Samstag, 15. November 2008

Gorleben ist nicht Asse

Gorleben steht wieder voll in der öffentlichen Diskussion, insbes. wegen der Atommülltransporte dorthin. Viele halten das in der Nähe dieses Ortes liegende atomare Endlager für ungeeignet, nur wenige kennen es aus eigener Ansicht. Einige Menschen verweisen auf die trüben Erfahrungen mit dem Versuchsendlager Asse II - und diese muss man ernst nehmen. Deshalb dieser Blog.

Es ist wohl bekannt, dass man den deutschen Atommüll - soweit er stark radioaktiv ist - in geologischen Steinsalzformationen lagern will. Von diesen kegelförmigen Lagern, auch "Dome" genannt, gibt es in Niedersachsen mehr als 200 in verschiedener Grösse. Sie entstanden vor ca. hundert Millionen Jahren, haben die Auffaltung der Alpen sowie ein Dutzend Eiszeiten und Zwischeneiszeiten überdauert und sind demnach geologisch ausserordentlich stabil. Insbesondere aber sind sie "trocken", d.h. sie stehen nicht in Verbindung mit der Biosphäre und schon gar nicht mit dem Grundwasser. Sonst wären sie nämlich längst weggeschwemmt.

Als in Deutschland um 1965 die ersten Forschungsreaktoren und Kleinkraftwerke radioaktiven Abfall produzierten, wollte man sich - versuchsweise - mit der Endlagerung dieser Nuklide befassen. Die Gesellschaft für Strahlen- und Umweltforschung (GFS) erwarb im Auftrag des Bundes das aufgelassene Steinsalzbergwerk Asse II, südlich von Braunschweig gelegen, und beging dabei eine Reihe verhängnisvoller Fehler, die bis zum heutigen Tag nachwirken.

Fehler Nr. 1 war die Wahl des Standorts. Asse II liegt in enger Nachbarschaft zu den Salzstöcken Asse I und Asse III; beide waren bereits seit Jahrzehnten "abgesoffen", womit man bergmännisch das Volllaufen mit Wasser bezeichnet. Und selbst für Asse II sind zwischen 1906 und 1988 nicht weniger als 29 Wassereinbrüche dokumentiert. Angeblich wurden sie erfolgreich abgedichtet oder waren "vernachlässigbar klein" - bei immer noch um die 500 Liter pro Tag. Egal, diesen risikoreichen Salzstock hätte man nie und nimmer auswählen dürfen, insbes. da so viele Unbeschädigte zur Verfügung standen. Hinzu kam, dass er wegen des früheren Salzabbaus bereits sehr durchwühlt war; mehr als 100 riesige Kammern (sprich: Hohlräume) beeinträchtigten seine Stabilität.

Fehler Nr. 2 betraf das Genehmigungsverfahren. Statt des rigiden Atomrechts, wie es die Einlagerung radioaktiver Substanzen eigentlich erfordert, wählte man - bis heute, übrigens - das weitaus "grosszügigere" Bergrecht. Nach dem atomrechtlichen Verfahren wäre der Salzstock Asse II wegen seiner Wasserprobleme nie in Betracht gekommen.

Fehler Nr. 3 war die Einlagerungsmethode. Die Metallfässer, in denen man den Abfall anlieferte, wurden zum grössten Teil über eine Salzböschung in die Einlagerungskammern abgekippt und anschliessend mit losem Salz bedeckt. Man nannte das bildhaft "einpökeln", etwas vulgärer hätte man auch vom Betrieb eines "Plumpsklos" sprechen können. Insbesondere, weil die spätere Rückholung der Fässer damit praktisch unmöglich wurde.

Fehler Nr. 4 war die Tatsache, dass zwischen 1967 und 1978 nicht weniger als 126.000 Fässer mit schwach- und sogar mittelaktivem Abfall in Asse II eingelagert wurden. Von einer versuchsweisen Einlagerung kann man bei einer solchen Menge nicht mehr reden; da war eine Routineentlagerung im Gange. Die Fässer stammten zur Hälfte vom Kernforschungszentrum Karlsruhe und der dortigen Wiederaufarbeitungsanlage WAK. Meist handelte es sich um Laborabfälle, aber auch ca. 25 kg Uran und 6 kg Plutonium sind in Asse abgekippt worden.

Ich will mit der Aufzählung der grössten Fehler hier aufhören; man könnte noch einige weitere hinzufügen. Mittlerweile zeigen sich ernste Schäden am Salzstock, welche den Betreiber (er nennt sich jetzt Helmholtzinstitut) und die Gutachter, von denen sich einer gar als "Endlagerpapst" titulieren lässt, Tag und Nacht rotieren lassen. Denn seit 1988 laufen - täglich! - 12 Kubikmeter Salzlauge über die Südflanke des Bergwerks ein, wobei Ursache und Ort noch unbekannt sind. Das gefährdet logischerweise zusätzlich die Standsicherheit des verbliebenen Salzstocks. Seit mehreren Jahren versucht man diese gefährdete Südflanke mit Rückstandssalz zu verfüllen, was sich aber bis jetzt als vergebliche Mühe herausstellt. Zur Zeit wird wieder mal ein Schliessungskonzept für Asse II erarbeitet, das u.a. den Einbau von Strömungsbarrieren vorsieht. Es ist nicht unumstritten und man muss sehen was die Zukunft noch alles bringt. Auf alle Fälle wird die sichere Schliessung des Bergwerks noch lange dauern und viel Geld kosten.

Vergleicht man Asse II mit Gorleben, dem Referenzsalzstock für alle deutsche hochaktive Abfälle (HAW), so ist Gorleben wesentlich positiver zu bewerten. Zum einen ist dieser Salzstock rund 500 mal grösser als Asse und darüberhinaus befindet er sich in "jungfräulichem" Zustand. Das bedeutet, dass er nie angeritzt wurde, da er vorher nicht als Salzbergwerk genutzt worden ist. Mit Wassereinbrüchen hat man in Gorleben also nicht zu rechnen. Dieser Salzstock ist seit vielen Jahrmillionen trocken und wird es wohl noch eine Zeitlang bleiben. Senkrechte Schächte ausserhalb des Doms sind mit einen Stollen in 800 Metern Tiefe verbunden, wie man das im heutigen "Tatort"-Krimi der ARD gut sehen konnte. Das Endlager Gorleben ist gut exploriert und die Experten sind zu der Erkenntnis gelangt, dass dort die Lagerung von HAW sicher möglich ist. Trotzdem verlangte die frühere rot-grüne-Koalition ein 3 bis 10-jähriges Moratorium, währenddessen die weitere Erkundung des Salzstockes aus politischen Gründen unterbrochen wird. Selbstverständlich geschieht die Genehmigung des Endlagers Gorleben nicht nach dem Bergrecht, sondern nach dem weit strikteren Atomrecht.

Zurück zu Asse II. Bundesumweltminister Sigmar Gabriel gerierte sich in den letzten Monaten als dessen heftigster Kritiker. In Presseerklärungen gibt er sich entsetzt über die dortigen Zustände und spricht von der "problematischten kerntechnischen Anlage Europas". Vielleicht hat er recht, aber warum hat er selbst die Dinge in der Vergangenheit so sträflich schleifen lassen?

Immerhin war er von 1999 bis 2003 Ministerpräsident des Landes Niedersachsen und auch jetzt noch ist er Bundestagsabgeordneter des Wahlkreises Salzgitter/Wolfenbüttel - worin
Asse II gelegen ist.

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