Sonntag, 13. November 2011

Golfen Sie schon?

Zum ersten Mal kam ich in den USA mit Golf in Berührung. Unmittelbar nach meinem Studium in München, wurde mir eine Arbeitsstelle in Washington D.C. angeboten und dort forschte ich ein gutes Jahr auf dem Gebiet der Festkörperphysik. Noch Junggeselle, mietete ich mir ein Apartment direkt am Golfplatz meiner Firma. An den Abenden und insbesondere den Wochenenden war Golfspiel mit den Arbeitskollegen sozusagen Pflicht.

Meine Wohnung lag ganz in der Nähe des vertrackten Loches 4 und durch das Küchenfenster konnte ich immer wieder (schwächere) Spieler beobachten, welche dieses Loch offensichtlich mit dem falschen Schläger anspielten, wodurch der Ball entweder im vorgelagerten Sandbunker landete oder über das Grün hinausflog. Bevor es zu solchen Unglücken kam, gab ich manchem Spieler gelegentlich per Zuruf den Tipp: "iron seven". Landete der Ball dann auf dem "green", weil richtigerweise das 7er Eisen benutzt wurde, so mehrte das meinen Ruf als Golfkundiger.

Wieder nach Deutschland zurückgekehrt, konnte ich hier das Aufblühen des Golfsports miterleben. Anfangs gab es nur ganz wenige Golfplätze und die Clubbeiträge waren erheblich. Deswegen sah man auch wenige Spieler auf den Parcours, stattdessen zumeist reifere, ältere Herrschaften. Ein bezeichnender Witz machte die Runde: "Haben Sie noch Sex - oder spielen Sie schon Golf"?  Mit der Zeit wurde der Golfsport erschwinglicher und auch populärer - insbesondere als Bernhard Langer seine spektakulären Erfolge hatte. Ich selbst kam vom Golf ab und wendete mich wieder dem Turnsport zu.

Ausgedehnte Wiesen, schweres Gerät

Ein normaler Golfplatz mit 18 Löchern, den Könner mit 72 Schlägen ("par 72") beherrschen, ist ungefähr sechs Kilometer lang. Und er ist beileibe keine Wiese, sondern ein von mehreren Platzwarten  ("greenkeepers") gepflegtes botanisches Juwel. Die Grünflächen in der Nähe des Lochs werden - zumindest in den USA - mit Unmengen von Kunstdünger und Pestiziden bestreut. Im Verlaufe einer 18-Loch-Runde ist der durchschnittliche Spieler 4 bis 5 Stunden unterwegs und legt dabei 12 bis 15 Kilometer zurück. Mark Twain, der alte Spötter, pflegte deshalb zu sagen: "Golf ist ein verdorbener Spaziergang". Zeitknappe Manager laufen heutzutage kaum mehr zu Fuss, sondern benutzen ein Elektrocart und werden von mobilen Erfrischungsständen am Rande der Fairways versorgt.



Golfplatz Castelfalfi (Toskana)

Eine normale Golftasche ("bag") sollte 12 bis 14 Schläger ("clubs") beinhalten. Die driver sind für die ganz langen Schläge um die 300 Meter. Früher waren sie aus Holz, nun sind es hochkomplexe Schlaggeräte aus verschiedenen Metalllegierungen und einem genau austarierten Schlagpunkt. Der runde Schwung ist hier besonders wichtig, wenn man ein gutes Ergebnis erzielen will. Leider führt er bei älteren Spielern nicht selten zu heftigen Rückenschmerzen, weil die Wirbelsäule beim Golfen der meistbelastete Körperteil ist.

Zur Annäherung an das jeweilige Loch benutzt man die Eisen ("iron, wedge"), deren  Schlagkopf so geneigt ist, dass die Flugbahn des Balles höher und zugleich kürzer wird. Kunstwerke der besonderen Art sind die sogenannten putter. Sie sollen auf dem Grün den Ball endlich ins Loch befördern, was wesentlich schwieriger ist, als es aussieht. Auch hier gibt es einen Witz vom Vater und seinem Kind: "Papi, warum versuchen denn die Spieler den ersten Putt immer vorbeizuschieben und dann erst den zweiten einzulochen"?

