Sonntag, 2. August 2009

Ladies (not) first

Physik ist eine Domäne der Männer. Den statistischen Beweis dafür liefert die Liste der Nobelpreisträger. Von den 135 Nobelpreisen in Physik, die seit dem Jahr 1901 vergeben worden sind, gingen nur zwei an Frauen: die Polin Marie Curie erhielt den einen 1903 für die Entdeckung der Radioaktivität und die Amerikanerin Maria Goeppert-Mayer den anderen 1963 für die Aufklärung der nuklearen Schalenstruktur. Zwei weitere Frauen hätten diese Ehrung 1945 bzw. 1957/58 verdient gehabt: die Österreicherin Lise Meitner und die Chinesin Chien-Shiung Wu.

Frau Wu wurde 1912 als Tochter eines Schuldirektors in der Nähe von Shanghai geboren. Sie verliess ihre Heimat nach dem Physikstudium im Alter von 23 Jahren, um an der Universität von Kalifornien in Berkeley zu promovieren. Wegen der Kriegswirren in China und Europa blieb sie in den USA, heiratete dort und forschte an der Columbia-Universität, insbesondere über den Beta-Zerfall.

1956 trat ein Ereignis ein, das sie hellwach werden liess. Ihre chinesischen Landsleute, die theoretischen Physiker Lee und Yang - ebenfalls in den USA forschend - behaupteten in einem wissenschaftlichen Artikel die sog. Verletzung der CP-Invarianz. Etwas vereinfacht gesprochen bedeutet dies, dass in der Elementarteilchenphysik die Vertauschung von rechts und links einen Unterschied machen kann; bei einer räumlichen Spiegelung müssen Original und Spiegelbild nicht immer ununterscheidbar sein. Vorher hatte man angenommen, dass in einem physikalischen System sich die Gesetzmässigkeiten nicht ändern, wenn gleichzeitig alle Teilchen durch Antiteilchen ersetzt und alle Raumkoordinaten gespiegelt werden.

Lee und Yang postulierten noch, dass diese Paritätsverletzung im Bereich der sog. Schwachen Wechselwirkung feststellbar sein müsse. Dazu gehört der Beta-Zerfall und Frau Wu fühlte sich herausgefordert zum "experimentum crucis". Tatsächlich gelang ihr 1957 der experimentelle Nachweis für die bislang nur theoretische Vermutung ihrer Landsleute.

Aber die Enttäuschung folgte bald. 1957 erhielten Lee und Yang den Nobelpreis für Physik; Frau Wu jedoch ging leer aus. Auch in den folgenden Jahren wurde sie übergangen. Die Ursachen für diese Nichtbeachtung sind unbekannt; das Stockholmer Nobelkomitee begründet seine Entscheidungen nicht. Dabei hatte das Wu-Experiment weitreichende Auswirkungen bis hinein in die Kosmologie. In den 60er Jahren erkannte der russische Physiker (und Dissident) Andrej Sacharow, dass die CP-Verletzung wohl die Voraussetzung dafür ist, dass im Weltall die Materie gegenüber der Antimaterie dominiert. (Zur Zeit des Urknalls waren diese Materieteilchen noch im gleichen Verhältnis generiert worden.) Man kann ohne Übertreibung sagen, dass es das heutige Universum mit uns Menschen ohne die CP-Verletzung nicht geben würde, denn Materie und Antimaterie hätten sich gegenseitig vernichtet. Das All wäre "wüst und leer".

Chien Wu übte selbst keine Kritik an dieser offenkundigen Zurücksetzung. Sie forschte weiter über den Beta-Zerfall und las in ihrer Freizeit chinesische Literatur. Im Februar 1997 starb sie in den USA.

Lise Meitner, die andere Nobelpreiskandidatin, wurde 1878 in Wien als Tochter eines (jüdischen) Rechtsanwalt geboren. (1908 trat sie der evangelischen Kirche bei). Nach dem Physikstudium bei Ludwig Boltzmann an der Universität Wien ging sie 1909 zur weiteren Ausbildung - als unbezahlter Gast - ans Chemische Institut der Berliner Universität. Ihr Arbeitsraum war anfangs eine ehemalige Holzwerkstatt; das Institut durfte sie nur durch den Hintereingang betreten, da im damaligen Preussen Frauen noch nicht zum Universitätsbetrieb zugelassen waren.

Dort traf sie auf den jungen Chemiker Otto Hahn, mit dem sie in der Folge 31 Jahre lang auf dem Gebiet der Radiochemie zusammenarbeiten sollte. Im Verlauf der Jahre stieg sie zur Professorin für Kernphysik auf an der nunmehr den Frauen geöffneten Berliner Universität und erhielt eine eigene Abteilung für Radiophysik. Gemeinsam mit Hahn entdeckte sie eine Reihe radioaktiver Isotope, darunter das Protactinium, das Actinium C und das Thorium D. Im Jahr 1933, nach der Machtübernahme der Nazis, wurde ihr die Lehrerlaubnis an der Universität aufgrund ihrer jüdischen Abstammung entzogen. Man gestattete ihr jedoch, ihre Bestrahlungsexperimente mit Neutronen am (nicht- staatlichen) Kaiser-Wilhelm-Institut mit Otto Hahn weiter zu führen. Nach der Annektierung Österreichs wurde die Situation für Lise Meitner in Deutschland lebensbedrohlich und sie entschloss sich im Sommer 1938 zur Flucht nach Schweden.

