. Nicht selten entstehen dabei allerlei Wechselkurs- und Transaktionskosten, welche die Rentabilität erheblich schmälern können.


Zentrale Begriffe:   Block, Blockchain, Miner, Ledger

Kommen wir nun zur technischen Umsetzung beim Bitcoin.
Dazu muss man wissen, dass weltweit zu jeder Sekunde viele Bitcoin-Überweisungen (auch "Transaktionen" genannt), zwischen den im Netzwerk beteiligten Personen getätigt werden. Diese Transaktionen werden in sogenannten "blocks"  (deutsch: Blöcke) zu einer "blockchain" (Blockkette) zusammengefasst. Bevor sie zur Zahlung angewiesen werden, müssen sie jedoch zuerst auf ihre Gültigkeit und Fehlerfreiheit überprüft werden. Diese Aufgabe zur Validierung der Blöcke obliegt dem sogenannten "miner" (Schürfer) wofür diese (Plural!) - im Wettbewerb - eine Entlohnung in Bitcoins erhalten.  Der Begriff Miner ist vom Goldbergbau hergeleitet, wo die (Gold-) Schürfer für ihre mühevolle Tätigkeit ebenfalls (oftmals in Gold-Nuggets) bezahlt werden.

An der Validierung der Blocks arbeiten immer viele Miner gleichzeitig - aber nur einem einzigen gelingt diese Aufgabe. Dafür müssen die Miner den Block "knacken", d. h. entschlüsseln. Dies ist nach dem Algorithmus des Bitcoin-Begründers Nakamoto eine sehr aufwendige Angelegenheit, wofür aber nur der erste, dem dies gelingt, entlohnt wird. Dafür erhält er aus dem oben genannten 21-Millionen-Bitcoin-Depot für seine Leistung eine gewisse Anzahl von Bitcoins auf seinem Wallet gut geschrieben. Alle anderen gehen leer aus! Vor zehn Jahren, zur Entstehungszeit der Bitcointechnologie, konnte sich noch jeder Besitzer eines Microsoft-PC  mit Erfolg am Miningprozess beteiligen und sein Wallet mit Bitcoins füllen. Heute haben nur noch die gigantischen Serverzentren in China und anderswo eine wirkliche Chance.

Alle Zahlungen, die jemals im Bitcoinsystem getätigt wurden, sind im sogenannten "ledger" gespeichert, was in etwa mit "Zahlungs- oder Kassenbuch" zu übersetzen ist. Dieses besteht aus drei Kolonnen: der Gesamtheit der Absender und Empfänger der Transaktionen sowie der Höhe der Bitcoinüberweisungen. Das Ledger ist von allen Beteiligten weltweit einzusehbar, allerdings sind die Wallets der Sender und Empfänger verschlüsselt, also nicht mit Klarnamen identifizierbar. Durch kunstvolle Verschlüsselung der Zahlungsblöcke können die Bitcoinzahlungen stets und auf Dauer nachgewiesen werden. Diese ist einer der Gründe, warum  man beim Bitcoin von einer "Kryptowährung" spricht.


Inhärente Probleme des Bitcoin

Volatilität:  Die Kursschwankungen des Bitcoin sind beträchtlich und laden zur Spekulation ein. Wer in den sechs Wochen um Weihnachten 2017 einen Betrag von 100.000 US-Dollar in Bitcoin angelegt hat, der konnte in wenigen Wochen sein Portefeuille auf 200.000 $ vergrößern - um in weiteren wenigen Wochen wieder auf 100.000 $ zurückzufallen.
Bitcoin ist die ideale Geldform für Spekulanten und Zocker. Menschen, die ihr Geld langfristig anlegen wollen, sollten dies keinesfalls in Bitcoin tun.

Verlustrisiko:  Im Vergleich zu Aktien und sonstigen Anlageformen hat der Bitcoin ein wesentlich erhöhtes Verlustrisiko: der Wert eines Bitcoin-Wallet kann (theoretisch) bis auf Null absinken. Bei der Anlage in Aktien verbleibt (selbst bei Insolvenz des Unternehmens) immer noch ein Restwert der Firma; bei einem Festgeldkonto garantieren die Banken über die gesetzliche Einlagensicherung, einen Restwert von mindestens 100.000 Euro, die es beim Bitcoin nicht gibt.

Cyperkriminalität:  Der Verzicht auf jegliche staatliche Überwachung und Regulierung des Bitcoin lädt zur Cyperkriminalität im Internet ein. Illegaler Waffenkauf, Drogenhandel, Geldwäsche bis hin zum Terror können noch risikoloser abgewickelt werden, als dies bisher bereits im sogenannten "Dark Net" der Fall ist.
Hinzu kommen Sicherheitslücken bei Computern und Chips, wovon derzeit die amerikanischen Unternehmen Apple und Intel betroffen sind. Durch sie kann (zumindest zeitweise) das ganze Bitcoin-Netzwerk zusammenbrechen.

Kleinrechner versus Großrechner:  Die ursprüngliche Idee des Bitcoin-Begründers Satoshi Nakamoto ist weitgehend abhanden gekommen. Wegen des hohen Rechenaufwands (Operationen pro Sekunde) ist die Erzeugung von Bitcoins am "heimischen PC" nur noch eine Mär. Die Blocks können nur noch von Großrechner innerhalb von Minuten entschlüsselt werden, welche sich derzeit an so unzugänglichen Standorten wie der Inneren Mongolei und den Schweizer Alpenhöhlen befinden. Ca. 20 Prozent der bislang erzeugten Bitcoins im Wert von 4o Milliarden Dollar befinden sich angeblich im Besitze von wenigen (unbekannten) Personen. Sie werden clever auf den Markt gebracht, um - antizyklisch -  die Spekulation anzuheizen.
Und die technische Aufrüstung der Großrechner geht weiter. Inzwischen arbeiten renommierte IT-Firmen wie Apple und Google am sogenannten Quantencomputer. Er würde, vermöge seiner gigantischen Rechenkraft, jedes private Wallet in Kürze leeren - und auf die Besitzer der Großrechner umleiten.

Keine globale Finanzkrise durch Bitcoin:  Die immer wieder geäußerte Vermutung, dass durch die Verbreitung des Bitcoin eine neue Weltwirtschaftskrise (ähnlich wie 2008) ausgelöst werden könnte, ist, zumindest jetzt und in naher Zukunft unberechtigt. Der Börsenwert des Bitcoin schwankt - je nach Kurs - zwischen 200 und 400 Milliarden Dollar. Er liegt damit "nur" beim halben Jahresumsatz der weltweit größten Firma Apple. Aber selbst beim plötzlichen Totaluntergang dieses renommierten Unternehmens wäre man noch meilenweit von einer globalen Finanzkrise wie im Jahr 2008 entfernt.

Ist das Ende des Bitcoin nahe?  Eher nicht! Für einen Abgesang des Bitcoin ist es noch zu früh. Dieser Hype wird noch eine geraume Zeit andauern. Denn: Die Idee des Begründers Satoshi Nakamoto war schlichtweg genial. Ohne Einflussnahme der nationalen Notenbanken, der Geschäftsbanken und der Regierungen gestattet das Bitcoin-System große Mengen an Geld zu geringen Kosten von A nach B zu transferieren. Platt gesprochen: ein Gauner in Kasachstan kann einem anderen Gauner in Simbabwe - für krumme Zwecke - riesige Geldbeträge zukommen lassen. Und zwar ohne, dass die jeweiligen Regierungen - und die Finanzämter! -  dies verhindern könnten. Vorausgesetzt: beide besitzen ein Smartphone, wovon man heute aber ausgehen kann.
Und die Kursschwankungen? Sind die nicht abschreckend? Ganz im Gegenteil! Jeder Kursverfall animiert neue Spekulanten zum Kauf von Bitcoin, weil diese der Meinung sind, sie würden es besser machen als die "armen looser", indem sie rechtzeitig von der Kurswelle abspringen. (Was ihnen natürlich nur höchst selten gelingt). Deshalb: keine Sorge, der Bitcoin wird uns noch eine ganze Weile erhalten bleiben - zusammen mit vielen anderen virtuellen Währungen.


