Montag, 20. April 2015

Atomkonzern AREVA am Abgrund

Der weltgrößte Nuklearkonzern AREVA bewegt sich wirtschaftlich am Abgrund. Für manche Medien, wie die Berliner Zeitung, ist er sogar schon "pleite". Aber so weit ist es noch nicht, wie im Folgenden gezeigt werden wird. Trotzdem: die Lage des französischen Unternehmens ist prekär. Im vergangenen Jahr musste es einen Rekordverlust von 4,8 Milliarden Euro in seiner Bilanz ausweisen, worauf sich der Aktienkurs von 16 auf 8 Euro halbierte. Im Jahr 2007 notierte die Areva-Aktie noch bei 81 Euro!





Logo der Firma AREVA

Der Konzern Areva entstand 2001 durch die Fusion mehrerer großer Nuklearfirmen. Den neuen Namen AREVA wählte die Gründerin Anne Lauvergeon ("Atom-Anne") zufällig aus einer Liste spanischer Klöster. Der Zusammenschluss von CEA-Industries, Cogema, Framatome ANP und FCI, die zusammen AREVA bildeten, wurde am 30. November 2000 öffentlich gemacht. Die Teilfirma Cogema betrieb damals schon die Wiederaufarbeitungsanlage La Hague und war vor allem im nuklearen Brennstoffkreislauf in den Bereichen Brennelementherstellung, Transport, Rezyklierung und Entsorgung tätig.








Die Gründe des Niedergangs

Nicht alle Ursachen für den Niedergang der Areva sind hausgemacht. Die Katastrophe von Fukushima kann man dem Konzern sicherlich nicht anlasten, aber seit diesem Ereignis schwächelt die Nachfrage nach Kernkraftwerken weltweit. Lediglich in einzelnen Ländern wie Großbritannien und China beschäftigt man sich derzeit noch mit Reaktorprojekten - die aber allesamt zumeist nur auf dem Papier stehen. Auch die Rückkehr Japans als Nuklearnation dauert länger, als vor Jahren noch erwartet wurde. Hinzu kommt, dass das billige Schiefergas die Energiemärkte verunsichert hat.


Eigenes Verschulden kann aber Areva nicht von sich weisen bei der "ewigen Baustelle" Olkiluoto in Finnland. Im Jahr 2009 sollte das Gemeinschaftsprojekt EPR-3 von Areva und Siemens in Betrieb gehen; den ersten Strom erwartet man nunmehr nicht vor 2018. Statt 3 Milliarden Euro kostet das Kraftwerk wohl mindestens 8,5 Milliarden. Die "Schuldfrage" soll seit 2008 ein Schiedsgericht klären. Der deutsche Partner hat inzwischen seinen Anteil (Turbogenerator, Steuerung etc.) geliefert. Die Franzosen werfen den Finnen vor, durch ständige Änderungen und Auflagen die Verzögerungen und die Mehrkosten verursacht zu haben. Sicher ist bereits jetzt, dass aus diesem Projekt kein Gewinn für Areva fließen wird.


Völlig unverständlich ist, dass Areva auch  mit dem zweiten EPR-3-Projekt auf heimischen Gelände in Flamanville (Normandie) nicht zurande kommt. Auch dieses Kernkraftwerk ist volle fünf Jahre verzögert und wird seinen Betrieb erst im Jahr 2017 aufnehmen können. Die Kosten werden die Anfangsplanung mindestens um den Faktor zwei überschreiten. Die französische Überwachungsbehörde hat "Risse in den inneren Reaktorwänden" festgestellt; das Pariser Wochenblatt Canard Enchaîné sprach sogar von "42 Zentimeter großen Löchern". Der italienische Projektkonsorte ENEL hat daraufhin seine Beteiligung an weiteren Vorhaben dieser Art gekündigt.


Trübe Perspektiven


Angesichts der Schuldensituation ist klar: Areva benötigt dringend frisches Geld. Dies kann auf verschiedene Weise geschehen, wie im Folgenden dargestellt wird. Alle Bemühungen in diese Richtung sind allerdings auch stets mit Erschwernissen und Risiken verbunden.


Areva ist kein "normales" Unternehmen, denn 87 Prozent der Anteile gehören dem französischen Staat. Der direkteste Weg zur Konsolidierung wäre eine Geldspritze der Pariser Regierung in der Höhe von einigen Milliarden Euro. Die Chancen hierfür sind jedoch sehr gering, denn Frankreich ist derzeit hoch verschuldet und unternimmt alle Anstrengungen, um mittelfristig wieder die Mastricht-Kriterien zu erfüllen.


Eine weitere Möglichkeit, um an frisches Geld zu kommen, wäre die (teilweise oder ganze) Privatisierung der Areva. Die französische Regierung hält dies jedoch für ausgeschlossen, weil das Unternehmen auch im militärischen Bereich (Kernwaffen!) hoheitliche Aufgaben erfüllt, die aus Geheimhaltungsgründen privaten Investoren nicht zugänglich gemacht werden dürfen.


Immer wieder wird in Paris die Option diskutiert, die beiden grossen Staatskonzerne Areva und Electricité de France zu fusionieren. EdF ist der Betreiber aller französischen Kernkraftwerke, also gewissermaßen der Kunde von Areva. Ein Zusammenschluss von Lieferant und Kunde ist aber grundsätzlich kritisch zu bewerten. Im Falle von Areva/EdF auch deswegen, weil die Finanzsituation bei beiden Unternehmen in etwa gleich schlecht ist. Auch EdF hat beträchtliche Schulden und es wäre fraglich, wer wen stützen könnte. Außerdem sind sich beide Konzerne in "herzlicher Abneigung" verbunden. Im Jahr 2009 trug die Rivalität der Unternehmen sogar zum Verlust eines Großauftrags in Abu Dhabi bei.


EdF käme im nationalen Rahmen ohnehin nicht als Besteller weiterer Atomkraftwerke bei Areva infrage. Der Grund dafür ist, dass die Regierung Hollande 2012 ein Wahlversprechen abgegeben hat, wonach die nukleare Stromerzeugung in Frankreich bis 2025 von 75 auf 50 Prozent absinken soll. Areva muss also den Exportmarkt im Blick haben, wenn es seine Auftragssituation verbessern will.


Vor diesem tristen Hintergrund fällt Areva nur das ein, was defizitäre Unternehmen allerorten als Heilmittel anpreisen: Kosten reduzieren. Der Konzern hat bereits verkündet, dass er seine Investitionen zurückfahren wird, Teile des Unternehmens auf dem Markt verkaufen möchte und 10 Prozent seiner 45.000 Mitarbeiter entlassen werde. Dass es dabei auch den Areva-Standort Erlangen (früher KWU/Siemens) treffen wird, ist leider nicht unwahrscheinlich.




Postscriptum: Eine aktuelle Nachricht.


Frau Dr. Maria Betti, eine Italienerin, wurde von der EU-Kommission in Brüssel zur neuen Direktorin am Karlsruher Institut für Transurane (ITU) ernannt. Sie war bereits von 1991 bis 2008 dort Leiterin der Abteilung für Analytische Chemie.
Der bisherige ITU-Chef (seit 2006), Professor Dr. Thomas Fanghänel, wurde vor kurzem abberufen und nach Brüssel versetzt. Dort soll er hauptsächlich auf den Gebiet der innovativen Kernkraftwerke G-IV Beratungsdienste leisten.
Gerüchten zufolge, haben die hohen Kosten bei den neuen und nachgerüsteten ITU-Strahlenbunkern im zuständigen Generaldirektorat Kritik ausgelöst.


















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