Natürlich ist, von den Profis abgesehen, kein Normalspieler in der Lage, eine Runde mit 72 Schlägen zu beenden. (Für viele bedeutet eine Runde unter 100 bereits ein stolzes Ergebnis). Deswegen hat man auch das "handicap", die Vorgabe, erfunden. Ein Spieler mit dem Handicap 40 darf sich nach 72+40=112 Schlägen so gut fühlen, wie der Platzkönig. Für die Mehrzahl der Amateurgolfer sind das grösste Handicap jedoch der Ball und die Schläger! Trotzdem gelingt  dem einen oder anderen auf einem kurzen 3er-Loch immer wieder mal den Ball mit einem einzigen Schlag ins Loch zu befördern. Das ist traditionsgemäss  der Anlass für eine Cocktailrunde im Clubhaus, dem 19. Loch.

Unsere Supergolfer

International waren die deutschen Golfprofis lange Zeit nur zweite oder gar dritte Wahl - bis Bernhard Langer 1985 (als 28-jähriger) völlig überraschend das U.S. Masters-Turnier in Augusta, Georgia, gewann. Dies ist das prestigeträchtigste Golfturnier der Welt und in etwa vergleichbar mit Wimbledon im Tennis. Die übrigen drei Grand-Slam-Turniere (auch "Majors" genannt), sind das U.S. Open, das British Open und die PGA Championship. Acht Jahre später, 1993, gelang es Langer noch einmal das Masters-Turnier zu gewinnen, worauf er im Jahr 2002 in die "Hall of Fame" einziehen durfte.

Derzeit ist der beste deutsche Berufsgolfer der 27-jährige Martin Kaymer aus Düsseldorf. Er gewann 2010 die PGA Championship und stand im Februar 2011 sogar für einige Monate an der Spitze der Weltrangliste. Vor wenigen Wochen gewann Kaymer das internationale Golfturnier in Shanghai, China, mit einer Superplatzrunde von 63 Schlägen. Dabei lag er neun Schläge unter par und erspielte neun "birdies".


Martin Kaymer präsentiert den Siegerpokal beim Shanghai-Turnier




Tiger Woods beim Abschlag

So gut auch Langer und Kaymer sein mögen, an den derzeitigen Weltchampion Tiger Woods reichen sie nicht heran. Der 36-jährige "Tiger" hat im Verlaufe seiner Golfkarriere mehr als eine Milliarde US-Dollar mit seinem Spiel verdient und 14 Grand-Slam-Titel gewonnen. Bei letzteren wird er allerdings noch übertroffen von Jack Nicklaus, der 18 Majors gewann. Seit einiger Zeit befindet sich der Tiger in einem emotionalen und spielerischen Tief, ausgelöst durch selbstverschuldete Sexkapriolen und es ist deshalb fraglich, ob er den Rekord von Nicklaus noch wird brechen können.

Der scheinbar mechanische Ablauf des Golfspiels hat golfende Physiker immer wieder gereizt, sich mit der Biomechanik dieses Sports zu befassen. Einer von ihnen ist mein Freund Helmut Appel, weiland Professor und Dekan an der Universität Karlsruhe. Unter dem Titel "Physikalische Aspekte des Golfspiels" veröffentlichte er eine Darstellung der Strömungsphysik und des Designs von Bällen und Schlägern über sechs Seiten hinweg. (Siehe: Physikalische Blätter 56 (2000) Nr. 10). Der physikalische Laie wird seinem Darlegungen zum Magnuseffekt, den Bernoulli-Gleichungen und dem dynamischen und statischen Druck nicht immer folgen können, aber zum Schluss seiner Veröffentlichung kommt er zu ernüchternd-ehrlichen Erkenntnissen.

"Der praktizierende Golfer möge nicht erwarten, nach der Lektüre unmittelbar ein niedrigeres Handicap zu erspielen. Zur Warnung sei auf die Berichte der Konferenz "Golf and Science" verwiesen. Auf diesen, eine Woche währenden Konferenzen, wird jeweils der Mittwoch frei gehalten, um praktisches Golf zu üben. Von den Konferenzteilnehmern wird berichtet, dass sie dann das schlechteste Golf des ganzen Jahres spielen".

"Die Erklärung ist offenbar:  Paralyse durch Analyse".

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