Konkurrierende Digitalwährungen

Die ganze Welt redet über Bitcoin. Klar, denn ein Plus von 1.318 Prozent Wertzunahme - allein im Jahr 2017 - lässt Anlagen im deutschen DAX mit 13 % Jahresgewinn recht mickrig erscheinen. Trotzdem, Bitcoin war im Jahresschnitt nicht die erfolgreichste Digitalwährung. Das war Ripple mit sagenhaften 36.018 %, vor  anderen, wie Dash, Ethereum, Litecoin etc. Derzeit gibt es (fast) 1.400 Kryptowährungen!

Anders als Bitcoin basiert Ripple nicht auf der Blockchain und wird nicht "gemint", also nicht durch Computer erzeugt. Ripple versucht das bestehende Geldsystem auf die Online-Währung zu übertragen. Die Verbindlichkeiten werden in einem öffentlichen Register aufgezeichnet, welches auf allen Computern des Ripple-Netzwerkes gespeichert ist. Erst wenn zwei Leute sich ausreichend vertrauen, kann Geld überwiesen werden. Vertrauen sich zwei Personen nicht genügend, so versucht das Netzwerk eine "Vertrauenskette" zu bilden. Beispiel: Person 1 vertraut Person 2 nicht ausreichend, will ihr aber Geld überweisen. Vertrauen beide Personen aber einer Person 3, dann wird die Transaktion über diese Person 3 abgewickelt. Auf diese Weise sickern die Zahlungen (englisch "to ripple") durch das Netzwerk hindurch. Die interne Währung XRP gilt dabei als Brückenwährung und somit als interne Verechnungseinheit.

Getragen wird die Kryptowährung Ripple von mehreren Investoren, darunter Google.
Als Berater wirkt der ehemalige CSU-Politiker Karl-Theodor zu Guttenberg.











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Die Verhunzung der Residenzstadt Karlsruhe

Karlsruhe ist eine der letzten großen europäischen Stadtgründungen auf dem Reißbrett. Der Legende nach träumte Markgraf Karl Wilhelm 1715 im Hardtwald bei Durlach von einem prachtvollen Schloss, das sonnengleich im Zentrum seiner neuen Residenz liegen sollte. Er realisierte seine Vision und die Stadtanlage ist glücklicherweise bis heute erhalten. Das Barock-Schloss liegt im Zentrum eines Vollkreises, von dem aus 32 Straßen und Alleen in alle Himmelsrichtungen verlaufen. Das südliche Viertel des Kreises bildete das bebaute Stadtgebiet und erstreckte sich bis zur heutigen Kaiserstraße. Der Grundriss erinnert an einen Fächer, weswegen Karlsruhe den Beinamen "Fächerstadt" führt. Ab 1771 war Karlsruhe die Residenz der gesamten Markgrafschaft Baden.

Mit Friedrich Weinbrenner konnte man 1797 einen genialen Architekten gewinnen, der das klassizistische Karlsruhe über ein Vierteljahrhundert prägte. Der Marktplatz mit der evangelischen Stadtkirche sowie dem Rathaus und der zur "Via Triumphalis" ausgebauten Nord-Süd-Mittelachse zählt zu den markantesten klassizistischen Platzanlagen in Europa. Weinbrenner wandelte die kleine markgräfliche Stadt Karlsruhe in die großherzogliche Residenzstadt für Baden um.


Architektonische Sünden - einst und jetzt

Im vergangenen Jahrhundert hat sich Karlsruhe stark verändert. Natürliches Wachstum, aber auch die beiden Weltkriege und Zeiten mit wenig sensiblem Bewusstsein für die Vergangenheit, haben deutliche Spuren im Gesicht der Stadt hinterlassen. Gerade in den 1960er Jahren wurde viel erhaltenswürdige Bausubstanz ohne allzu große Rücksicht auf die Historie vernichtet. In Deutschland fielen in jenen Jahren mehr Gebäude der Spitzhacke zum Opfer als in den beiden Kriegen zusammen!

Hoch bedauerlich war die Zerstörung der Altstadt. Das sogenannte "Karlsruher Dörfle" entstand als Siedlung für die am Schlossbau beteiligten Handwerker und Tagelöhner. Die Bausubstanz entsprach nie den Vorstellungen der Obrigkeit - ging doch seit jeher in den Straßen des Dörfles auch das "älteste Gewerbe der Welt" seiner Arbeit nach. Im Zuge der Altstadtsanierung (dem größten Projekt seiner Art) wurde in den 1960er Jahren konsequent fast das ganze Dörfle dem Erdboden gleich gemacht. Neue, ziemlich seelenlose, Gebäude und Straßen stehen jetzt auf dem Grund des ehemaligen Dörfles, an dessen verlorenen Charme sich manch einer der Älteren noch gerne erinnert.

Auch die Verbreiterung mancher Straßen - um Karlsruhe "autoverkehrsfähig" zu machen - hat viel historische Bausubstanz gefordert. Zu nennen ist die Kriegsstraße, wo der wuchtige Bau der Heinrich-Hübsch-Schule (1983 bis 1985 von Heinz Mohl im Rahmen der Altstadtsanierung gebaut), den Platz einstiger Wohnhäuser eingenommen hat. Die zur Kriegsstraße senkrecht verlaufende Fritz-Erler-Straße wurde anfangs fast autobahnähnlich ausgebaut und musste später, durch allerhand bautechnische Tricks, wieder künstlich verengt werden.

Eine verhängnisvolle Fehlentscheidung, welche das Karlsruhe Stadtbild schon jetzt und auch in Zukunft sehr negativ beeinflussen wird, wurde Anfang der 1990er Jahre getroffen. Um den innerstädtischen Autoverkehr zu reduzieren, beschloss die Stadtverwaltung den verstärkten Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs (ÖPNV). Obschon im Prinzip richtig, wurden damals eine Reihe fehlerhafter Maßnahmen eingeleitet, welche heute noch nachwirken. Unter dem 1. Bürgermeister Heinz Fenrich und seinem Straßenbahnchef  Dieter Ludwig wurde nämlich beschlossen, nicht nur die städtischen Tramlinien, sondern auch die regionalen S-Bahnen vorzugsweise durch die Karlsruher Einkaufs- und Flaniermeile, die Kaiserstraße zu führen.

Als Folge kam es zu permanenten Staus in der Innenstadt zwischen Marktplatz und Europaplatz, wozu auch die eigens angeschafften monströsen S-Bahn-Waggons beitrugen. Statt die Fahrrouten der S-Linien mehr zum Süden hin aufzufächern, beging das genannte Duo einen weiteren Fehler, indem sie die Planung einer Unterpflasterbahn durch die Kaiserstraße in Angriff nahm. Nach einer gescheiterten und einer (halbwegs) erfolgreichen Bürgerbefragung wurde im Jahr 2010 mit dem Bau der sogenannten "Kombilösung" begonnen. Sie beinhaltet im Wesentlichen eine 2,4 Kilometer lange U-Bahn unter der Kaiserstraße zwischen Durlacher Tor und Mühlburger Tor mit einem kurzen Südabgang, sowie einen Autotunnel unter der benachbarten Kriegsstraße und eine darüber liegende Trambahntrasse.


