Der politische Begriff "Energiewende" ist nicht wirklich definiert. Im Kern versteht man darunter den Ausstieg aus der Atomkraft und die bevorzugte Einspeisung von Strom aus erneuerbaren Quellen, wie Wind, Sonne, Biomasse und Geothermie. (Die seit mehr als hundert Jahren und weiterhin genutzte Wasserkraft sei mal aussen vor gelassen.) Niemand wird sich der Nutzung dieser regenerativen Energiequellen verschliessen wollen; so wie das allerdings derzeit in Deutschland geschieht, ist Skepsis angezeigt. Die schlechte Organisation der Energiewende führt zu hohen Kosten, zu instabilen Stromnetzen und zu vermehrter Kohlendioxidbelastung in der Umwelt. Die drängendsten Probleme sind in der Folge aufgelistet.
1. Das misslungene Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG)
Das EEG wurde im Jahr 2000 von der Regierung Schröder/Fischer eingeführt und i. w. vom damaligen Bundesumweltminister Jürgen Trittin konzipiert. Seitdem ist es ein halbes Dutzend mal modifiziert und novelliert worden, was die Vermutung nährt, dass es von vornherein kein grosser Wurf war. Derzeit ist die EEG-Novelle 2014 von Energieminister Sigmar Gabriel im Gesetzgebungsprozess. Seinem Reformentwurf vom März 2014 haben die Bundesländer nicht weniger als hundert Änderungsforderungen gegenüber gestellt. Unabhängig vom Ausgang dieses parlamentarischen Verfahrens kann man jetzt schon feststellen: Dieses EEG war, ist und bleibt eine Missgeburt und zwar aus mehreren Gründen.
Die Förderpolitik im EEG ist grundsätzlich falsch angelegt, weil darin bestimmte Techniken (wie Windräder, Solarmodule etc) vorgegeben werden, anstatt Einsparziele zu definieren und die Wahl der dafür geeigneten Techniken dem Wettbewerb zu überlassen. Ausserdem wurde ein riesiger Ausbau von Wind- und Solarstrom vorangetrieben, ohne sich im gleichen Masse für den Ausbau der überlasteten Stromnetze und geeigneter Speicher zu kümmern.
Die finanzielle Einspeisevergütung wurde innerhalb Deutschlands nicht differenziert, was an guten Windstandorten zu viel zu hohen Profitmargen führte. Im Bereich Photovoltaik (PV) wurden (insbesondere in den Jahren 2008 bis 2012 unter Umweltminister Norbert Röttgen) die Kostenreduktionen der Solarpaneele nicht schnell genug in Form von Vergütungsverkürzungen weiter gereicht. So entstand schnell ein Kostenberg von mehreren hundert Milliarden Euro, der uns noch über Jahrzehnte belasten wird. Schliesslich wurden die hochriskante Offshore-Windenergie und die noch im Forschungsstadium befindliche Geothermie in das EEG gepackt, wo sie nicht zu den Wind- und Solartechnologien passen, denen nur ein geringeres Entwicklungsrisiko zukommt.
2. Netzausbau und Netzstabilität
Es wurde von der Politik zu spät erkannt, dass der Ausbau der Erneuerbaren Energien (EE) eine neue Struktur der Stromnetze erfordert. Das bisherige zentrale System - die Einspeisung des Stroms aus grossen Erzeugungsanlagen in die Höchstspannungsnetze und ihre Verteilung nach unten zu den Verbrauchern - gilt nur noch bedingt. Die vielen Solarflächen und Windräder an oft abgelegenen Standorten können meist nur in die Niedervolt-Verteilnetze einspeisen, sodass ein zweites dezentrales Leitungssystem entsteht, das schwieriger zu kontrollieren ist. Insbesondere nach der gleichzeitigen Abschaltung von acht Kernkraftwerken und (kostenbedingt) vielen weiteren fossilen Kraftwerken, ist aus elektrotechnischen Gründen die Stabilität der Frequenz- und Spannungshaltung stark reduziert. Wo früher nur 2 bis 3 manuelle korrigierende Eingriffe pro Jahr erforderlich waren, sind es heute tausend und mehr. Man kann schon jetzt vorhersagen: der erste flächendeckende Blackout insgesamt, oder in einer der vier Regelzonen, wird vermutlich nicht wegen zu wenig, sondern wegen zu viel EE-Stromeinspeisung auftreten.
Der Netzausbau von den Onshore-Windstandorten an der Küste zu den süddeutschen Ländern Bayer und Baden-Württemberg kommt viel zu langsam voran und ist nicht abgestimmt mit der Stilllegung der dortigen Kernkraftwerke, z. B. Grafenrheinfeld. Ausserdem kann bezweifelt werden, ob es den Politikern gelingt, die Bürger vom Ausbau der nicht zu übersehenden Höchstspannungsleitungen zu überzeugen. Die Proteste zu der "Thüringer Brücke" und anderen HGÜ-Leitungen lassen daran
zweifeln. Die Regierung will diese Proteste abmildern, indem sie die Bürger finanziell am Leitungsbau beteiligen. Doch entsprechende Initiativen stossen bislang auf wenig Interesse, weil die Finanzprodukte meist zu undurchsichtig sind.
3. Keine Stromspeicher
Wegen der zunehmenden Abschaltung der Kernkraftwerke wird im deutschen Stromnetz vor allem die Versorgung mit der Grundlast gefährdet. Die Grundlast ist diejenige Netzbelastung, welche während eines 24-Stundentages im Netz nicht unterschritten wird. Wind und Sonne liefern jedoch keinen Konstantstrom, sondern wegen des fluktuierenden Dargebots nur Zappelstrom resp. Flatterstrom, der für einen hochentwickelten Industriestaat relativ wertlos ist. Zum Ausgleich der systembedingten kurzzeitigen Schwankungen sind riesige Speicher erforderlich, die es weder gibt noch in absehbarer Zukunft geben wird. Alle 35 Pumpspeicherkraftwerke in Deutschland sind nur in der Lage 40.000 Megawattstunden Stromenergie zu speichern. Damit könnte das Land - rechnerisch - eine knappe Stunde mit Strom versorgt werden. Professor Sinn hat kürzlich in einem Vortrag dargelegt, dass man zur Glättung des EE-Stroms zusätzlich mehr als tausend solcher Pumpspeicherkraftwerke benötigen würde, ein Ding der Unmöglichkeit.
Immer wieder ins Gespräch gebracht wird die "Power-to Gas"-Technik. Dabei wird der EE-Strom elektrolysiert und daraus Wasserstoff bereitet, der über einen chemischen Umweg zu speicherbarem Erdgas umgewandelt wird. Mit einem Gasmotor kann man daraus wieder Strom gewinnen. Wirtschaftlich ist dieses Verfahren keinesfalls. Der Gesamtwirkungsgrad liegt bei 28 Prozent, der Strompreis läge bei einem Euro pro Kilowattstunde oder sogar darüber.
