Mittwoch, 10. Juli 2013

KIT: Warten auf Hanselka

Hanselka ante portas

Die Verweildauer der Präsidenten beim KIT - dem Zusammenschluss zwischen der Technischen Universität und dem Forschungszentrum - ist erstaunlich kurz. Seit der offiziellen Gründung des KIT sind noch nicht einmal vier Jahre vergangen; in dieser kurzen Zeitspanne wurden jedoch bereits zwei Präsidenten "verbraucht". Im Vorjahr, nach dem allseits bedauerten Verlust des Elitestatus, verliess der Gründungspräsident Horst Hippler das schwankende Schiff. Vor einigen Monaten hat sein zeitweiliger Co-Präsident, Eberhard Umbach, seinen Abgang in den Ruhestand angekündigt. Die Diskussionen im Aufsichtsrat, insbesondere mit dem Daimler-Boss Dieter Zetsche, sollen nicht vergnügungssteuerpflichtig gewesen sein. Turnusgemäss laufen auch die Verträge der beiden Vizepräsidenten (Löhe, Fritz) für die Forschung aus, die aber gegen ihre Wiederberufung nicht intervenieren würden.


Prof. Dr.-Ing. Holger Hanselka

Den obersten Chef, den neuen Präsidenten, scheint man jetzt gefunden zu haben - auch wenn noch nicht alle Gremien zugestimmt haben. Es ist Professor Dr. Holger Hanselka und gerüchteweise wurde bekannt, dass er der einzige ernsthafte Kandidat war. Die regionale Monopolzeitung hatte sich "einen Nobelpreisträger mit Managererfahrung" gewünscht, damit aber wohl etwas zu hoch gegriffen. Immerhin ist Hanselka, 51 Jahre alt, derzeit Vizepräsident der Technischen Universität Darmstadt und gleichzeitig Direktor des Fraunhofer-Instituts für Betriebsfestigkeit und Systemzuverlässigkeit. Hier dirigiert er etwa 300 Mitarbeiter; beim KIT wird er 9.000 Mitarbeiter und 24.000 Studenten vorfinden. Die Aufsichtsrätin Renate Schubert erwartet vom Kandidaten, "dass er das KIT für die nächsten Jahrzehnte national und international hervorragend positionieren wird".

Hanselka ist Maschinenbauer und im Falle seiner Berufung würden ihm Vizepräsident Wanner und die beiden vorgenannten VP aus der gleichen Fakultät zur Seite stehen. Die Kernbereiche Lehre und Forschung werden zukünftig bei KIT also von vier Maschinenbauern wahrgenommen. Das frühere Übergewicht der Physiker im Vorstand ist damit gebrochen. Mit einer Ausnahme: VP Dr. Ulrich Breuer ist Physiker, steht aber im KIT dem Ressort Wirtschaft und Finanzen vor. Und um keine Genderprobleme aufkommen zu lassen, versieht Frau Dr. Elke Luise Barnstedt den Bereich Personal und Recht.


Unsichere Finanzen

Seit dem Wegfall der Zuschussgelder aus der Exzellenzinitiative plagen das KIT heftige Geldsorgen. Sie scheinen an der früheren Uni (Campus Süd) prekärer zu sein, als am Forschungszentrum FZK (Campus Nord). Insgeheim monieren die Zentrumsleute, "dass die Uni das KIT finanziell herunterzieht". An der Uni meinen manche, "dass die FZK das Geld nachgeworfen bekommt". Problematisch für die Buchhaltung ist, dass die Geldströme für die beiden Partner immer noch nicht vermengt werden dürfen. Hartnäckig hält sich das Gerücht, dass die Uni eigentlich "pleite" sei und deshalb "verschlankt" werden musste. Das wird vom zuständigen Finanzchef Breuer zurückgewiesen. Er definiert als sein Finanzziel "die rote Null". Zugeben muss er allerdings, das die Uni seit Jahren ein Minus von zehn Millionen Euro mitschleppt. So passiert es leider, dass Studierende oft erst nach einem halben Jahr ihr Zeugnis bekommen, weil die Verwaltung "magersüchtig" geworden ist.

Beim Campus Nord, der über ein Jahresbasisbudget von 270 Millionen Euro verfügt und zu 90 Prozent aus Bundesmitteln finanziert wird, ist im kommenden Jahr eine umfassende Überprüfung angesagt. Alle 13 Grossforschungsprogramme, von der Astrophysik über die Klimaforschung bis zur Technikfolgenabschätzung stehen auf dem Prüfstand. Als Ergebnis dieser Evaluierungen kann sich ein Einnahmeplus von 3 Prozent ergeben - aber auch ein Minus von 5 Prozent (entsprechend 13,5 Millionen Euro) ist drin.

Von Seiten des Wissenschaftsministeriums in Stuttgart wird kritisiert, das zu wenige Forscher des FZK an der Uni Vorlesungen und Übungen halten. Dies will man zukünftig verbessern, indem man als Anreiz den "KIT-Professor" einführt. Die Verleihung dieses internen Titels soll der Kooperation zwischen Nord und Süd mehr Schwung verleihen. Vorläufig sind 30 KIT-Professuren vorgesehen, die der Uni kapazitätsneutral nicht auf den üblichen Dozenten-Studenten-Schlüssel angerechnet werden. Ein Ansturm von Kandidaten ist bei dieser Initiative nicht zu erwarten, da diesem (betriebsinternen) Professortitel ein Hauch von "Schmalspurigkeit" anhängt.