Bestandteile und Lage der Kombilösung

Mächtige Rampen, riesige Bahnhöfe

Bei einer U-Bahn (und sei sie die Kleinste der Welt, wie in KA gespöttelt wird) mag sich das Meiste zwar unterirdisch abspielen, aber die monströsen Bauten tun der Stadt auch an der Oberfläche Gewalt an und verändern ihr Gesicht und ihren Charakter. Während der Errichtung sowieso (siehe nächsten Abschnitt), aber auch nach der Fertigstellung. Da sind die tief einschneidenden Rampen zu nennen auf denen die Straßenbahnen unter die Erde rollen beziehungsweise aus ihr hervorkommen. In der Ettlinger Allee trennen sie die Südstadt vom Stadtgarten, in der Durlacher Allee entstellen sie den Stadtraum zwischen Bernhardus- und Lutherkirche und hinter dem Mühlburger Tor wird die Tunnelöffnung zu einem langen sperrigen Graben. Auch in der Kriegsstraße braucht man für den unterirdischen Autoverkehr weithin sichtbare Rampen und die darüber liegende Bahntrasse mit den mächtigen Oberleitungen sind auch kein ästhetischer Anblick.

Auch der Marktplatz, das Herz der Stadt, wird in seiner Symmetrie durch die Aufbauten der U-Bahn zerstört. Vor dem Portikus der Evangelischen Stadtkirche wird ein Eingang mit massiven Brüstungen aus dem Boden auftauchen und vor dem gegenüber liegenden Rathaus ist ein Kubus für einen Fahrstuhl vorgesehen, der die Pyramide des Stadtgründers recht klein erscheinen lässt. Schließlich soll der Marktplatz nicht mehr mit rotem Sandstein, sondern mit grauem Granit gepflastert werden, um den Schwerlasttransport zu ertragen. Am Durlacher Tor werden die Masten der Oberleitungen den freien Blick auf die Bernharduskirche und den Turmberg verstellen. Bei der Universität KIT fällt das einladende Entree weg, wodurch der Campus eng und verwinkelt erscheint.



Wie groß die imposanten Untergrundbauwerke sind, hat eine kürzliche Ausstellung des Architekturfotografen Dirk Altenkirch erkennen lassen und ein FAZ-Artikel von Andreas Rossmann. Generalthema: Die Stadt Karlsruhe als Gesamtkunstwerk - Wird sie es bleiben, nach all diesen Bauten? Nun, der "Malerfürst" Markus Lüpertz, von 1974 bis 1986 Professor an der hiesigen Kunstakademie, will dabei mithelfen. Ungefragt hat er der Stadtverwaltung für die sieben U-Bahnhöfe je zwei Keramiktafeln angedient, auf denen er die Schöpfungsgeschichte "Genesis - Die sieben Tage des Herrn" darstellen möchte. Darüber wurde von Kunstbeflissenen und Laien in der Stadt monatelang heftig gestritten, bis der Gemeinderat mit 28 zu 17 Stimmen die Aufstellung genehmigte. Für erst Mal sechs Jahr - und angeblich ohne Bezahlung. Die Tafeln, etwa zwei auf gut vier Meter groß, werden in den riesigen Bahnhofshallen mit den vielen blinkenden Werbeinstallationen vermutlich so wahrgenommen werden, wie zwei aufgehängte Briefmarken in einem Saal der Kunsthalle.


Versprochen - gebrochen

Bei den Bürgerbefragungen der Jahre 1996/2002 und unmittelbar vor Baubeginn 2009 wurden von der Stadtverwaltung (Fenrich/Ludwig) und der Planungsgesellschaft KASIG zu wesentlichen Punkten des Projekts - nämlich: Belästigung der Bürger und Geschäfte durch Baustellen sowie Kosten und Zeitplan - in zahlreichen Informationsschriften Stellung genommen. All diese Versprechen haben sich mittlerweile als grob falsch herausgestellt, wie nachstehend zusammengefasst wird.

1.Belästigung durch Baustellen:
Die Projektverantwortlichen behaupteten: "Beim Bauverfahren Schildvortrieb ist an der Oberfläche der Kaiserstraße nichts zu bemerken". Oder: "Ein Großteil der Baumaßnahmen in der Kaiserstraße findet unterirdisch so gut wie unbemerkt von der Öffentlichkeit statt". Oder: "Beeinträchtigungen durch Erschütterungen und Lärm sind nicht zu erwarten". Oder: "Eine Beeinträchtigung für Anwohner, Einzelhandel und Fußgängerzone wird es definitiv nicht geben".

Tatsache ist, dass die Bürger seit Jahren unter dem Lärm und Dreck der Baustellen leiden. Die Innenstadt ist praktisch eine Kraterlandschaft, der den Einkaufsbummel zum Hindernislauf macht. Die Kaiserstraße blutet aus, viele Geschäfte mussten schließen. Vor allem die östliche Kaiserstraße ist zur Ramschmeile verkommen, wo Ein-Euro- und Handy-Läden, Spielhöllen und Imbissbuden dominieren. Postkarten mit Baustellenfotos bezeugen dies.

2. Baukosten:
Die Projektverantwortlichen haben im Jahr 2002 (vor dem Bürgerentscheid!) die Gesamkosten der Kombilösung mit 500 Millionen Euro veranschlagt. Die U-Strab allein sollte 380 Mio kosten; der Umbau der Kriegsstraße war auf 120 bis 150 Mio kalkuliert.

Tatsache ist, dass dieser Kostenplan längst überzogen wurde. Schon im April 2013 sprach der Karlsruher Oberbürgermeister Frank Mentrup von 750 bis 800 Millionen Euro Gesamtkosten. Inzwischen geht man von rund 900 Millionen aus; für den Umbau der Kriegsstraße sind bereits 225 Mio kalkuliert. In den Medien kann man lesen, dass das Projekt inzwischen wohl die Milliardengrenze überschritten hat.

3. Zeitplan:
Die Projektverantwortlichen haben im Vorfeld zum Bürgerentscheid 2002 angekündigt, dass die Kombilösung zum 300-jährigen Stadtgeburtstag fertig sein würde ("City 2015"). Im Okober 2009 erklärte die Kasig, dass der Tunnelbau im Juli 2016 und die Kriegsstraße zwei Jahre später frei von Baustellen sein würde.

Tatsache ist, dass der U-Bahn-Betrieb unter der Kaiserstraße (irgendwann) zwischen den Jahren 2020 und 2025 aufgenommen werden wird; über die spätere Fertigstellung der Kriegsstraße gibt es derzeit keine verbindliche terminliche Bekanntmachungen.


Schlussbemerkungen

Der Bau der Kombilösung hat den Karlsruher Bürgern bisher schon sehr viel Nerven, Geld und Zeit gekostet - und ist dennoch überflüssig wie ein Kropf.

Stattdessen: 
hätte man die innerstädtischen (schmalen) Strassenbahnen oberirdisch durch die Kaiserstrasse dirigieren sollen - zur Freude der Nutzer, die während einer bequemen Fahrt die Auslagen der Geschäfte hätten studieren können.

Und die voluminösen regionalen S-Bahnen hätte man teils über den Kongressplatz, teils über den Hauptbahnhof leiten sollen. Ein Nord-Süd-Pendelbus vom Hauptbahnhof zum Marktplatz hätte die Kauflustigen der Umgebung zu den Geschäften der Kaiserstraße gebracht.

Dieses Modell hätte unter anderem den Charme gehabt, dass es innerhalb einer Woche umsetzbar gewesen wäre - zum Nulltarif!

Zur nervlichen Beruhigung der Karlsruher Bürger trägt ein Oberbürgermeister bei, der in seinem Normalberuf nicht etwa Bauingenieur, sondern ausgebildeter Psychiater ist. Und ein 1. Bürgermeister für die Sicherheit in den U-Bahn-Schächten, der ein studierter Theologe ist.