Als Hahn und sein Mitarbeiter Fritz Strassmann im Dezember 1938 in einer mit Neutronen bestrahlten Uranprobe nach Transuranem suchte, fanden sie Spuren des Elements Barium. Hahn schloss auf ein "Zerplatzen" des Urankerns in mittelschwere Atomkerne und veröffentlichte dies im Januar 1939 in der Zeitschrift "Die Naturwissenschaften" - ohne Meitner als Co-Autorin zu benennen. Er informierte jedoch seine frühere Kollegin vorab per Brief nach Schweden über diese Experimente und seine Schlussfolgerungen. Lise Meitner und ihr Neffe Otto Robert Frisch - auch er war inzwischen nach Schweden emigriert - lieferten umgehend die erste theoretisch-physikalische Erklärung der Kernspaltung und publizierten dies im Februar 1939 in der englischen Zeitschrift "Nature". Frisch prägte dabei den Begriff "nuclear fission" (Kernspaltung), der in der Folge international benützt wurde.

Nach Beendigung des 2. Weltkriegs 1945 erhielt Otto Hahn "für die Entdeckung der Kernspaltung" den Nobelpreis in Chemie des Jahres 1944 (!). (Angeblich war dieses Jahr für ihn "freigehalten" worden). Lise Meitner und auch Otto Robert Frisch gingen leer aus. Unverständlich ist das vorallem für Frau Meitner. Sie hatte seit 1933 mit Hahn auf diesem engen Thema zusammengearbeitet und - wie viele Veröffentlichungen zwischen 1933 bis 1939 beweisen - sich dabei der Entdeckung der Kernspaltung sukzessive genähert. Dass sie beim letzten entscheidenden Experiment nicht mehr mitwirken konnte, war einzig ihrer erzwungenen Emigration geschuldet. Dafür hatte sie jedoch, siehe oben, die erste authentische Erklärung für dieses Phänomen geliefert.

Da Hahn für diese Entdeckung mit dem Nobelpreis in Chemie ausgezeichnet wurde, wäre für Meitner ohne Probleme ein Platz im Physikbereich verfügbar gewesen. Etwa zusammen mit ihrem Landsmann Wolfgang Pauli, der 1945 für sein berühmtes Ausschlussprinzip zu Recht den Physik-Nobelpreis erhielt. Ganz Österreich hätte dieses Duo bejubelt. Die Stockholmer Juroren haben davon aber aus unerfindlichen Gründen keinen Gebrauch gemacht und - trotz anhaltender Kritik - auch in späteren Jahren nicht. Lise hat sich an den Diskussionen um ihre Person nicht beteiligt. Sie starb (ledig) im Oktober 1968 - im gleichen Jahr wie Otto Hahn.

Auch Hahn selbst hätte sich stärker für seine Kollegin Meitner (und seinen Mitarbeiter Fritz Strassmann) einsetzen können. Sein Wort hätte Gewicht gehabt; indes, er hat es unterlassen. Er genoss jedoch erkennbar, Namenspatron für hunderte von "Otto-Hahn-Gymnasien" in der Republik zu sein.

Noch schlimmer: er liess es geschehen, dass das ansonsten renommierte Deutsche Museum in München 35 Jahre lang den "Arbeitstisch von Otto Hahn" zeigte, der in Wirklichkeit so nicht existierte. Diese Assemblage auf etwa einem Quadratmeter grossen Holztisch zeigte fast ausschliesslich Gegenstände aus Meitners Labor, nämlich die Neutronenquelle, eine Uranprobe, einen Paraffinzylinder, Detektoren, Verstärker, Zählrohre, Bleiabschirmungen und einige Batterien. Auf die chemischen Trennarbeiten von Hahn wies (symbolisch) nur ein Erlenmayerkolben und eben das Uran hin. In der Realität waren diese (und weitere Gegenstände) auf drei separate Räume verteilt: den Bestrahlungsbunker, den abgeschirmten Messraum und das Labor für die chemischen Abtrennarbeiten. Nur letzteres war wirklich Otto Hahn zuzurechnen. Lise Meitner bewies Grösse, indem sie diese Okkupation ihrer Arbeitssphäre nie kommentierte.

Trotzdem, die Verantwortung für die Nichtverleihung des Nobelpreises an Meitner trifft letztlich das Stockholmer Komitee. Wer dort damals das Sagen hatte, blieb bis heute weitgehend im Dunkel.

Ganz sicherlich gab es unter diesen grauen Herren keine Alice Schwarzer.

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