Der kleine Unterschied zwischen Kilowatt und Kilowattstunde wird zum grossen Problem der Energiewende; elektrische Leistung und elektrische Arbeit sind zwei grundverschiedene Dinge. Wir erzeugen heute schon mehr temporären Strom im Überfluss, wenn er nicht gebraucht wird und können keinen erzeugen, wenn er benötigt wird. Entscheidend ist deshalb die Unterdeckung an gesicherter Leistung von rund 12.000 MW beginnend 2015 und spätestens ab 2022, die zwangsläufig zu Netzengpässen führen wird. Es ist deshalb höchst irreführend zu behaupten, ein Windpark versorge mehrere tausend Haushalte mit Strom: wären diese Haushalte von der öffentlichen Stromversorgung abgeschnitten, dann sässen sie im Schnitt sechs Tage pro Woche im Dunkeln.
4. Das Problem der Reservekraftwerke
Ein grosses Problem bei der Integration der erneuerbaren Energien ist die Gewährleistung der Versorgungssicherheit. Rund 25 Prozent des Stroms in Deutschland stammen aus EE-Quellen. Sie liefern Strom, wenn die Sonne scheint oder der Wind weht, was keineswegs immer der Fall ist. Das hat zur Folge, dass man konventionelle Kraftwerke in Reserve halten muss. Südlich des Mains wird sogar fast jedes Kohlekraftwerk-zeitweise - benötigt. An einem kalten Winterabend mit stabilen Hochdruckeinfluss wird in Deutschland fast der gesamte Kraftwerkspark benötigt, denn Wind und Sonne leisten praktisch keinen Beitrag zur Stromversorgung. Umgekehrt ist es an windigen Sonnentagen im Sommer. Wegen der reduzierten Laufzeiten sind die Kraftwerke in einem solchen Regime aber nicht mehr rentabel.
Die EVU sind deshalb mit der Bundesregierung im Gespräch über die Schaffung eines sogenannten "Kapazitätsmarkts", der die Kraftwerksbetreiber dafür entlohnt, dass sie Versorgungssicherheit bieten. Die Stromkonzerne fordern für ihr Produkt nicht nur den jeweiligen Marktpreis sondern ausserdem eine Vergütung dafür, dass sie einspringen, wenn es keinen Ökostrom gibt. Die Gegner kritisieren, dass mit einem solchen Kapazitätsmarkt eine neue Subvention auf dem Energiemarkt geschaffen würde und mahnen zur Zurückhaltung. Die EVU-Manager nutzen hingegen die Metapher von der Feuerwehr, welche ja auch nicht nur dann bezahlt wird, wenn sie einen Brand löscht sondern für ihre Bereitschaft in den Zwischenzeiten. Man wird sehen, wie dieser Diskurs (im Herbst) entschieden wird. Zweifellos wäre der Kapazitätsmarkt ein weiterer Schritt in die energetische Planwirtschaft.
5. Die Energieinsel Deutschland
Zuweilen gewinnt man den Eindruck, dass die deutsche Energiepolitik getrieben ist von der fixen Idee, dass höhere Anteile an erneuerbaren Energien immer und zu jeder Zeit "gut" und "richtig" seien, und zwar unabhängig von den technologischen, wirtschaftlichen und ökologischen Randbedingungen. Deshalb gibt es für die deutsche Stromwende auch keine Definition und kein konsistentes Zielsystem. Aber der Energiesektor ist ein Weltmarkt; Technologien werden sich nur durchsetzen, wenn sie auf diesem Weltmarkt wettbewerbsfähig sind. Demgegenüber ist die neue deutsche Energiepolitik nur auf den Heimatmarkt Deutschland ausgerichtet. Bemerkenswert ist, dass die Bundeskanzlerin im März 2011, bei der Ausrufung des Atomausstiegs und der Energiewende, die europäischen Nachbarn noch nicht einmal kontaktiert hat, obwohl diese vom Abfluss unseres überflüssigen EE-Strom immer wieder "belästigt" werden und deshalb Phasenschieber (eine Art von Ventilen) in ihre Stromnetze einbauen.
Im Zeitalter der Weltmärkte und der globalen Freihandelszonen leistet sich Deutschland eine schnuckelige Energieinsel. Unsere Nachbarn, fern und nah, blicken mit Verwunderung auf uns, doch niemand will uns folgen. Zunehmend kritisch wird man bei der EU-Kommission in Brüssel. Mit der milliardenschweren Subventionspolitik bis hin zu den Umlagerabatten der Grossindustrie unterminiert Deutschland ein ehernes Prinzip des europäischen Marktes: den Wettbewerb. Eine Million Profiteure des EE-Stroms - die Photovoltaik- und Windmühlenbetreiber - zocken risikolos achtzig Millionen Bundesbürger ab und die deutschen Politiker finden das sogar noch gut. Mit seiner wolkigen Energiepolitik trägt Deutschland dazu bei, den europäischen Binnenmarkt für Strom zu destabilisieren. Das kann nicht mehr lange gut gehen.
6. Kosten und Wirtschaftlichkeit
Die Bundeskanzlerin Angela Merkel kann für sich in Anspruch nehmen, mit der Energiewende das teuerste Projekt der deutschen Wirtschafts- und Industriegeschichte initiiert zu haben. Bundesumweltminister Peter Altmaier bezifferte 2013 die Kosten der Energiewende mit einer Billion Euro. Der Versorger RWE rechnet intern (nach Angaben der "Wirtschaftswoche") sogar mit drei Billionen. Das lässt die Kosten der Finanzkrise mit einigen hundert Milliarden (das meiste nur Bürgschaften) weit hinter sich; selbst die deutsche Wiedervereinigung kostete nur 1,5 Billionen. Allein die Kosten für die derzeitige Subventionierung der Wind- und Sonnenenergie belaufen sich jetzt schon auf 24 Milliarden jährlich - und das noch 20 Jahre lang, womit man schon bei einer halben Billion angekommen ist. Wird diese Förderung fortgesetzt, so könnte sich die die EEG-Umlage für eine Kilowattstunde auf einen zweistelligen Betrag zubewegen. Der Strombereich würde die Erneuerbaren mit fast 40 Milliarden pro Jahr subventionieren.
Im Vorjahr wurde für die staatlich garantierte Vergütung der EE-Anlagen 19 Milliarden aufgebracht. Dem steht ein Marktwert für den erzeugten Strom in der Höhe von 2 Milliarden Euro gegenüber. Faktisch wurden die Betreiber von PV- und Windanlagen also mit 17 Milliarden subventioniert. Die Kosten der Stromversorgung werden sich weiter erhöhen; nur bei einem sofortigen Stopp des Ausbaus könnten sie auf gleicher Höhe gehalten werden. Wie bleibt Strom bezahlbar, wenn wir schon drei Jahre nach dem Start der Energiewende über eine Strompreisbremse diskutieren müssen? Das EEG ist die gigantischte Subventionsmaschine der Nachkriegszeit. Wir erzeugen "negative" Strompreise und bezahlen für Strom, der nicht erzeugt wird. Das ganze System wird explodieren, wenn es nicht bald auf Wettbewerb umgestellt wird.