Nichts geht über Professionalität!




Sonntag, 10. Dezember 2017

Sind Bücher aus der Mode?

Vielleicht täusche ich mich: aber wenn man in dieser Adventszeit durch die Buchhandlungen schlendert, hat man den Eindruck, dass die Menschenschlangen an den Kassen (im Vergleich zu  früher) kürzer geworden sind. Und auch die jungen Mädchen, welche mit flinken Fingern die Bücher zu attraktiven Geschenken verpacken, haben jetzt weniger zu tun. Das Geschäft mit dem Buch brummt nicht mehr so wie ehedem. Über die Gründe dafür möchte ich in diesem Blog etwas spekulieren.


Weniger Buchhandlungen

Es ist eine statistische Tatsache, dass die gesamte Buchbranche - Händler und Verlage - seit Jahren bei einem Umsatz von 9 Milliarden Euro stagniert. Die Online-Versender, an allererster Stelle Amazon, vermögen noch leicht zuzulegen und machen damit wett, was der stationäre Buchhandel verliert. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels, als Ausrichter der Deutschen Buchmesse, hat kürzlich bekannt gegeben, dass er in den vergangenen zehn Jahren ein Drittel seiner einst 7.000 Buchhandlungen und Verlage als Mitglieder verloren hat. Tendenz: weiterhin fallend. Weltweit ist die Situation ähnlich. In den USA werden von einem Debüt-Roman noch nicht einmal 2.000 Exemplare verkauft - und das in einem Land mit 325 Millionen Einwohnern.



Bücher, Bücher, Bücher

In Deutschland sind die führenden Buchhandlungen Hugendubel, Thalia und Weltbild. Hugendubel hat sein Flaggschiff auf dem Münchener Marienplatz von einst 3.600 Quadratmeter auf ein Drittel reduziert. Früher hatte das Unternehmen 100.000 Bücher im Bestand, heute nur noch die Hälfte. Auch Thalia hat Platzangebot und Sortiment restrukturiert. Und Weltbild musste im Jahr 2014 sogar Insolvenz anmelden; die Firma ging auf neue Eigentümer über. In Karlsruhe wurde kürzlich die altrenommierte Universitätsbuchhandlung geschlossen und - höchst profitabel - in eine Bäckereifiliale der "Badischen Backstub´" mit angeschlossener Café-Lounge umgewandelt. Die baubedingte rückläufige Kundenfrequenz in der Innenstadt macht vor allem dem stationären Buchhandel zu schaffen. Nicht wenige Kleingeschäfte um die Ecke sehen im Buchhandel nur noch ein nostalgisches Geschäftsmodell und geben frustriert auf. 


Weniger Bestseller

Die deutschen Buchhändler sehen dem Weihnachtsgeschäft mit Sorge entgegen. Überragende Bestseller gibt es in diesem Jahr nicht, auch wenn die angelsächsischen Autoren Dan Brown und Ken Follet durchaus das Zeug haben, den Absatz etwas zu beleben. Aber bestenfalls gleichen sie den Wegfall der Harry-Potter-Bücher vom Vorjahr aus. Das Abebben der Potter-Konjunktur ist wohl mitverantwortlich dafür, dass der Umsatz bei den Jugendbüchern in den vergangenen Wochen so abgesackt ist.--- Ganz auf Null zurück gegangen ist der Verkauf der Enzyklopädien, z. B. des 20-bändigen Brockhaus, einst der Stolz jedes deutschen Studienrats. Hier haben das Internetlexikon Wikipedia und die Suchmaschinen von Google ganze Arbeit geleistet.

Der vor Jahren beschriebene E-Book-Boom ist zur Ruhe gekommen. Etwa 5 Prozent der Deutschen laden sich solche Bücher auf Ihr Lesegerät Tolino oder Kindle herunter. Von Wachstum ist nichts zu spüren, woran auch der nur geringe Preisunterschied von gedrucktem und elektronischem Buch verantwortlich sein könnte. Auf dem anderen Teilmarkt der Hörbücher ist der Anteil noch geringer als bei den elektronischen Büchern. Positiv wird sich in Zukunft wohl die zunehmende Verbreitung der Abspielgeräte auswirken. Mit dem neuen Smartphones hat inzwischen fast jeder ein solches Gerät in der Hosentasche.


Die Smartphone Generation

Apropos Smartphone: wenn man heute durch die Straßen geht, oder mit der der Bahn fährt, kann man dauernd Jugendliche beobachten - aber selten ohne Smartphone in der Hand. Wie manisch gucken sie  permanent auf dieses flache Ding, "checken" ihre Nachrichten oder tippen selbst Mails, SMS oder Chats ein. Am Strand ein Buch zu lesen - gar eine Tageszeitung - ist für diese Generation praktisch out.

Kein Wunder, dass die neueste internationale IGLU-Studie festgestellt hat, dass es mit der Lesefähigkeit der deutschen Schüler schlecht bestellt ist. Jeder vierte Jugendliche verlässt die Grundschule, ohne richtig lesen zu können, ganz zu schweigen von der Fähigkeit zur Interpretation und Analyse von Texten. Ein Buch von hundert oder gar zweihundert Seiten wird von diesen Heranwachsenden gar nicht mehr in die Hand genommen. Wenn das vormals so gelobte deutsche Bildungssystem es nicht mehr schafft, allen Kindern das Lesen beizubringen,  wie sollen diese Menschen als Erwachsene im verschärften internationalen Wettbewerb bestehen?

Dass die Sucht zum Smartphone noch vor wenigen Jahren deutlich weniger ausgeprägt war und sich erst in letzter Zeit geradezu exponentiell entwickelt hat, zeigt sich an einer PR-Aktion, welche der bekannte Schweizer Verlag "Diogenes" noch vor fünf Jahren ungestraft veranstalten durfte. Die Verlagsmanager hatten sich vor Weihnachten eine Werbekampagne mit Karten, Postern und Tüten ausgedacht, in der sie mit einfachen Sätzen den Zeitgeist und das Lesen kommentierten. Ein Beispiel: "Während Sie dieses Buch lesen, finden Sie keine Freunde bei Facebook". Der Markt hat - damals - noch durchaus positiv und mit Amusement auf diese "Warnung" reagiert.


Einige Buchempfehlungen 

Trotz aller oben geäußerten Bedenken, ist ein gutes (und schön verpacktes) Buch als Mitbringsel immer noch das Geschenk der Wahl. Es wird allenfalls überboten von einer Flasche Champagner, die in etwa gleich viel kostet. Diese bleibt allerdings nur selten unentkorkt, während das Buch schon mal ungelesen weiter verschenkt wird.

Da wir vor dem Weihnachtsfest stehen, möchte ich es wagen, drei Bücher zu empfehlen, wovon ich die beiden ersten (keine Neuerscheinungen!) wirklich - und mit großem Genuss - gelesen habe. Da ist zunächst der 640-Seiten-Roman "Unterleuten" von Juli Zeh. (btb-Verlag, als TB 12 Euro). Es ist ein Gesellschaftsroman, der das Dorf Unterleuten im heutigen Brandenburg beschreibt. Dort gibt es (nach der Wende) viele Originale, welche anfangs gut zusammenleben, aber schließlich in heftige Streitereien geraten. Auch die Idylle kann zur Hölle werden. Fantastisch - wirklich unglaublich fantastisch -  ist der Schluss dieses Romans. Er schlägt jeden Thriller, obwohl das Buch nicht zum Genre der Krimis gehört.

