Sonntag, 7. Juli 2013

Schlechte Nachrichten aus Fukushima

Das Unglück von Fukushima geschah vor gut zwei Jahren. Ein Erdbeben der Stärke 9 sowie die anschliessende Flutwelle kostete 20.000 Menschen das Leben. Im Gefolge - und wegen zu niedriger Dämme - verunfallten vier japanische Kernkraftwerke, wobei es wegen Kernschmelzen und Wasserstoffexplosionen zum Austritt radioaktiver Gase und Substanzen kam. Die Betreiberfirma TEPCO müht sich seitdem, die Schäden zu beheben. Langfristig ist an den Rückbau aller zerstörter Kernkraftwerke gedacht. Die Fortschritte, welche bislang bei den Aufräumarbeiten erzielt wurden, sind allerdings bescheiden.


Zu viel Wasser

Das Problem Nr. 1 sind derzeit die radioaktiven Wässer. Die Reaktoren 1 bis 3 müssen immer noch gekühlt werden. Dies geschieht mit Meerwasser, von dem jeden Tag ca. 400 Kubikmeter (cbm) auf die heissen Komponenten, insbesondere die Reaktortanks und die teilweise geschmolzenen Reaktorkerne gespritzt werden. Dieses Wasser muss natürlich wieder aufgefangen werden, da es nunmehr mit den radioaktiven Nukliden Cäsium und Strontium kontaminiert ist.

Weitere 400 cbm fliessen täglich als Grundwasser in die Reaktoranlagen und werden dort ebenfalls radioaktiv verschmutzt. Tepco möchte dieses Grundwasser mit Wällen aufhalten und ins Meer leiten. Dies verhindern jedoch die örtlichen Fischer, weil sie um die Reinheit ihrer Fischbestände fürchten. Mittlerweile ist das kontaminierte Grundwasser sogar bis zum einige Kilometer entfernten zweiten Reaktorkomplex Dai-ni vorgedrungen, dessen Reaktoren ansonsten keine Schäden aufweisen.

Die Kühlwässer und das aufgefangene Grundwasser lagern zur Zeit in mächtigen zylindrischen Tanks ausserhalb der Kernkraftwerke. Bislang hat man 300.000 cbm radioaktiv belastetes Wasser gesammelt. In den kommenden Jahren soll die Lagerkapazität auf 700.000 cbm erweitert werden. Um dafür die Fläche zu schaffen, musste ein Wald abgeholzt werden. Das Dekontaminieren der Wässer scheint ein Problem zu sein. Die Reinigungsfaktoren der bestehenden Verdampferanlagen sind offensichtlich nicht ausreichend. Eine japanische Expertendelegation ist derzeit weltweit unterwegs um entsprechenden know how zu sammeln.


Zu viel Radioaktivität

Die Aufräumarbeiten an den beschädigten Reaktoren kommen nicht so recht voran, weil die Radioaktivität in den Anlageräumen zum Teil noch recht hoch ist. Dies gilt insbesondere für den Reaktor 3, wo man noch eine Dosisleistung von 1,2 Millisievert pro Stunde misst. Die Dosisgrenzwerte sind international auf 1 Millisievert pro Jahr für die Normalbevölkerung und 20 Millisievert pro Jahr für beruflich strahlenexponierte Personen festgelegt. Legt man die oben genannte und gemessene stündliche Dosisleistung von 1,2 Millisievert zugrunde, so bedeutet dies, dass ein Normalmensch beim Zutritt zu diesen zerstörten Reaktor seine Jahresdosis in ca. 50 Minuten erhält, ein am Kernkraftwerk Beschäftigter immerhin bereits in 16 Stunden. Logischerweise sind an solchen hochverstrahlten Orten fernbedienbare Roboter unabdingbar. Diese müssen jedoch erst mühsam und zweckgerecht entwickelt werden. Mittlerweile geht man davon aus, dass zumindest in Reaktor 3 das Core stark geschmolzen ist. Teile der Brennelemente werden auf dem Boden des Reaktortanks, wahrscheinlich sogar auf dem Boden des Containments liegen. Die gängigen Lademaschinen sind für das Bergen dieser Brennelemente ungeeignet. Auch hierfür müssen Roboter entwickelt werden.