PS.: Noch ein Wort zur Begriffsbildung. Der Öko-Begriff "erneuerbare Energien" ist im streng physikalischen Sinn eigentlich unsinnig. Nach dem Energieerhaltungssatz kann man Energie weder erschaffen noch vernichten, sondern lediglich in verschiedene Formen überführen.
Ein weiterer Ökospruch ist: "Sonne und Wind schicken keine Rechnung". Das stimmt, aber sie schicken auch keinen Strom. Dieser muss erst durch Energieumwandlung erzeugt werden und Energieumwandlungen kosten immer Geld!
Sonntag, 25. Mai 2014
Donnerstag, 22. Mai 2014
Die Stromkonzerne schmeissen hin
In diesen Tagen platzte eine mediale Bombe, welche die Energielandschaft total verändern könnte. Die drei größten deutschen Energieversorgungsunternehmen (EVU) - E.on, RWE und EnBW - welchen bisher immer nachgesagt wurde, die Atomkraft mit Klauen und Zähnen zu verteidigen, möchten (am liebsten sofort) ihre 17 Atommeiler an den Bund übertragen und für dieses Geschenk sogar noch 34 Milliarden Euro obendrauf legen. Alle Kernkraftwerke sollen in eine öffentlich-rechtliche Stiftung eingebracht werden, welche die noch laufenden neueren Atomkraftwerke bis zum endgültigen Ausstieg aus der Kernkraft im Jahr 2022 betreiben soll. Zugleich soll diese Stiftung für den Abriss der AKW und die Lagerung ihrer radioaktiven Abfälle verantwortlich sein. Dieser Plan wurde über Monate ausgeheckt, erstaunlicherweise geheim gehalten und erst durch das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" vorige Woche der Öffentlichkeit kund getan.
Die Gründe der Energiekonzerne
Nun, es ist natürlich nicht purer Altruismus, der die EVU veranlasst hat, Merkel & Co ein solches Geschenk zu überreichen. Im Gegenteil, die Strommanager versprechen sich einen Vorteil davon, wenn sie die Meiler so schnell wie möglich loswerden, denn deren Betrieb ist seit längerem nicht mehr rentabel. Und das liegt nicht an der Kernkraft per se oder an der Unfähigkeit der Betreiber sondern allein an den vielen staatlichen Eingriffen, welche die Kernenergie peu à peu unwirtschaftlich gemacht haben und im Folgenden aufgelistet seien:
- Im März 2011 verfügte die derzeitige Regierung die sofortige Abschaltung von acht Kernkraftwerken. Geschätzte Schadenssumme mindestens 8 Milliarden Euro.
- Die restlichen neun, noch leistungsstärkeren Kernkraftwerke sollen vorzeitig zwischen 2015 und 2022 vom Netz gehen. Schadenssumme um die 12 Milliarden Euro.
- Ausserdem wird seit Januar 2011 eine Brennelemente-Steuer im Umfang von 2,3 Milliarden pro Jahr erhoben.
- Auch die Stromproduktion der AKW wird durch die Vorschriften der sogenannten Energiewende ständig und in unvorhersehbarer Weise behindert. Waren diese Kraftwerke bisher für die Erzeugung von Konstantstrom für die Grundlast der deutschen Industrie zuständig, so dürfen sie seit 2011 nur Strom in das Netz einspeisen, wenn es gerade mal an Strom aus erneuerbaren Energien fehlt. Der Zappelstrom aus Wind und Sonne muß nämlich per Gesetz vorrangig in das Stromnetz eingespeist werden; die grossen fossilen und nuklearen Kraftwerke müssen dafür dauernd entsprechend heruntergefahren werden und machen sich dadurch unrentabel.
Endlosthema Endläger
Auch der Rückbau der stillgelegten Kernkraftwerke verzögert sich immer wieder, da die beiden Endläger für die schwachaktiven und hochaktiven Abfälle nicht zur Verfügung stehen. Diese zu etablieren und zu betreiben ist die Aufgabe des Staates, wofür er von den EVU bis auf den letzten Cent entlohnt wird. Aber die Regierung kommt nicht voran. Nach der Aufgabe von Gorleben (und wohl auch Konrad) steht man wieder bei Punkt Null. Im Jahr 2031 soll ein neuer Standort für das Hochaktiv-Endlager gefunden sein - aber wird die Bevölkerung in Baden-Württemberg (Ton!) bzw- Bayern/Sachsen (Granit!) da mitspielen? Gorleben ist bekanntlich überall.
Wie lange soll die Kostenposition "Lagerung der radioaktiven Abfälle" noch in den Bilanzen der Aktiengesellschaften E.on, RWE und EnBW noch schmoren? Und unter welchem Preisschild? 10 Milliarden? 20 Milliarden? Oder gar 50 Milliarden? Für DAX-notierte Firmen sind Rückstellungen durchaus die Regel, aber in diesem Fall handelt es sich um hypothetische Kostenpositionen, die jeder Prüfer anders bewerten kann und die somit die Handlungsfreiheit der genannten AG´s bis zum Ende dieses Jahrhunderts beeinträchtigen wird. Es ist gar nicht ausgeschlossen, dass eine dieser Firmen in die Nähe der Insolvenz gerät, falls eine Wirtschaftsprüfungsgesellschaft im Rahmen der vorgeschriebenen Bilanzprüfung zu der Auffassung kommen könnte, dass dieses Abfallobligo den Firmenwert ab einem gewissen Zeitpunkt überschreitet.
Poker ist angesagt
Nach der Sommerpause wird wohl der grosse Poker um die deutschen Atomkraftwerke beginnen. Die EVU werden damit locken, die bereits eingereichten Schadensersatzklagen in Höhe von ca. 28 Milliarden gegen die genannten 34 Milliarden Stiftungskapital und Entsorgungsrücklagen aufzurechnen. Und sie haben gute Chancen. Das Finanzgericht in Hamburg hat bereits gegen die Brennelementesteuer entschieden und das Bundesverfassungsgericht brütet über die eventuelle Schadensersatzsumme für die stillgelegten 17 Kernkraftwerke. Vattenfall, als schwedischer Konzern, hat sogar Klage bei einem US-Gericht in Washington eingereicht. Das könnte besonders teuer werden, denn amerikanische Gerichte sind bei der Bemessung ihrer Schadenssummen meist sehr grosszügig.
Ich hoffe nicht, dass die Bundesregierung zukünftig mit ihren Beamten und Staatsangestellten den Betrieb der 9 restlichen Atomkraftwerke übernehmen will. Das würde mich auf meine alten Tage noch zur Auswanderung in die USA bewegen.