Der zweite Roman, den ich empfehlen möchte, zählt nicht zur großen Literatur, aber er ist sehr spannend. Man kann ihn auf der Couch lesen und zwischendurch Glühwein und Weihnachtsplätzchen genießen. Es ist ein Thriller vom englischen Starautor Robert Harris und führt den Titel "Konklave". (Heyne-Verlag, 350 Seiten, als TB 10 Euro). Er beschreibt die Wahl eines Papstes im Vatikan, nach dem Tod des gegenwärtigen Papstes, in dem man unschwer Franziskus erkennen kann. Aus aller Herren Länder reisen die 117 Kardinäle an und begeben sich zum Konklave in die Sixtinische Kapelle. Es beginnt ein Machtpoker, bei dem viele anfängliche Favoriten scheitern und bei dem schließlich ein nahezu unbekannter Kardinal zum neuen Papst gewählt wird. Spannende Lektüre!

Auch ich lasse mir zu Weihnachten ein Buch schenken: den Tyll von Daniel Kehlmann. (Rowohlt, 474 Seiten, 23 Euro). Es ist die alte Geschichte vom Eulenspiegel", aber in neuer Aufmachung und zeitversetzt in den Dreißigjährigen Krieg (1618 - 1648). Tyll reist darin als Vagant, Schausteller und Provokateur durch die vom Krieg verwüsteten deutschen Lande und begegnet dabei allerlei Jongleuren, Henkern und Fürsten, also vielen sogenannten kleinen und großen Leuten. Ihre Schicksale verbinden sich in dem Roman zu einem Zeitgewebe und damit zum Epos dieser deutschen Urkatastrophe im beginnenden Mittelalter.
Warum mich das interessiert? Nun, im nächsten Jahr jährt sich der Beginn dieses Kriegs zum 400. Mal und ich möchte darüber bloggen.

Sonntag, 3. Dezember 2017

Zocken verboten

Geld anlegen, bis hin zu wetten, spekulieren, ja zocken, scheint ein menschliches Bedürfnis zu sein. Wie sonst könnte man sich die Existenz der vielen Toto- und Lottostellen, bis hin zu den riesigen Casinostädten wie Las Vegas erklären. Im privaten Bereich findet die Wettleidenschaft meist ein natürliches Ende, wenn die eigenen finanziellen Ressourcen erschöpft sind. Und fast immer stellt man fest, dass die Gesetze der Wahrscheinlichkeit den Wettanbieter favorisieren. Ganz anders ist die Situation, wenn man die Möglichkeit hat mit fremden Geld zu spekulieren, beispielsweise mit Mitteln aus dem  staatlichen Bereich. Da kann man mutiger sein und höhere Einsätze riskieren. Das Ende ist aber auch hier das Gleiche: fast immer endet die Zockerei mit einem hohen Verlust.

Dies musste auch die vormalige Pforzheimer Oberbürgermeisterin Christel Augenstein und ihre Stadtkämmerin leidvoll erfahren. Vor gut zehn Jahren, als die Börsenkurse nach dem Platzen der sogenannten Internetblase wieder anstiegen, versuchten die beiden Damen, die Finanzen der Goldstadt Pforzheim durch spekulative Geschäfte aufzubessern. Dabei "geholfen" haben die beiden einst renommierten Geldinstitute Deutsche Bank und J. P. Morgan. Sie dienten ihre (hochriskanten) Finanzprodukte, wie Derivate, Swaps, Futures und Optionen an, welche große Gewinne in die Stadtkassen schleusen sollten. Das Gegenteil war der Fall. Am Ende stand ein Verlust von 57 Millionen Euro, wofür die beiden Beamtinnen kürzlich (in erster Instanz) zu Gefängnisstrafen mit Bewährung verurteilt wurden. Einen Teil ihrer Pensionen werden sie sicherlich los sein. Die Mannheimer Wirtschaftsstrafkammer bewertete das Finanzmanagement der beiden nämlich als "verbotene Spekulation", auch wenn keine persönliche Bereicherung stattgefunden hatte.

Ich warne davor, über die beiden verurteilten Amtsträgerinnen voreilig den Stab zu brechen. Was man beim Agieren mit Großbanken alles erleben kann, darüber habe ich eine eigene Geschichte zu erzählen.



Viel Geld

Es war anfangs der neunziger Jahre, als ich beim ehemaligen Kernforschungszentrum Karlsruhe zum Finanzchef für die nukleare Stilllegung ernannt wurde. Diesem eigenständigen Geschäftsbereich oblag die Aufgabe, die vier Kernkraftwerke KNK II, MZFR, KKN und HDR sowie die Wiederaufarbeitungsanlage WAK bis zur Grünen Wiese rückzubauen. Meine Aufgabe bestand im Wesentlichen darin, das erforderliche Geld heranzuschaffen, für die ordentliche Verwendung zu sorgen und mit den Investoren zum Jahresende abzurechnen.

Das Geld für den Abriss der Kernkraftwerke kam i. W. von Bund und Land und war jährlich anzufordern. Für die Wiederaufarbeitungsanlage WAK leistete die Chemische Industrie eine einmalige Zahlung von 1.000 Millionen D-Mark, womit die vorherige 20-jährige betriebliche Nutzung abgegolten war. Unter Abzug der Anlaufkosten ergab sich eine restliche Summe von ca. 800 Millionen DM - der sogenannte WAK-Fonds - über den ich zu wachen hatte. Diese Summe legte ich in etwa zu gleichen Teilen bei den damaligen vier Großbanken an, nämlich der Deutschen Bank, der Dresdner Bank, der Commerzbank und der Baden-Württembergischen Bank. Nach den Bestimmungen des öffentlichen Dienstes hatte dies mündelsicher zu geschehen, also durch den Kauf von Bundesanleihen und Pfandbriefen.


Allerlei Verlockungen

Meine konservative Anlegerpolitik gefiel den genannten Großbanken nicht, denn außer über Kauf- und Depotgebühren verdienten sie an der beträchtlichen Summe von 800 Millionen DM praktisch nichts. So war es kein Wunder, dass sie mich immer wieder zu Gesprächen einluden, um mir "rentablere Anlageschemen" vorzuschlagen. Zumal die Börsenkurse damals im Steigen waren und die Renditen der Festverzinslichen eher stagnierten.

Häufig vorgebracht wurde der Vorschlag zur Auflegung eines "Spezialfonds" für die WAK-Gelder. Alle großen Banken hatten seit Jahren Spezialfonds zur Vermögensverwaltung von Großkunden eingerichtet. Dies waren beispielsweise Stiftungen, Kirchen, Pensionskassen oder Versicherungen. So hatte die Deutsche Bank 1995 nicht weniger als 32 Spezialfonds etabliert, welche 3,2 Milliarden an Kundengeldern verwalteten. Dies waren im Mittel hundert Millionen DM pro Fonds, d. h. die 800 Millionen WAK-Gelder hätten für das Auflegen eines Spezialfonds dicke ausgereicht. Im Endeffekt konnten wir uns nicht zur Einbringung der WAK-Gelder in einen Spezialfonds entschließen. Meine eigene, zugegebenermaßen etwas simple Meinung zur Vermögensverwaltung durch Fremde hatte ich von meinem Vater, einem erfolgreichen Unternehmer, übernommen. Er pflegte zu sagen: "Willy, ein intelligenter Mensch gibt sein Geld nicht aus der Hand".


Explodierende Aktienkurse

Mitte der neunziger Jahre setzte ein Börsen-Boom ein, bei dem die Aktienkurse konstant in die Höhe gingen. Besonders zu beobachten war das bei Kleinunternehmen (sogenannten "start-ups") aus dem Internet, der Biochemie und dem Bankgewerbe. Sie wurden anfangs von risikobereiten privaten Kapitalgebern finanziert, aber bald von den Großbanken "unter die Fittiche genommen" und zu Aktiengesellschaften umgewandelt. Die Deutsche Börse richtete ein eigenes Börsensegment, den "Neuen Markt" (NEMAX) ein, der noch mehr in die Höhe schoss, als der konkurrierende und relativ konservative DAX 30. (Heute ist der Nemax längst eingedampft).