Vermutete Lokationen für das geschmolzene Reaktor-Core (nach Tepco)

Grosser Aufwand wird auch beim Reaktor 4 getrieben, der ein obenliegendes Lager für 1.500 abgebrannte Brennelemente beherbergt. Hier besteht das Risiko, dass bei einem abermaligen Beben das wassergekühlte Lager undicht wird oder sogar auseinanderbricht. Mit riesigen, aus der Ferne dirigierten Stahlkonstruktionen versucht man derzeit das morbide Lager zu stützen um anschliessend die stark radioaktiven Brennelemente entladen zu können.


Zu wenig Personal

Für die Aufräumarbeiten an den vier Kernkraftwerken hat die Firma Tepco ca. 2.500 Leih- bzw. Vertragsarbeiter angeheuert. Sie werden von 500 Tepco-eigenem Personal in ihre Arbeiten vor Ort eingewiesen. Die Umkleidung in Strahlenschutzanzüge beginnt im ehemaligen Trainingszentrum der japanischen Nationalmannschaft, etwa 20 km südlich des Reaktorareals. Neben der üblichen Kleidung ist das permanente Anlegen von Atemschutzmasken Pflicht. Wegen der grossen sommerlichen Hitze in Japan, tragen die Arbeiter unter ihren Schutzanzügen  Westen mit Kühltaschen. Da sie sich an manchen Stellen nur wenige Minuten betätigen dürfen, um ihre Dosisgrenzwerte nicht zu überschreiten, ist die tägliche Arbeitsleistung dieser Kolonnen relativ gering. 

Immer mehr wird es zu einem Problem, überhaupt Arbeiter für diese - relativ gut bezahlten - Tätigkeiten zu finden. Das gilt vor allem für die Dekontamination der Wohnhäuser ausserhalb des eigentlichen Reaktorgeländes. Hier sind gerade mal zehn Prozent der Stellen besetzt, weswegen die Hauseigentümer selbst versuchen, ihre Gebäude abzuspritzen. Es scheint schwierig zu sein, mit den Stundendosiswerten unter 1 Mikrosievert zu gelangen. Dies ist jedoch erforderlich, um ganzjährig (8760 Stunden) in einem solchen Haus wohnen zu dürfen. Die meisten Bewohner der Region halten sich deshalb nur tagsüber in ihren Häusern auf und verlassen am Abend die Sperrzone.


Zu hohe Kosten

Die Kosten für die Aufräumarbeiten an den vier havarierten Kernkraftwerken sind gigantisch. Allein für die geordnete Stilllegung der Reaktoren werden zwischen (umgerechnet) 8 bis 40 Milliarden Euro veranschlagt - je nachdem wen man fragt. Das belastet in erster Linie die Bilanz des Stromerzeugers Tepco. Hinzu kommen noch 50 bis 100 Milliarden Euro an Schadensersatzforderungen der Umlandgemeinden und der Fischer. Es ist evident, dass diese Summen das Energieunternehmen nicht allein wird schultern können, sondern, dass auch der japanische Steuerzahler belastet werden wird.

Inzwischen hat in Japan der heisse Sommer eingesetzt und alle Klimaanlagen schnurren auf Hochtouren. Tepco benötigt dringend seine 12 intakten Kernkraftwerke, die seit zwei Jahren auf behördliche Anordnung still liegen. Der Antrag zur Wiederaufnahme des Betriebs ist gestellt; man wird sehen, wie der neue Premierminister Shinzo Abe darüber demnächst entscheiden wird.

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