Die Gründe der Energiekonzerne
Nun, es ist natürlich nicht purer Altruismus, der die EVU veranlasst hat, Merkel & Co ein solches Geschenk zu überreichen. Im Gegenteil, die Strommanager versprechen sich einen Vorteil davon, wenn sie die Meiler so schnell wie möglich loswerden, denn deren Betrieb ist seit längerem nicht mehr rentabel. Und das liegt nicht an der Kernkraft per se oder an der Unfähigkeit der Betreiber sondern allein an den vielen staatlichen Eingriffen, welche die Kernenergie peu à peu unwirtschaftlich gemacht haben und im Folgenden aufgelistet seien:
- Im März 2011 verfügte die derzeitige Regierung die sofortige Abschaltung von acht Kernkraftwerken. Geschätzte Schadenssumme mindestens 8 Milliarden Euro.
- Die restlichen neun, noch leistungsstärkeren Kernkraftwerke sollen vorzeitig zwischen 2015 und 2022 vom Netz gehen. Schadenssumme um die 12 Milliarden Euro.
- Ausserdem wird seit Januar 2011 eine Brennelemente-Steuer im Umfang von 2,3 Milliarden pro Jahr erhoben.
- Auch die Stromproduktion der AKW wird durch die Vorschriften der sogenannten Energiewende ständig und in unvorhersehbarer Weise behindert. Waren diese Kraftwerke bisher für die Erzeugung von Konstantstrom für die Grundlast der deutschen Industrie zuständig, so dürfen sie seit 2011 nur Strom in das Netz einspeisen, wenn es gerade mal an Strom aus erneuerbaren Energien fehlt. Der Zappelstrom aus Wind und Sonne muß nämlich per Gesetz vorrangig in das Stromnetz eingespeist werden; die grossen fossilen und nuklearen Kraftwerke müssen dafür dauernd entsprechend heruntergefahren werden und machen sich dadurch unrentabel.
Endlosthema Endläger
Auch der Rückbau der stillgelegten Kernkraftwerke verzögert sich immer wieder, da die beiden Endläger für die schwachaktiven und hochaktiven Abfälle nicht zur Verfügung stehen. Diese zu etablieren und zu betreiben ist die Aufgabe des Staates, wofür er von den EVU bis auf den letzten Cent entlohnt wird. Aber die Regierung kommt nicht voran. Nach der Aufgabe von Gorleben (und wohl auch Konrad) steht man wieder bei Punkt Null. Im Jahr 2031 soll ein neuer Standort für das Hochaktiv-Endlager gefunden sein - aber wird die Bevölkerung in Baden-Württemberg (Ton!) bzw- Bayern/Sachsen (Granit!) da mitspielen? Gorleben ist bekanntlich überall.
Wie lange soll die Kostenposition "Lagerung der radioaktiven Abfälle" noch in den Bilanzen der Aktiengesellschaften E.on, RWE und EnBW noch schmoren? Und unter welchem Preisschild? 10 Milliarden? 20 Milliarden? Oder gar 50 Milliarden? Für DAX-notierte Firmen sind Rückstellungen durchaus die Regel, aber in diesem Fall handelt es sich um hypothetische Kostenpositionen, die jeder Prüfer anders bewerten kann und die somit die Handlungsfreiheit der genannten AG´s bis zum Ende dieses Jahrhunderts beeinträchtigen wird. Es ist gar nicht ausgeschlossen, dass eine dieser Firmen in die Nähe der Insolvenz gerät, falls eine Wirtschaftsprüfungsgesellschaft im Rahmen der vorgeschriebenen Bilanzprüfung zu der Auffassung kommen könnte, dass dieses Abfallobligo den Firmenwert ab einem gewissen Zeitpunkt überschreitet.
Poker ist angesagt
Nach der Sommerpause wird wohl der grosse Poker um die deutschen Atomkraftwerke beginnen. Die EVU werden damit locken, die bereits eingereichten Schadensersatzklagen in Höhe von ca. 28 Milliarden gegen die genannten 34 Milliarden Stiftungskapital und Entsorgungsrücklagen aufzurechnen. Und sie haben gute Chancen. Das Finanzgericht in Hamburg hat bereits gegen die Brennelementesteuer entschieden und das Bundesverfassungsgericht brütet über die eventuelle Schadensersatzsumme für die stillgelegten 17 Kernkraftwerke. Vattenfall, als schwedischer Konzern, hat sogar Klage bei einem US-Gericht in Washington eingereicht. Das könnte besonders teuer werden, denn amerikanische Gerichte sind bei der Bemessung ihrer Schadenssummen meist sehr grosszügig.
Ich hoffe nicht, dass die Bundesregierung zukünftig mit ihren Beamten und Staatsangestellten den Betrieb der 9 restlichen Atomkraftwerke übernehmen will. Das würde mich auf meine alten Tage noch zur Auswanderung in die USA bewegen.
Sonntag, 20. April 2014
Die missglückte Liberalisierung des Strommarktes
Etwa hundert Jahre lang waren die deutschen Stromversorger, wie RWE, Badenwerk, Bayernwerk etc. Wirtschaftsunternehmen "sui generis". Sie genossen die Exklusivrechte von Gebietsmonopolisten; keine Kartellbehörde veranlasste sie zu wettbewerblichen Handeln. Ihre eingängige Philosophie war: Strom ist ein hochwichtiges Produkt, kann immer erst zum Zeitpunkt des Verbrauchs hergestellt werden, ist nur zu geringem Teil zu speichern und kann deshalb unter Konkurrenzbedingungen nicht zuverlässig angeboten werden. Unter der Bezeichnung "Energieversorgungsunternehmen" (EVU) liess es sich in den regionalen Schutzgebieten gut leben, auch wenn die EVU immer wieder, leicht ironisch, als "unechte Industrie" bezeichnet wurden.
Das änderte sich zum Ende des vorigen Jahrhunderts. Die Skandinavier, insbesondere die Schweden, machte vor, wie man solche Strommonopolisten zu wettbewerblichem Tun veranlassen konnte. Die EU-Kommission griff diese Idee auf, legte eine Richtlinie für die nachfolgende nationale Gesetzgebung vor und schon am 26. April 1998 unterzeichnete der Bundespräsident Roman Herzog das sogenannte Energiewirtschaftsgesetz. Durch diese "Liberalisierung des Energiemarktes" (auch die Sparte Gas war dabei) sollten Millionen von Privathaushalte erstmals in die Lage versetzt werden, sich ihren Stromlieferanten selbst und frei auszuwählen. Hatten die Verbraucher bislang die Geschäftsbedingungen und Preiskalkulationen ihrer örtlichen Monopolisten ohne nennenswerten Widerspruch zu akzeptieren - weil ihnen sonst der Strom oder das Gas abgestellt worden wäre - so sollten sie sich ab jetzt für einen anderen Stromanbieter entscheiden können, falls diese ihre Energie billiger verkauften.
