Sonntag, 15. November 2009

Gas im Überfluss?

Die USA sind derzeit von einem "Gas-Rausch" erfasst. Gas, ein besonders edler Brennstoff, weil er relativ wenig Kohlendioxid produziert, ist bislang knapp und teuer, da die Weltvorräte schon in 30 bis 40 Jahren zu Ende gehen sollen. Nun hat man neue Ressourcen entdeckt, welche diesen Zeitpunkt bis zum Jahrhundertende und darüberhinaus verschieben könnten.

Freilich handelt es sich nicht um das klassische Erdgas, das als Nebenprodukt bei der Erdölförderung gewonnen wird, sondern um ein Naturgas, das sich in geschichtetem Sedimentgestein befindet. Im amerikanischen Sprachgebrauch heisst es "shale-gas" (Schiefergas), wobei nicht der Schiefer im petrographischen Sinne gemeint ist, sondern eben das Sedimentgestein aus eingetrockneten Meeren früherer Jahre. Abgestorbene Kleinlebewesen, Algen und Plankton sind in vielen Meeresregionen in die Tiefe gesunken und haben über Jahrmillionen durch bakterielle Zersetzung Kohlenwasserstoffe (insbes. Methan) in den Sedimentfolgen gebildet.

Grundsätzlich bekannt waren diese Energievorräte schon seit längerer Zeit. Neu ist, dass sich in den letzten Jahren die technischen Methoden, wie Bohrtechnik und Gastransport dramatisch verbessert haben. Die Ausbeutung dieser Lagerstätten mit vertretbaren Kosten und Umweltrisiken scheint nun technisch möglich geworden zu sein.

Die renommierte amerikanische Zeitung "The New York Times" berichtete kürzlich (am 10. Oktober 2009) auf Seite 1, dass nach Expertenschätzungen diese Gasvorräte den 200- bis 600-fachen Jahresverbrauch der USA entsprechen würden. Inbes. in Texas, Lousiana und Pennsylvania wurde schon so viel Gas gefunden, dass die Gaspreise in den Vereinigten Staaten beträchtlich nach unten gedrückt werden konnten.

Ein ganz besonderer Vorzug dieses Naturgases ist, dass es auf der ganzen Erde vorkommt. In China und Indien vermutet man riesige Vorkommen und wenn man bedenkt, dass vorallem in China bislang jedes Jahr hundert (schmutzige) Kohlekraftwerke in Betrieb genommen werden müssen, dann könnte die Umstellung auf Naturgas die ökologische Situation dieser Schwellenländer drastisch verbessern. Auch in Europa haben die Explorationen bereits begonnen. Exxon macht Versuchsbohrungen in Deutschland, Total in Frankreich und die italienische ENI sowie die norwegische Statoil, haben sich in einigen US-Staaten eingekauft, um die Bohrtechniken zu erlernen. Bedenkt man die Abhängigkeit Europas (und Deutschlands) vom russischen Erdgas und die regelmässigen Unterbrechungen bei der Durchleitung durch die Ukraine, so könnte das Naturgas signifikant zur Autonomie auf diesem bislang prekären Energiegebiet beitragen.

In den USA sieht man sogar noch weitere Konsequenzen. Bekanntlich möchte dieses Land in den nächsten Jahren mehrere Kernkraftwerke bauen. Sollte das Naturgas aber alsbald in genügender Menge und zu wirtschaftlich stabilen Preisen zur Verfügung stehen, dann könnten die Nuklearprogramme gekippt werden zugunsten von Gaskraftwerken mit niedrigeren Kapitalkosten.

Und die Vereinigten Staaten, welche sich bisher strikt weigerten, den Kyoto-Vertrag zu unterzeichnen, könnten plötzlich als ökologischer Musterknabe dastehen.

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