Die Kernforschung wird ausgehungert

Im Zeichen des Atomausstiegs geht es der Kernforschung im FZK schlecht. Immer weniger wird in diesem Bereich investiert und während der letzten eineinhalb Jahren mussten auf Betreiben der grün-roten Landesregierung sogar 22 Planstellen gestrichen werden. Diese Mitarbeiter sind nun bei anderen Forschungsgebieten eingesetzt und kommen wohl nicht mehr zurück. Derzeit sind am KIT noch 120 Wissenschaftler in der Kernforschung tätig, davon 90 im Bereich der Entsorgung und 30 bei der Reaktorsicherheit. Das wissenschaftlich hochinteressante Thema Transmutation wird - wegen seiner Nähe zu den Generation IV-Reaktoren -  von den Kernenergiegegnern kritisch beäugt und ist der Öffentlichkeit kaum noch zu vermitteln.

Auch die deutschen Energieversorger haben ihr Interesse an der Kernforschung verloren, was wegen der Ausstiegsvorgaben der Politik nicht verwundern sollte. Damit entfallen aber gleichzeitig erhebliche Drittmittel. Auch vor der Bewertung ausländischer Kernkraftwerke (wie Fessenheim) schreckt man aus diplomatischen Gründen zurück. Lediglich auf den Gebieten des Rückbaus nuklearer Anlagen sowie der Entsorgung werden in Zukunft in Deutschland noch (Strahlenschutz-) Wissenschaftler und Techniker benötigt. Ihre Zahl ist jedoch überschaubar und so verwundert es nicht, dass die Anzahl der Studierenden an den deutschen Hochschulen mit Schwerpunkt Kerntechnik von Jahr zu Jahr absinkt.


Lage, Lage, Lage...

...heisst es im Immobiliensektor. An diese alte Spruchweisheit hat man sich wohl nicht erinnert, als der Bau der Kantine Nord vor Jahren beschlossen wurde. Dieser Neubau liegt wie ein Riegel vor dem (immer noch) attraktiven Verwaltungshochhaus und nimmt diesem viel von seiner architektonischen Wirkung. Darüber hinaus musste das kleine anliegende Wäldchen arg dezimiert werden, und lädt so kaum mehr zum Schlendern ein. Wenn die Kantine einmal in Betrieb ist, werden ihre Essensdüfte die Bewohner des Zentralgebäudes schon Stunden vorher über die jeweilige Speisenkarte des Küchenchefs informieren.  Als grosses Problem wird auch die Parkplatzsituation gesehen; zum Glück ist hier das Präsidium mit gleich zehn Stellplätzen komfortabel ausgestattet.

Ein Problem sieht der Personalrat herankommen, wenn demnächst die neuen Zutrittsvorschriften zum FZK für Externe und Rentner in Kraft gesetzt werden. Um diesen das Essen im Zentrumsbereich zu ermöglichen, werden derzeit verschiedene Varianten diskutiert. Eine Variante verlegt den Aussenzaun um die neue Kantine herum, sodass sich diese ausserhalb des Geländes befindet. In einer anderen Variante erhält die alte Kantine einen Gästeraum, zu dem das Essen aus der neuen Kantine angefahren wird. Das bedeutet zwar zusätzliche Arbeitskräfte, aber der Nachteil der neuen Kantine- sie hat weniger(!) Essensplätze als die alte - könnte damit ausgeglichen werden.


Ahnenforschung

Jahrzehntelang war die Gemeinde Eggenstein-Leopoldshafen sehr stolz auf ihr Wappen. Es zeigt ein Hufeisen und das Atomsymbol auf einem Schild und repräsentiert damit die alte und die neue Zeit. Nun haben 800 Bürger in einer Unterschriftsliste verlangt, das Atomsymbol - im Zeichen der Energiewende - wieder durch das alte Wappensymbol "Ruderer mit Ruderboot" zu ersetzen. In einer Gemeinderatssitzung wurde darüber temperamentvoll diskutiert. Man kam zu keinem Beschluss, aber das Thema ist damit noch nicht ad acta gelegt.


Das derzeitige Wappen der Gemeinde Eggenstein-Leopoldshafen

Auch das KIT lässt seine Geschichte aufarbeiten. Vorläufig aber nur die des ehemaligen Kernforschungszentrums. Der Archivleiter des Forschungszentrums Jülich, Bernd Rusinek, erhielt den Auftrag, die eventuellen NS-Verstrickungen von Personen im FZK aufzuarbeiten. Im Mittelpunkt steht der ehemalige Geschäftsführer Rudolf Greifeld, der während des 2. Weltkriegs in der Kommandatur des besetzten Paris tätig war. Für seine Verdienste um die Zusammenarbeit mit der ehemaligen Technischen Hochschule Karlsruhe erhielt er die Ehrensenatorwürde. Greifeld ist 1984 verstorben.

Die genannte Recherche soll bis Oktober 2014 vorliegen. Es steht zu hoffen, dass anschliessend auch einige Koryphäen des Uni-Bereichs unter die Lupe genommen werden. Zum Beispiel der Ehrensenator Carl Wurster mit seinen Verbindungen zu der Zyklon B-Firma Degesch/ Auschwitz sowie Professor Fritz Haber, der sich im 1. Weltkrieg gerne als "Vater des Giftgases" bezeichnen liess.

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