Der DAX 30 im historischen Verlauf von 1985 bis heute

Die Volkswirtschaftler verkauften der staunenden und gutgläubigen Käuferwelt flugs eine neue Theorie: die "New Economy". Derzufolge waren Gewinn und Umsatz dieser Minifirmen nachrangig. Es genügte, dass sie auf einem Gebiet arbeiteten, das "sexy" war und, dass sie viele Mitarbeiter hatten, die in flachen Hierarchien angesiedelt waren und sich allesamt, bis hinauf zum Chef, duzten. Beispielhaft dafür waren die Firmen Pixelpark, Intershop und Consors. Sie besaßen einen Börsenwert von, sage und schreibe, 30 Milliarden Mark, womit sie den Volkswagenkonzern mühelos übertrafen. Dabei machte VW damals einen Jahresumsatz von 147 Milliarden Mark, die drei Zwerge noch nicht einmal eine halbe. Und VW gehörten weltweit viele Dutzend Fabriken und Immobilien, während das Vermögen der drei Kleinfirmen aus ca. 2.000 PC bestand, vergleichbar mit einem Call-Center.

Zwischen den Jahren 1999 und 2000 explodierten die Börsenkurse der Internetfirmen geradezu. Die BILD-Zeitung berichtete fast täglich über neue deutsche Jungmilliardäre und viele Menschen  -bislang dem Börsenhandel fern - plünderten ihre Sparbücher, um damit Internetaktien zu kaufen. Sogar Stammtische wandelten sich spontan in Aktienvereine um und statt "contra" und "re" hieß es jetzt "kaufen" bzw. "halten". Der Aktienhandel war zum Volkssport geworden. In dieser Goldgräberstimmung verscherbelte Siemens clever die gewinnarme Halbleiterfertigung Infineon und Telekom brachte eine weitere Tranche ihrer "Volksaktien" unter die Leute, was viele Unbedarfte um viel Geld brachte.


Der Crash

Am 13. März 2000 war die Party zu Ende.
Als die Internetfirmen in ihren Bilanzen nur Verluste meldeten, wollten plötzlich alle verkaufen und die Kurse krachten nach unten. Der Kurs der Pixelpark-Aktie, der nach der Ausgabe 1999 innerhalb eines Monats von 5 auf 60 DM gestiegen war und dann innerhalb weniger Monate bis auf 338 DM, fiel wieder auf 5 DM zurück. Aus vielen, vorher heißbegehrten Aktien, waren "penny-stocks" geworden, deren Wert sich jetzt im Pfennigbereich bewegte. Die Internetfirmen mussten den Großteil ihre Personals entlassen. Und die Mitarbeiter, die "Pixels", richteten zum Verdruss ihres Chefs Paulus Neef, aber zur Freude der Gewerkschaften, sogar einen Betriebsrat ein.

Die Deutsche Börse beschloss, ihr vorher hochgeschätztes Technologiesegment NEMAX aufzulösen. Viele Menschen hatten viel Geld verloren und waren zum Teil sehr arm geworden. Auch der Wert des DAX fiel von 8.000 im Jahr 2000 auf 2.400 im Jahr 2003. Den ursprünglichen Wert von 8.000 erreichte er erst vier Jahre später - und da befanden wir uns bereits (ohne es zu ahnen) in der nächsten Krise, der amerikanischen Immobilienkrise. --- Ohne signifikante Beschädigung kamen nur die genannten drei deutschen Großbanken aus dieser Malaise. Sie hatten rechtzeitig "Kasse gemacht" und außerdem fette Provisionen bei den Börsengängen der Internetfirmen bezogen. Dass sie dabei sehr fahrlässig bei der Bewertung dieser Jungfirmen waren, wurde von der Börsenaufsicht leider nicht bemängelt und schon gar nicht sanktioniert.


Nachschrift

Es gelang mir (auch durch Unterstützung des Vorstands H.-H. H) den WAK-Fonds mit seinen 800 Millionen DM Inhalt von diesem turbulenten Börsengeschehen fernzuhalten. Er vermehrte sich nur spartanisch - aber mündelsicher - über die marginalen Zinserträge der Staatsanleihen und Pfandbriefe.

Nicht selten wurde ich damals ob meiner "Naivität" belächelt.
Indes, meine (kärgliche) Pension
wurde nach dem Eintritt in den Ruhestand, nicht reduziert.


Mittwoch, 22. November 2017

Kahlschlag bei Siemens?

Vor gut sechs Jahren wurde die sogenannte Energiewende - praktisch im Alleingang - von der Bundeskanzlerin Angela Merkel eingeläutet. Im Kern war es ein Programm zur radikalen sofortigen bzw. kurzfristigen Stilllegung von 17 deutschen Kernkraftwerken und ihren Ersatz durch dezentrale Stromversorgungseinheiten, insbesondere gespeist durch Sonne und Wind. Dieser Schwenk sollte u. a. zur Schaffung neuer Arbeitsplätze beitragen. Originalton Merkel bei der Einweihung eines Labors der Firma Bosch: "Wir werden wunderbare Dinge erleben". 

Diese trat im Bereich der Sonnenenergie rasch ein, allerdings anders als erwartet. Durch die überhöhten Einspeisevergütungen wurden die chinesischen Kollektorhersteller auf den deutschen Markt gelockt, welche mit ihren Niedrigpreisen die heimischen Modulproduzenten bald in die Insolvenz trieben. Beispielhaft seien die einstigen deutschen Börsenstars genannt: Solarworld, Q-Cells, Centrotherm, Solon und Solar Millenium.

Auf dem Gebiet der Windenergie sammelte die Firma Prokon etwa 1,45 Milliarden Euro Fremdkapital zum Bau von Windrädern ein und musste 2014 Insolvenz anmelden. Die vielen Anleger waren an dem Projekt über sog. Genussrechte beteiligt und gingen fast durchweg leer aus.

Der nächste Schlag traf die Energieversorgungsunternehmen, also die Stromfirmen. Insbesondere wegen der gesetzlich erzwungenen Vorzugseinspeisung von Strom aus Erneuerbaren Energien, sank bei RWE im Jahr 2014 sowohl der Umsatz als auch der Gewinn drastisch. Der Konkurrent EON sah sich veranlasst, den Konzern in zwei Teile aufzuteilen, musste aber trotzdem einen Verlust von 3,1 Milliarden Euro hinnehmen. Die EnBW finanzierte ihre Mini-Dividende von 69 Cent pro Aktie aus der Substanz zu Lasten eigentlich notwendiger Investitionen.

Nun, im Jahr 2017, ist die Energiewende auch bei der Elektrofirma SIEMENS angekommen. Umfangreiche Personalentlassungen und die Stilllegung ganzer Standorte wurden kürzlich vom Vorstand angekündigt; ihre Ursachen und Auswirkungen sollen in diesem Blog beschrieben werden.


Massive Strukturprobleme

Die Firma Siemens wurde am 1. Oktober 1847, also vor ziemlich genau 170 Jahren, von dem Ingenieuroffizier Werner Siemens und seinem Feinmechanikermeister Johann Georg Halske als die Telegrafen Bau-Anstalt Siemens & Halske in Berlin gegründet. Heute, nach vielen Umwandlungen, ist Siemens ein riesiger Technologiekonzern mit 380.000 Mitarbeitern weltweit und einem Jahresumsatz von ca. 80 Milliarden Euro. Seit August 2013 wird das Unternehmen von dem Betriebswirt Joe Kaeser (60) geführt, der dort zuvor sieben Jahre lang als Finanzvorstand tätig war. Die Hauptgeschäftsfelder des Mischkonzerns Siemens sind derzeit Energietechnik, Medizintechnik, Mobilität und Gebäudemanagement.

