Mittwoch, 19. November 2008

Morsleben ist nicht besser

Viele wissen es nicht: es gibt in Deutschland noch ein zweites Endlager für radioaktive Stoffe, das - ähnlich wie Asse II - jahrelang betrieben worden ist. Wir haben es von der guten, alten DDR geerbt und es hat den beklemmenden (lateinisch anklingenden) Namen Morsleben. Ähnlich wie Asse II wurde auch in Morsleben bei der Einlagerung von Abfällen unglaublich fahrlässig umgegangen - aber das soll der Reihe nach erzählt werden.

Geographisch liegt Morsleben im heutigen Sachsen-Anhalt, an der Grenze zu Niedersachsen beim ehemaligen Übergang Marienborn/Helmstedt. Merken Sie etwas? Alle deutsche Endläger - Asse II, Gorleben und Morsleben - sind an der früheren Zonengrenze gelegen. Wollte man sich gegenseitig etwas Gutes zukommen lassen?

Auch in Morsleben wurde ein halbes Jahrhundert lang (Kali-) Salz abgebaut. Entsprechend durchwühlt war das Bergwerk mit seiner Vielzahl von Schächten und Stollen. Während des Dritten Reichs wurde es sogar zwei Jahre lang als unterirdische Werkhalle genutzt. 2500 deutsche und ausländische Häftlinge des nahen Konzentrationslager Ravensbrück montierten dort den Düsenbomber Me 262 und die Raketen V1 und V2.

Ab 1965 nutzte die DDR den Salzstock zur Einlagerung ihrer Nukearabfälle aus den Reaktorstandorten Rossendorf, Rheinsberg und Greifswald. Noch vor der Erteilung der atomrechtlichen Genehmigung wurden bereits hunderte von Tonnen abgekippt. Schliesslich befanden sich etwa 15.000 Kubikmeter schwach- und mittelaktiver Abfall in dem maroden Bergwerk und zusätzlich über 6-000 Strahlenquellen.

Nach der Wiedervereinigung 1990 fiel das Endlager Morsleben an die Bundesrepublik. Einige jubelten, weil man (nach Asse II) nun ein zweites genehmigtes Endlager besass. In Wirklichkeit war es ein Danaergeschenk. Sachkundige Kritiker verwiesen schon zu Beginn auf die Laugenzuflüsse aus dem Deckgebirge, und hielten den Weiterbetrieb des Lagers für "lebensgefährlich bis kriminell". Sie wurden nicht gehört. Bundesumweltminister Klaus Töpfer - später in Nairobi zum Atomgegner mutiert - liess sich nicht beirren, trieb die Einlagerung voran und bezeichnete sie als "rechtmässig und sicher". Auch seine junge Amtsnachfolgerin A. M. , der noch eine grosse Karriere bevorstehen sollte, ignorierte die Expertenwarnungen. Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS), schliesslich, versagte vollends. Es bestätigte zwar das Einsickern von Wasser in die Grube, sah dadurch aber nicht die Sicherheit des Endlagers gefährdet. (Dass die gleiche Behörde BfS ab 2009 Asse II "retten" soll, ist, gemessen an der Inkompetenz, welche sie bei Morsleben bewiesen hat, geradezu ein Witz.)

Im Zeitraum von 1994 bis 1998 wurde die Riesenmenge von 27.000 Kubikmeter Abfälle , vorzugsweise aus Westdeutschland, in Morsleben "entsorgt". Aber 1998 musste abrupt der Stopp der Einlagerung verfügt werden. Inzwischen war allen bewusst geworden, dass der Salzstock unmittelbar einsturzgefährdet war. Die Aushöhlungen, die Gewichte der Gebinde und der Laugenzufluss hatten seine Statik extrem riskant werden lassen. Seitdem bemüht man sich, ähnlich wie in Asse, um die "Schliessung" des Endlagers.

Mehrere hundert Millionen Euro wird das wohl kosten und viele Jahre dauern. Eine ziemliche Pleite.

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