Die Positionierung der grossen EVU
Die grossen EVU hatten diesen mehrjährigen Gesetzgebungsprozess natürlich genauestens verfolgt und sich darauf strategisch vorbereitet. Im Wesentlichen reagierten sie auf zwei Weisen: durch den Zusammenschluss zu Grosskonzernen und durch die Bildung von Tochterunternehmen.
In Baden-Württemberg schloss sich das Badenwerk und die Energieversorgung Schwaben (EVS) zur Energie Baden-Württemberg (EnBW) zusammen. In der Folge übernahm die EnBW noch die Neckarwerke Stuttgart und das Land verkaufte seinen Anteil von 25,5 Prozent an den französischen Stromkonzern Electricité de France für 2,4 Milliarden Euro. - Die Fusion von RWE und VEW ist bereits im vorherigen Blog beschrieben worden, ebenso wie die Bildung von E.ON aus den beiden Mischkonzernen VEAG und VIAG. - Das Quartett vervollständigte der schwedische Konzern Vattenfall, der 2002 die HEW, VEAG und die Lausitzer Braunkohle übernahm. - Die vier Stromgiganten hatten damals gemeinsam einen Marktanteil von ca. 70 Prozent. Einige der noch existierenden Stadtwerke verübten daraufhin aus Angst vor dem unternehmerischen Tod "Selbstmord" und liessen sich aufkaufen, oft genug vom "grossen Bruder", dem Vorlieferanten.
Die Bildung von Tochterunternehmen
Der zweite strategische Schritt der vier Oligopolisten zur Verhinderung unliebsamer Konkurrenz im Strommarkt war die Gründung von "Billig-Töchtern". Zu nennen sind Avanca, eine Tochter des RWE-Konzerns, sowie Exprimo, ein Abkömmling der E.ON und die Gesellschaft Yello, welche von der EnBW auf den Markt gebracht wurde. In allen Fällen handelte es sich um reine Vertriebsgesellschaften, die den Strom von ihren Müttern (etwas billiger) bezogen und dem privaten Endkunden verkaufen sollten. - Auch Öko-Anbieter, wie Naturstrom, Lichtblick, EWS Schönau und Greenpeace Energy tummelten sich auf dem deutschen Strommarkt. Ihr Preise lagen aber meist über Marktniveau und der Kundenstamm war entsprechend überschaubar.
Besonderen Rummel veranstaltete die Vertriebsgesellschaft Yello, für welche der EnBW- Oberchef Gerhard Goll sogar den Kabarettisten Harald Schmidt werben liess. "Unser Strom ist gelb" verkündete dieser kess im Fernsehen - und nicht wenige Kunden glaubten ihm. Als Otto Normalverbraucher "Hannes" erklärte er zudem, wie einfach es ist, den Stromanbieter zu wechseln (zu Yello, selbstredend).
Aber die Euphorie an der Preisfront dauerte nur knapp zwei Jahre. Im Jahr 2000 hatten die Energieriesen die Sache wieder im Griff. Zu Hilfe kam ihnen ein Geburtsfehler des Energiewirtschaftsgesetzes: darin waren nämlich die Netzentgelte für die Durchleitung von "Fremdstrom" nicht geregelt. An dieser Preisschraube liess sich trefflich drehen, sodass für wechselbereite Interessenten letztlich kein Vorteil mehr heraussprang. Als Folge mussten viele engagierte Strommakler das Feld räumen und die Grossen waren wieder unter sich. Mit Ausnahme von Yello, die nach eigenen Angaben eine Million Kunden haben soll, wurden die übrigen Billigtöchter rasch wieder "eingedampft".
Eine Novellierung des Energiewirtschaftsgesetzes im Jahr 2005 sollte diese Lücke wieder schliessen. Seine wesentlichen Eckpunkte waren die Entflechtung der Stromnetze sowie die Überprüfung der Netzentgelte und der Durchleitungstarife durch die Regulierungsbehörde Bundesnetzagentur.Das brachte mehr Transparenz in das Stromgeschäft, sodass die Haushalte bald die Wahl zwischen ca. 100 Stromanbietern und ca. 30 Gasanbietern hatten. Aber der Aufschwung der frühen Jahre liess sich nicht mehr herstellen. Mit dazu beigetragen hat der Umstand, dass immer wieder unseriöse Anbieter insolvent wurden, worunter hundertausende von Kleinkunden zu leiden hatten, weil sie in finanzielle Vorleistung gegangen waren. Die bankrotten Firmen TelDaFax und Flexstrom sind dafür abschreckende Beispiele.
Im Fazit kann man heute feststellen, dass, den Statistiken zufolge, seit Beginn der Strommarkt-Liberalisierung lediglich ein Viertel aller Bundesbürger ihren Stromanbieter gewechselt hat.
Das änderte sich zum Ende des vorigen Jahrhunderts. Die Skandinavier, insbesondere die Schweden, machte vor, wie man solche Strommonopolisten zu wettbewerblichem Tun veranlassen konnte. Die EU-Kommission griff diese Idee auf, legte eine Richtlinie für die nachfolgende nationale Gesetzgebung vor und schon am 26. April 1998 unterzeichnete der Bundespräsident Roman Herzog das sogenannte Energiewirtschaftsgesetz. Durch diese "Liberalisierung des Energiemarktes" (auch die Sparte Gas war dabei) sollten Millionen von Privathaushalte erstmals in die Lage versetzt werden, sich ihren Stromlieferanten selbst und frei auszuwählen. Hatten die Verbraucher bislang die Geschäftsbedingungen und Preiskalkulationen ihrer örtlichen Monopolisten ohne nennenswerten Widerspruch zu akzeptieren - weil ihnen sonst der Strom oder das Gas abgestellt worden wäre - so sollten sie sich ab jetzt für einen anderen Stromanbieter entscheiden können, falls diese ihre Energie billiger verkauften.
Die Positionierung der grossen EVU
Die grossen EVU hatten diesen mehrjährigen Gesetzgebungsprozess natürlich genauestens verfolgt und sich darauf strategisch vorbereitet. Im Wesentlichen reagierten sie auf zwei Weisen: durch den Zusammenschluss zu Grosskonzernen und durch die Bildung von Tochterunternehmen.
In Baden-Württemberg schloss sich das Badenwerk und die Energieversorgung Schwaben (EVS) zur Energie Baden-Württemberg (EnBW) zusammen. In der Folge übernahm die EnBW noch die Neckarwerke Stuttgart und das Land verkaufte seinen Anteil von 25,5 Prozent an den französischen Stromkonzern Electricité de France für 2,4 Milliarden Euro. - Die Fusion von RWE und VEW ist bereits im vorherigen Blog beschrieben worden, ebenso wie die Bildung von E.ON aus den beiden Mischkonzernen VEAG und VIAG. - Das Quartett vervollständigte der schwedische Konzern Vattenfall, der 2002 die HEW, VEAG und die Lausitzer Braunkohle übernahm. - Die vier Stromgiganten hatten damals gemeinsam einen Marktanteil von ca. 70 Prozent. Einige der noch existierenden Stadtwerke verübten daraufhin aus Angst vor dem unternehmerischen Tod "Selbstmord" und liessen sich aufkaufen, oft genug vom "grossen Bruder", dem Vorlieferanten.