Als Nachfolger von Peter Löscher und (den in eine Korruptionsaffäre verstrickten) Heinrich von Pierer brachte Kaeser das Unternehmen anfangs durchaus voran. Aber seit einem halben Jahr scheint dem Siemenschef die Fortune verlassen zu haben. Insbesondere im wichtigsten Geschäftsfeld Energie gehen die Umsätze drastisch zurück. Die Bestellungen für große Gasturbinen, früher ein gutes Geschäft, sind stark eingebrochen. Statt 200 dieser Großkomponenten werden nur noch 130 gebraucht, um die sich Siemens mit General Electric und Mitsubishi herumbalgt. Noch schlimmer, nämlich um 70 Prozent, ist der Markt für Dampfturbinen eingeknickt. Kleinere dezentrale Anlagen werden jetzt nachgefragt, um die Schwankungen bei Wind- und Sonnenstrom auszugleichen. Große Einheiten sind Auslaufmodelle und stehen auf Halde. Immer deutlicher wird, dass Siemens den Weltmarkt nach der Energiewende falsch eingeschätzt, ja verschlafen,  hat.



                           Turbine von Siemens, derzeit wenig gefragt (Wiki)

Hinzu kommen noch teure Ankäufe von Beteiligungen zur falschen Zeit. So wurde die amerikanischen Firma Dressler-Rand (ein Ausrüster für Öl- und Gasanlagen) Mitte 2014, kurz vor dem Absacken der Ölpreise zum Hochpreis von fast 8 Milliarden Euro erworben. --- Auch das Geschäft mit Windrädern, das die Energiewende nutzen sollte, läuft nur schleppend. Der Ankauf der spanischen Windkraftfirma Gamesa war kein Erfolg, denn seit April d. J. reduzierte sich ihr Börsenwert um mehr als die Hälfte. Schuld daran sollen operative Verluste und kulturelle Grabenkämpfe zwischen deutschen und spanischen Ingenieuren sein.



Der Katalog der Grausamkeiten

Vor einer guten Woche hat der Siemensvorstand den Stecker gezogen. Angekündigt wurde der Abbau von Personalstellen samt Werksschließungen. Weltweit sollen nahezu 7.000 Beschäftigte freigesetzt werden, davon ca. 4.000 in Deutschland. Diese Maßnahmen werden sich über die kommenden zwei bis drei Jahre erstrecken. Am stärksten ist das Geschäftsfeld Öl und Gas (Power and Gas) und das Geschäft mit Großkraftwerken tangiert; dort sollen 6.200 Arbeitsplätze bedroht sein. Schlimm trifft es die ostdeutschen Werke, weil Görlitz (720 Mitarbeiter) und Leipzig (200) in Gänze geschlossen werden sollen. Auch das traditionsreiche Berliner Dynamowerk mit 570 Beschäftigten wird den Betrieb aufgeben müssen. Für den Generatorenstandort Erfurt wird ein Käufer gesucht. Nach Möglichkeit sollen die Entlassungen sozialverträglich abgewickelt werden; betriebsbedingte Kündigungen werden aber nicht ausgeschlossen.

Die Proteste der Siemens-Mitarbeiter in den Medien und auf der Straße sind seit Tagen vernehmbar.  Auch der gescheiterte SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz hat sich in die Kontroverse eingeklinkt und den Stellenabbau bei Siemens (am Rande seiner Koalitionsgespräche beim Bundespräsidenten Frank Steinmeier) als volkswirtschaftlich irrsinnig und verantwortungslos scharf kritisiert. Darauf reagierte Joe Kaeser mit einem "Offenen Brief". Er wies darauf hin, dass Siemens allein in den vergangenen fünf Jahren 20 Milliarden Euro an Steuern und Abgaben an den deutschen Staat überwiesen habe. Wegen der Energiewende, die in "Ausführung und Timing" höchst unglücklich war, habe der Konzern reagieren müssen, denn in Deutschland gäbe es kaum mehr Nachfrage nach Gas- und Kohlekraftwerken. Der Siemens-Vorstand habe die Pflicht, absehbare Strukturprobleme rechtzeitig und proaktiv anzugehen.


Die neue Konzern-Strategie von Joe Kaeser 

Eigentlich erscheint Siemens als eine kerngesunde Firma. Im Geschäftsjahr 2016 haben 380.000 Beschäftigte, davon 115.000 in Deutschland, einen Umsatz von 83 Milliarden Euro und einen Gewinn von 9,5 Milliarden Euro erwirtschaftet. Wie konnte es vor diesem Hintergrund zu den oben beschriebenen Unruhen in dem Unternehmen kommen, angesichts der Aufkündigung von "nur" 7.000 Arbeitsplätzen in den kommenden Jahren? Nun, dahinter verbirgt sich eine weitreichende Änderung der Unternehmensstrategie, welche kurz beschrieben werden soll.

Unter Kaesers Vorgängern, nämlich Heinrich von Pierer, Klaus Kleinfeld und Peter Löscher wurde Siemens als klassischer Mischkonzern (engl. Konglomerat) geführt. Die verschieden hohen Gewinne der einzelnen Geschäftsbereiche (Divisionen) wurden am Jahresende gewissermaßen zusammengeworfen und daraus ein Gesamtgewinn ermittelt. Gewinnschwache Divisionen wurden hinsichtlich der erforderlichen Investitionen über etliche Jahre alimentiert, sprich quersubventioniert und so mitgeschleppt. (So wie das auch im städtischen Haushalt zuweilen  noch üblich ist, wo der Strombereich häufig die Straßenbahnen finanziell unterstützt.)

Dieses altruistische Management wird heute nicht mehr gerne gesehen. Es sind insbesondere die Fondsmanager und Börsenanalysten, welche die Konzernchefs vor sich hertreiben. Joe Kaeser hat daraus die Konsequenz gezogen, indem er - metaphorisch gesprochen - Siemens nicht mehr wie einen großen, trägen Tanker führt, sondern wie eine Anzahl von kleinen, aber wendigen Schnellbooten. Jede Siemens-Sparte hat die Pflicht so gut zu sein, wie der stärkste Wettbewerber weltweit. 11 bis 13 Prozent Rendite vom Umsatz sind die Zielmarke. Das war im vergangenen Jahr bei den Divisionen Medizin und Mobilität der Fall, aber eben nicht bei den Turbinen und Generatoren. In der Konsequenz streicht Kaeser deren Arbeitsplätze, bis Fabrikation und Nachfrage wieder im Lot sind.

Für die Mitarbeiter bei Siemens ergibt sich daraus die ungewohnte Situation, dass ihre Arbeitsplätze plötzlich unsicher werden, wenn sich das politische Umfeld verändert, wie bei der Energiewende. Für die deutschen Spitzenpolitiker hat dies die Konsequenz, dass ihre Entscheidungen im Bundestag eine schnelle und sichtbare Folge auf dem Beschäftigungsmarkt haben können.

Sonntag, 5. November 2017

Martin Luther: der erste Medienstar

Heute, vor genau 500 Jahren, am 31. Oktober 1517, soll Martin Luther, als 31-jähriger Augustinermönch in schwarzer Kutte, seine 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg genagelt haben. Mit dieser Schlüsselszene der deutschen Geschichte hat die sogenannte Reformation begonnen. Diese Lehrsätze waren aber nur einem Fachpublikum verständlich, denn Luther hatte sie noch in der damaligen Gelehrtensprache Latein verfasst. Schon deshalb konnte die "Disputatio pro declaratione virtutis indulgentiarum" kein öffentlicher Aufreger sein. Der kam erst einige Monate später, aber dann mit gewaltiger Wucht.


