Sonntag, 22. November 2009

Künstlerinnen unter sich

Brigitte M.: Hallo, habt ihr schon das nächste Jahr geplant? Fahren wir wieder nach Basel zur art-Austellung?

Gaby O.: Bin mir nicht sicher, habe manches noch von diesem Jahr in schlechter Erinnerung: viele Bilder und Skulpturen in enge Kabüffchen gequetscht und ebenso gequetscht fühlt man sich als Besucher.

Ursel R.: Ja, die Kuben des Minimalisten Donald Judd stehen neben den trash-Skulpturen eines Jonathan Meese und niemand stört es, dass die Werke sich gegenseitig die Luft nehmen.

Brigitte: Das ist eben typisch für diese Kunstmessen: das Heterogene wird homogenisiert bis man selbst krudeste Gegensätze für vereinbar hält. Man wird bestürmt von tausend Eindrücken, sieht alles und sieht nichts.

Gaby: Ein Zapping-Erlebnis, fast wie beim Fernsehen. Man springt hin und her, weil man immer wieder hinter der nächsten Stellwand das grosse Erlebnis erwartet.

Ursel: Und die Geschäfte der Galeristen laufen bestens; inzwischen verkaufen sie auf Messen mehr Kunstwerke als zuhause in ihren Galerien. Der Handel hat das Hinterzimmer verlassen und sucht das Marktgeschrei.

Brigitte: Ähnliches geschieht auf den Auktionen. Wie die Messen erzeugen die Auktionshäuser vorwiegend Emotionen. Stille, oder gar Erhabenheit bei der Betrachtung der Werke ist nicht mehr gefragt.

Gaby: Es zählen die Rekordumsätze und die Rekordpreise. Die Qualität eines Kunstwerks muss man nicht mehr - wie früher - mühsam im Kunstwerk selbst suchen, sondern sie ergibt sich aus dem Preis.

Ursel: Ja, manche "Kunstkenner" sehen in der Versteigerung die einzige Möglichkeit, den Wert eines Bildes festzustellen. Die teuersten Werke sind die besten. Basta!

Brigitte: Völlig verrrückt ist, dass man neuerdings für Bilder der klassischen Moderne weit höhere Preise bezahlt als für seltene ältere Kunstwerke. Jackson Pollock schlägt Jan Vermeer und Damien Hirst überbietet Peter Paul Rubens.

Gaby: Womit wir bei den Sammlern wären. Für den in durchsichtigen Kunststoff eingelegten Hai von Hirst hat ein Sammler satte 12 Millionen Dollar hingelegt.

Ursel: Nun, was tut man nicht alles um die physische Unsterblichkeit ständig vor Augen zu haben.

Brigitte: Die meisten Sammler haben ihr Geld als selbständige Unternehmer verdient; warum sollten sie nur Autos und Rennyachten kaufen, wenn Kunst langfristig viel wertbeständiger ist.

Gaby: Aber kurzfristig kann es schon mal zum crash kommen. Der japanische Unternehmer Ryoai Saito kaufte vor zwanzig Jahren Vincent van Goghs Gemälde "Portrait des Dr. Gachet" für 82,5 Millionen Dollar und verlor in der darauffolgenden Immobilienkrise damit viel Geld.

Ursel: Trotzdem, nirgendwo verwandelt sich viel Geld so umstandslos in Prestige wie beim Kunsthandel. Flick, Guggenheim etc. etc. sind der Beweis.

Brigitte: Insbesondere seit Sammler nicht nur kaufen und in öffentlichen Museen ausstellen, sondern sich sogar ihre eigenen Museen von internationalen Stararchtitekten bauen lassen.

Gaby: Reinhold Würth in Künzelsau und Frieder Burda in Baden-Baden sind da prominente Beispiele. In der Kurstadt wird inzwischen die altehrwürdige Kunsthalle fast an die Wand gedrückt und muss um ihre Existenz fürchten.

Ursel: Oftmals drücken grosse Privatsammler auch ihre Bestände in öffentliche Museen, wie es im Falle von Udo Brandhorst bei der Neuen Pinkothek in München geschehen ist und durch Ströher im Bonner Kunstmuseum.

Brigitte: Und nicht selten kommt es dabei zum Krach mit der Museumsleitung, wenn der Sammler sich nicht hinreichend gewürdigt fühlt. Ganze Sammlungen werden plötzlich wieder abgezogen und auf den Auktionsbühnen der Welt zu Geld gemacht. Die zeitweilige Präsentation in einem renommierten Museum hat den Wert der Objekte in aller Regel deutlich erhöht.

Gaby: Zuweilen läuft es aber auch umgekehrt. Die Sammlung des knorrigen Lothar-Günter Buchheim in seinem grossen alten Haus in Feldafing am Starnberger See enthielt ja nicht nur Bilder von Erich Heckel und Ernst Ludwig Kirchner sondern auch Karusselpferde aus Holz, Zirkusplakate, Wurzelhölzer, Briefbeschwerer, Muscheln und Murmeln. Diese Trouvaillen waren in den Schränken seiner Privatwohnung gewissermassen ein Gesamtkunstwerk. Sie wirken aber vergleichsweise steril und mager seit sie in das von Günter Behnisch am Seeufer erbauten Museum überführt wurden.

Ursel: Sprechen wir mal vom Künstler, schliesslich steht er am Anfang der "Nahrungskette".
Und der alte Spruch, wonach die Kunst nach Brot geht, stimmt wohl noch immer.

Brigitte: Ja, wie man in der "ZEIT" lesen konnte, können 95 Prozent der Abgänger aus Kunstakademien von ihrer erlernten Kunst nicht leben und werden vom Ehepartner durchgeschleppt oder fahren Taxi.

Gaby: Gut sind diejenigen dran, denen es geglückt ist, Werke mit hoher Wiedererkennbarkeit zu produzieren. Da hat sich einer auf Autoschrott (John Chamberlain) spezialisiert, der andere auf Nägel (Günther Uecker)...

Ursel: ...der nächste zerschlitzt Leinwände (Lucio Fontana) oder hängt die Bilder kopfüber (Georg Baselitz) oder legt Tierkadaver ein wie der schon genannte Damien Hirst.

Brigitte: So erkennt eben auch der eiligste Museumsbesucher schon im Vorbeigehen, dass es sich bei diesen Werken um "Kunst" handelt - auch wenn er den Namen des Künstlers häufig nicht parat hat.

Gaby: Eben hat irgendeine Weltorganisation den 19. November zum "Tag der Toilette" ernannt, weil es davon angeblich zu wenige gäbe. Dazu fällt mir doch gleich Marcel Duchamp ein, der schon 1917 ein Toilettenbecken mit seinem Namen signierte und anschliessend zum Kunstwerk erklärte.

Ursel: Ja, und Piero Manzoni lieferte dazu das Pendant, indem er 1959 seine berühmte "Merda d´Artista" (Künstlerscheisse!) produzierte. Gleich 90 Dosen zu je 30 Gramm füllte er ab und verkaufte sämtliche Werke - oder sollte man sagen Privaterzeugnisse? - zum (damaligen) Preis von einer Unze Gold.
Was sie wohl heute noch wert sind?

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