Die Bildung von Tochterunternehmen
Der zweite strategische Schritt der vier Oligopolisten zur Verhinderung unliebsamer Konkurrenz im Strommarkt war die Gründung von "Billig-Töchtern". Zu nennen sind Avanca, eine Tochter des RWE-Konzerns, sowie Exprimo, ein Abkömmling der E.ON und die Gesellschaft Yello, welche von der EnBW auf den Markt gebracht wurde. In allen Fällen handelte es sich um reine Vertriebsgesellschaften, die den Strom von ihren Müttern (etwas billiger) bezogen und dem privaten Endkunden verkaufen sollten. - Auch Öko-Anbieter, wie Naturstrom, Lichtblick, EWS Schönau und Greenpeace Energy tummelten sich auf dem deutschen Strommarkt. Ihr Preise lagen aber meist über Marktniveau und der Kundenstamm war entsprechend überschaubar.
Das Logo der EnBW-Tochter "Yello"
Besonderen Rummel veranstaltete die Vertriebsgesellschaft Yello, für welche der EnBW- Oberchef Gerhard Goll sogar den Kabarettisten Harald Schmidt werben liess. "Unser Strom ist gelb" verkündete dieser kess im Fernsehen - und nicht wenige Kunden glaubten ihm. Als Otto Normalverbraucher "Hannes" erklärte er zudem, wie einfach es ist, den Stromanbieter zu wechseln (zu Yello, selbstredend).
Aber die Euphorie an der Preisfront dauerte nur knapp zwei Jahre. Im Jahr 2000 hatten die Energieriesen die Sache wieder im Griff. Zu Hilfe kam ihnen ein Geburtsfehler des Energiewirtschaftsgesetzes: darin waren nämlich die Netzentgelte für die Durchleitung von "Fremdstrom" nicht geregelt. An dieser Preisschraube liess sich trefflich drehen, sodass für wechselbereite Interessenten letztlich kein Vorteil mehr heraussprang. Als Folge mussten viele engagierte Strommakler das Feld räumen und die Grossen waren wieder unter sich. Mit Ausnahme von Yello, die nach eigenen Angaben eine Million Kunden haben soll, wurden die übrigen Billigtöchter rasch wieder "eingedampft".
Eine Novellierung des Energiewirtschaftsgesetzes im Jahr 2005 sollte diese Lücke wieder schliessen. Seine wesentlichen Eckpunkte waren die Entflechtung der Stromnetze sowie die Überprüfung der Netzentgelte und der Durchleitungstarife durch die Regulierungsbehörde Bundesnetzagentur.Das brachte mehr Transparenz in das Stromgeschäft, sodass die Haushalte bald die Wahl zwischen ca. 100 Stromanbietern und ca. 30 Gasanbietern hatten. Aber der Aufschwung der frühen Jahre liess sich nicht mehr herstellen. Mit dazu beigetragen hat der Umstand, dass immer wieder unseriöse Anbieter insolvent wurden, worunter hundertausende von Kleinkunden zu leiden hatten, weil sie in finanzielle Vorleistung gegangen waren. Die bankrotten Firmen TelDaFax und Flexstrom sind dafür abschreckende Beispiele.
Im Fazit kann man heute feststellen, dass, den Statistiken zufolge, seit Beginn der Strommarkt-Liberalisierung lediglich ein Viertel aller Bundesbürger ihren Stromanbieter gewechselt hat.
Sonntag, 13. April 2014
Warum die berühmte RWE von der unbekannten E.ON überholt wurde
Wenn die Aktionäre der Rheinisch-Westfälischen Energiewerke AG (RWE) am kommenden Mittwoch (16. April) in der Essener Gruga-Halle zu ihrer Hauptversammlung zusammen kommen, dann wird Trübsal angezeigt sein. Noch nie in der ruhmvollen 116-jährigen Geschichte dieses Konzerns musste der Vorstand ein schlechteres Geschäftsergebnis vortragen. Zum ersten Mal in der Nachkriegszeit wird ein Verlust ausgewiesen - und das gleich in der Höhe von 2,757 Milliarden Euro. Die Dividende wird auf einen Euro pro Aktie halbiert; der Aktienkurs fiel in den letzten fünf Jahren von knapp 100 auf blosse 28 Euro.
Das trifft nicht nur die Privatanleger, sondern auch die Kommunen in Nordrhein-Westfalen, welche seit Urzeiten grosse Aktienpakete des RWE halten und damit zum erheblichen Teil ihre städtischen Ausgaben finanzieren. Wegen der sinkenden Dividende (und parallel der sinkenden Gewerbesteuer) sind die Einnahmen dieser Kommunen stark gefallen. Aber auch der fallende Aktienkurs bereitet grosse bilanztechnische Probleme. Die Stadt Essen wird in diesem Jahr 680 Millionen Euro Aktienwert abschreiben müssen; womit fast 80 Prozent des bilanziellen Eigenkapitals dieser Stadt aufgebraucht sein wird.
Der Konzernchef Peter Terium will den Umbau seines Unternehmens zu höherer Rendite hin beschleunigen, aber das ist leichter gesagt als getan. Zur Zeit plagen das RWE nämlich mehr als 30 Milliarden Euro Altschulden, die zu einem erheblichen Teil noch aus einer Zeit stammen, da es der Firma - gemessen an heute - noch ausgezeichnet ging. Was lief damals schief, wie kam diese Fehlkalkulation zustande?
RWE: die falsche Strategie zur Diversifikation
Um das zu verstehen, muss man zwei Jahrzehnte in der Firmengeschichte des RWE zurückgehen. Zur Jahrtausendwende - nach der Wiedervereinigung - kam es in der deutschen Stromwirtschaft zu einer historischen Konzentration: die Unternehmen RWE (neu), E.ON, EnBW und Vattenfall entstanden. (Die Gründe dafür lagen in der vom Gesetzgeber veranlassten sogenannten "Liberalisierung der deutschen Stromwirtschaft", welche im Blog der kommenden Woche genauer erläutert werden wird). Mitte des Jahres 2000 gelang es dem RWE nämlich, die Vereinigten Elektrizitätswerke Westfalen (VEW) zu " schlucken" wodurch die "neue" RWE entstand. Damit war etwas gelungen, was die RWE schon seit den zwanziger Jahren anstrebte, nämlich die "aufsässigen Dortmunder" ihrem Konzern einzuverleiben. Und die "Mitgift" konnte sich sehen lassen: nunmehr gehörten u. a. die VEW Energie, die Mitteldeutsche Energieversorgung MEAG sowie die Westfälische Ferngas AG zum Essener Konzern. Der Name VEW wurde getilgt.