Die Verwendung der deutschen Sprache

Im März 1518 schrieb Luther seine etwas langatmigen lateinischen Thesen um, und zwar verkürzt und in deutscher Sprache. Das war eine Sensation, denn bis dato waren fast alle Druckwerke auf Latein erschienen. Im "Sermon von Ablass und Gnade" reduzierte er die sperrigen Thesen auf 20 knappe Absätze. Klipp und klar sagte er darin: "Du sollst vor allem deinen nächsten Armen geben, statt unnütze Ablassbriefe zu kaufen, mit deren Erlös der Papst nur die Peterskirche in Rom finanziert".

Prediger und öffentliche Vorleser verbreiteten den Leseunkundigen Luthers Ideen von der Kanzel herab oder auf dem Marktplatz. Menschentrauben bildeten sich, wo immer der Sermon in deutscher Sprache verkündet wurde. Die leicht verständlichen Formulierungen wurden zum Fanal. Luther erschloss mit ihnen eine neue gesellschaftliche Sphäre: die Öffentlichkeit. Er demokratisierte damit das Wissen um die Religion.


Die Nutzung des Buchdrucks

Für die Verbreitung des "Sermon" nutzte Luther erstmals in großem Umfang den Buchdruck, welcher Mitte des 15. Jahrhunderts von dem Mainzer Kaufmannssohn Johannes Gutenberg erfunden worden war. Diese Revolution zur maschinellen Herstellung von Büchern verbreitete sich anfangs erstaunlicherweise nur schleppend. Dafür gab es zwei Gründe. Zum einen war das Buch damals immer noch Luxusgut, das nur von Fürsten und Bischöfen für ihre repräsentativen Bibliotheken aufgekauft werden konnte. Zum anderen wurden damals fast alle Bücher in Latein verfasst, was die breite Bevölkerung als Käuferschicht ausschloss. Die typische Auflage eines Buchs lag zu jener Zeit bei 200 Exemplaren.

Luther war der erste "Schriftsteller", der die Möglichkeiten des neuen Mediums Buchdruck zu nutzen verstand. Er perfektionierte das Format, reduzierte den Preis und steigerte die Auflage. Von den 45 Werken, die er in den Jahren 1518 und 1519 veröffentlichte, hatte die Hälfte gerade mal acht oder weniger Seiten Umfang. Nach heutigem Verständnis würden wir von "Flyer" sprechen. Sie waren schnell hergestellt und konnten billig unter die Leute gebracht werden. Kaum fassbar, dass in den beiden genannte Jahren 250.000 bis 300.000 Exemplare verkauft wurden.


Die Illustration der Texte

"Ein Bild sagt mehr als tausend Worte", dieser Spruch galt schon im Mittelalter. Wie sonst wäre die aufwendige Ausmalung der Kirchen zu begreifen. Luther hatte besonderes Glück, weil der Hofmaler von Friedrich III, dem Kurfürsten von Sachsen, Gefallen an ihm gefunden hatte. Es war der berühmte Lucas Cranach der Ältere, neben Albrecht Dürer der bedeutendste deutsche Renaisssancekünstler. Fast alle Luther-Portraits, wohl um die 300 (!), entstammen exklusiv den Cranach-Werkstätten, wo auch noch seine Söhne Hans und Lukas Cranach der Jüngere mithalfen. Luther wusste um die Wirkung dieser Bilder. Er signierte und verschickte diese Portraits, wie es heute Popstars und Politiker mit ihren Fotographien tun. Der Name Wittenberg kommt bald hinzu, gewissermaßen als Qualitätssiegel und Herkunftsnachweis.

Luthers Flugschriften gibt Lukas Cranach ein unverwechselbares Erscheinungsbild: ein dekorativer Rahmen und ein aufwendig gestalteter Holzschnitt auf dem Titelblatt. Der Holzschnitt bietet einen entscheidenden produktionstechnischen Vorteil: Die Illustration lässt sich zusammen mit dem Text in einer Druckform umsetzen. So können Bild und Text - anders als beim Kupferstich -in einem einzigen Arbeitsgang gedruckt werden. Der Name des Autors, (früher nie prominent auf dem Titel), wird immer stärker hervorgehoben, ebenso wie der Name der Stadt Wittenberg. Zwischen den Jahren 1520 und 1526 erscheinen etwa 11.000 Flugschriften mit einer geschätzten Gesamtauflage von elf Millionen Exemplare. Honorare kassierte Luther für seine Erzeugnisse übrigens niemals; er wollte sich nicht dem Vorwurf aussetzen, dass er seine Ideale "verkaufe". Luther reichte sein (relativ bescheidenes) Professorengehalt, aufgebessert durch die Zimmervermietung seiner Frau ("der Lutherin") an Studenten der hiesigen Universität.


Die Luther-Bibeln

Als über den standhaften Luther 1520 in Worms die "Reichsacht" verhängt wurde, ließ ihn sein Beschützer Kurfürst Friedrich, genannt "der Weise", auf der Rückreise aus Sicherheitsgründen abfangen und auf die Wartburg verbringen. Unter dem Tarnnamen "Junker Jörg" ließ sich Martin Luther Haare und Bart wachsen und litt unter großer Langeweile. Es soll sein Freund Philipp Melanchton gewesen sein, der Luther zur Übersetzung des Neuen Testaments der Bibel überredete. Luther hatte in seinem Asyl lediglich die lateinische Bibelübersetzung "Vulgata" zur Hand und einige griechische Texte von Erasmus. Trotzdem war das Werk in nur 11 Wochen vollendet. Als er Anfang März 1522 wieder nach Wittenberg zurückkehren durfte, hatte er das fertige Manuskript im Gepäck. Das Neue Testament wurde zu einer bibliophilen Kostbarkeit. Meister Cranach stattete allein die Apokalypse mit 11 ganzseitigen Holzschnitten aus und pünktlich zur Leipziger Buchmesse im September 1522 lag es in der hohen Anfangsauflage von 3.000 Exemplaren vor und kostete nur einen Gulden. Noch im Dezember des gleichen Jahres wurde schon eine verbesserte Auflage nachgedruckt.


Die Lutherbibel 1534

Das Alte Testament der Lutherbibel war ein Gemeinschaftswerk. Etwa ein Dutzend Mitarbeiter waren daran beteiligt, insbesondere Kenner der hebräischen Sprache. Die besondere Aufmerksamkeit galt der sachkundigen Übersetzung des 1. Buch Mose. Die Lutherbibel wurde in die regionale frühneuhochdeutschen Sprechsprache übertragen. Die Gebrüder Grimm bezeichneten später Luther als den Wegbereiter des Neuhochdeutschen. Die Gesamtausgabe des Alten Testaments lag im Jahr 1534 vor und wurde wieder opulent grafisch ausgestattet von der Werkstatt Cranach. Heutige Marketingexperten würden von "Corporate Identity" sprechen, welche Lukas Cranach d. Ä. als "Chefdesigner" dem Werk angedeihen ließ. Von Anfang an wurde die Lutherbibel ein "Bestseller" bei den mittel- und norddeutschen "Protestanten".

Am 18. Februar 1546 starb Martin Luther 63-jährig in seiner Geburtsstadt Eisleben an einem Herzleiden. Der Erfolg der Reformation bedeutete zugleich die Spaltung der römischen Christenheit.
Heute zählt man ca. 800 Millionen protestantisch-evangelische Gläubige. 

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