Nach der Integration von VEW organisierte RWE den Konzern in vier Bereiche: Strom, Gas, Umwelt und Wasser. Bald entstand ein Beziehungsgeflecht von nahezu 1000 Unternehmen. Unter dem Vorstandsvorsitz von Dietmar Kuhnt schien RWE den Industriemarkt leerzukaufen. Die Essener steigerten gegen Mitbewerber so lange, bis diese aus dem Feld geschlagen waren. Freilich zumeist zu überhöhten Preisen, wie sich später zeigen sollte.
Kuhnt setzte vor allem auf das weltweite Wassergeschäft. Vom "blauen Gold" schien der Vorstandschef wie berauscht zu sein. So erstand RWE für ein Gebot von 7 Milliarden Euro den britischen Wasserproduzenten Thames Water mit Sitz in London. Kurz darauf akquirierte RWE auch American Water für 5 Milliarden Euro. Kleine Schönheitsfehler: RWE übernahm damit auch die 8 Milliarden Schulden der Amerikaner und in England musste man viel Geld bezahlen für die Sanierung der total verrotteten Londoner Wasserleitungen. Zusammen mit weiteren Übernahmen im Ausland hatte RWE in kurzer Zeit einen Schuldenberg von 20 Milliarden Euro angehäuft. Die Kritik an Kuhnts Konzernpolitik wurde nun immer lauter und 2003 wurde er zur Abdankung veranlasst. Der Holländer Harry Roels stoppte den manischen Firmenankauf - aber der Schuldenberg blieb bis heute.
E.ON: Konzentration auf das Kerngeschäft
Praktisch parallel zu RWE vollzog sich der Aufstieg des Konzerns E.ON. Er entstand durch die Fusion der beiden Mischkonzerne VEBA und VIAG im Jahr 2000. Der Motor hinter dieser Konzentration war Ulrich Hartmann, seit 1993 Vorstandsvorsitzender der VEAG und ab 2000 in gleicher Position für den Gesamtkonzern E.on. Hartmann hatte eine klare Wachstumsstrategie: das Unternehmen E.on sollte Europas führender Energiekonzern werden, und zwar ausschliesslich auf den beiden Gebieten Strom und Gas.
Setzte auf Konzentration: Ulrich Hartmann, E.on-Vorstandsvorsitzender 2000-2003
In einem gigantischen Desinvestitionsprogramm verkaufte er zunächst Hunderte von Beteiligungen auf den Gebieten Telekommunikation, Stahl, Aluminium, Glas, Wasser, Verpackung etc., was etwa 40 Milliarden Euro in die Kassen des Düsseldorfer Konzerns spülte. Die anschliessende Einkaufstour führte Hartmann durch Grossbritannien, wo er sich Powergen einverleibte und weiter durch Italien, Schweden, Ungarn usw. bis in die USA. Im Jahr 2004 war bereits ein Konzern mit einem Jahresumsatz von 50 Milliarden Euro und 70.000 Beschäftigten entstanden. E.on hatte RWE hinter sich gelassen - und sich dabei noch nicht einmal verschuldet!
PS.:Nicht alles lief schlecht bei RWE in 2013:
Immerhin ist die Gesamtvergütung des RWE-Vorstandsvorsitzenden Peter Terium im Bilanzjahr 2013 um 20 Prozent auf 4.504 Millionen Euro angestiegen, gegenüber dem Vorjahr 2012 (3.729 Mio).
Das trifft nicht nur die Privatanleger, sondern auch die Kommunen in Nordrhein-Westfalen, welche seit Urzeiten grosse Aktienpakete des RWE halten und damit zum erheblichen Teil ihre städtischen Ausgaben finanzieren. Wegen der sinkenden Dividende (und parallel der sinkenden Gewerbesteuer) sind die Einnahmen dieser Kommunen stark gefallen. Aber auch der fallende Aktienkurs bereitet grosse bilanztechnische Probleme. Die Stadt Essen wird in diesem Jahr 680 Millionen Euro Aktienwert abschreiben müssen; womit fast 80 Prozent des bilanziellen Eigenkapitals dieser Stadt aufgebraucht sein wird.
Der Konzernchef Peter Terium will den Umbau seines Unternehmens zu höherer Rendite hin beschleunigen, aber das ist leichter gesagt als getan. Zur Zeit plagen das RWE nämlich mehr als 30 Milliarden Euro Altschulden, die zu einem erheblichen Teil noch aus einer Zeit stammen, da es der Firma - gemessen an heute - noch ausgezeichnet ging. Was lief damals schief, wie kam diese Fehlkalkulation zustande?
RWE: die falsche Strategie zur Diversifikation
Um das zu verstehen, muss man zwei Jahrzehnte in der Firmengeschichte des RWE zurückgehen. Zur Jahrtausendwende - nach der Wiedervereinigung - kam es in der deutschen Stromwirtschaft zu einer historischen Konzentration: die Unternehmen RWE (neu), E.ON, EnBW und Vattenfall entstanden. (Die Gründe dafür lagen in der vom Gesetzgeber veranlassten sogenannten "Liberalisierung der deutschen Stromwirtschaft", welche im Blog der kommenden Woche genauer erläutert werden wird). Mitte des Jahres 2000 gelang es dem RWE nämlich, die Vereinigten Elektrizitätswerke Westfalen (VEW) zu " schlucken" wodurch die "neue" RWE entstand. Damit war etwas gelungen, was die RWE schon seit den zwanziger Jahren anstrebte, nämlich die "aufsässigen Dortmunder" ihrem Konzern einzuverleiben. Und die "Mitgift" konnte sich sehen lassen: nunmehr gehörten u. a. die VEW Energie, die Mitteldeutsche Energieversorgung MEAG sowie die Westfälische Ferngas AG zum Essener Konzern. Der Name VEW wurde getilgt.
Nach der Integration von VEW organisierte RWE den Konzern in vier Bereiche: Strom, Gas, Umwelt und Wasser. Bald entstand ein Beziehungsgeflecht von nahezu 1000 Unternehmen. Unter dem Vorstandsvorsitz von Dietmar Kuhnt schien RWE den Industriemarkt leerzukaufen. Die Essener steigerten gegen Mitbewerber so lange, bis diese aus dem Feld geschlagen waren. Freilich zumeist zu überhöhten Preisen, wie sich später zeigen sollte.
Setzte auf Diversifikation: Dr. Dietmar Kuhnt, RWE-Vorstandsvorsitzender 1995 - 2003
Kuhnt setzte vor allem auf das weltweite Wassergeschäft. Vom "blauen Gold" schien der Vorstandschef wie berauscht zu sein. So erstand RWE für ein Gebot von 7 Milliarden Euro den britischen Wasserproduzenten Thames Water mit Sitz in London. Kurz darauf akquirierte RWE auch American Water für 5 Milliarden Euro. Kleine Schönheitsfehler: RWE übernahm damit auch die 8 Milliarden Schulden der Amerikaner und in England musste man viel Geld bezahlen für die Sanierung der total verrotteten Londoner Wasserleitungen. Zusammen mit weiteren Übernahmen im Ausland hatte RWE in kurzer Zeit einen Schuldenberg von 20 Milliarden Euro angehäuft. Die Kritik an Kuhnts Konzernpolitik wurde nun immer lauter und 2003 wurde er zur Abdankung veranlasst. Der Holländer Harry Roels stoppte den manischen Firmenankauf - aber der Schuldenberg blieb bis heute.
E.ON: Konzentration auf das Kerngeschäft
Praktisch parallel zu RWE vollzog sich der Aufstieg des Konzerns E.ON. Er entstand durch die Fusion der beiden Mischkonzerne VEBA und VIAG im Jahr 2000. Der Motor hinter dieser Konzentration war Ulrich Hartmann, seit 1993 Vorstandsvorsitzender der VEAG und ab 2000 in gleicher Position für den Gesamtkonzern E.on. Hartmann hatte eine klare Wachstumsstrategie: das Unternehmen E.on sollte Europas führender Energiekonzern werden, und zwar ausschliesslich auf den beiden Gebieten Strom und Gas.
Setzte auf Konzentration: Ulrich Hartmann, E.on-Vorstandsvorsitzender 2000-2003
In einem gigantischen Desinvestitionsprogramm verkaufte er zunächst Hunderte von Beteiligungen auf den Gebieten Telekommunikation, Stahl, Aluminium, Glas, Wasser, Verpackung etc., was etwa 40 Milliarden Euro in die Kassen des Düsseldorfer Konzerns spülte. Die anschliessende Einkaufstour führte Hartmann durch Grossbritannien, wo er sich Powergen einverleibte und weiter durch Italien, Schweden, Ungarn usw. bis in die USA. Im Jahr 2004 war bereits ein Konzern mit einem Jahresumsatz von 50 Milliarden Euro und 70.000 Beschäftigten entstanden. E.on hatte RWE hinter sich gelassen - und sich dabei noch nicht einmal verschuldet!
PS.:Nicht alles lief schlecht bei RWE in 2013:
Immerhin ist die Gesamtvergütung des RWE-Vorstandsvorsitzenden Peter Terium im Bilanzjahr 2013 um 20 Prozent auf 4.504 Millionen Euro angestiegen, gegenüber dem Vorjahr 2012 (3.729 Mio).
Sonntag, 30. März 2014
Zielsetzung und Risiken der nächsten drei Fusionsprojekte (2)
ITER, für sich genommen, ist bereits ein gigantisches Projekt. Aber seine Grösse relativiert sich, wenn man es im Verbund sieht zu den beiden nachfolgenden Fusionsreaktorprojekten, die nötig sind, um der Kernfusion zum technischen und wirtschaftlichen Durchbruch zu verhelfen. Die "Roadmap" hierfür wurde erarbeitet von Alexander M. Bradshaw, einem britischen Physiker, der viele Jahre Direktor des Max-Planck-Instituts in München-Garching war. Bradshaw (und seine Mitarbeiter, selbstredend) identifizierte die technischen Schritte, welche nötig sind, damit die Fusionsreaktoren - ähnlich wie Kohle- oder Atomkraftwerke - von den europäischen Energieversorgungsunternehmen zur Stromversorgung akzeptiert werden. Nach Bradshaw sind dafür drei Schritte erforderlich: ITER, DEMO I und DEMO II. Letztere sind die Abkürzung für zwei Demonstrations-Fusionskraftwerke, die sich zeitlich an den ITER anschliessen. Im Folgenden sollen die wesentlichen Zielsetzungen und Risiken dieser drei Grossprojekte kurz beschrieben werden.
ITER
Das Projekt ITER sollte nach der ursprünglichen Zielsetzung wesentlich mehr leisten, als das jetzt der Fall ist. Und weniger kosten! Nach der technischen Spezifikation zum Ende der achziger Jahre des vorigen Jahrhunderts sollte der ITER von einem kompletten Blankett zum Erbrüten des Tritiums umgeben sein. Die Kosten für das Gesamtprojekts wurden auf 7 Milliarden Euro abgeschätzt. Der Europäischen Kommission in Brüssel war dieser Preis zu hoch und man setzte eine Arbeitsgruppe ein, die nach "Einsparungmöglichkeiten" suchen sollte. Dies hatte zur Folge, dass einige wichtige Komponenten aussen vor gelassen wurden, z. B. das Brutblankett. Es ist im ITER nur noch rudimentär vertreten. Immerhin war die Brüsseler Kommission zufrieden, als damit die Kosten auf 3,5 Milliarden Euro abgespeckt werden konnten. Leider war dies ein Pyrrhussieg, denn in der Folge stieg der Preis für diese Magerversion schnell auf 5 Milliarden und schliesslich waren es wieder die ursprünglichen 7 Milliarden. Derzeit ist man - allein für den Bau, der Betrieb folgt noch - bei 16 Milliarden angelangt. Dass es bis zum avisierten Bauende 20 Milliarden Euro werden, darauf darf gewettet werden. Das traurige Fazit dieser Reduktionsmassnahmen ist, dass der ITER, in seiner jetzigen Spezifikation, mehr ein Gerät für Physiker ist, an dem aber wichtige technische Komponententests nicht ausgeführt werden können.
Betrachten wir nun die zeitliche Abfolge des ITER. Bis zum Jahr 2020 soll der Bau abgeschlossen sein, was schwierig genug sein wird, wie im vorausgehenden Blog dargestellt wurde. Für den nachfolgenden Betrieb wird der Tokamak mit Wasserstoff bzw. Helium gefüllt, um die Stabilität des Plasmas und die Funktionstüchtigkeit der Divertoren zu erproben. Der Betrieb mit Deuterium und Tritium, dem eigentlichen Gas zur Erzeugung der Fusionsreaktion (siehe Skizze unten), ist erst ab 2027 geplant. Hierfür kann man 10 bis 15 Jahre ansetzen, womit wir im Jahr 2040 sind.
DEMO I
Unterstellen wir, optimistischerweise, dass die Experimente am ITER erfolgreich verlaufen, dann kann man sich an die Planung des DEMO I heran wagen. Das soll ein Fusionsreaktor der Leistung von 1.000 Megawatt sein, also einem Kernkraftwerk bzw. einem grossem Kohlekraftwerk entsprechen. Dieses Projekt wird von dem bisherigen 7er-Staatenbund nicht mehr zu stemmen sein - aus finanziellen und politischen Gründen. Spätestens hier benötigt man die Partizipation der europäischen Energieversorgungsunternehmen (EVU). Ein organisatorisches Vorbild könnte der European Fast Reactor (EFR) der neunziger Jahre sein, wo eine Reihe deutscher, französischer und britischer EVU kooperierten und die Planungskosten trugen. Das begleitende Forschungs- und Entwicklungsprogramm (F+E) wurde von den Forschungsorganisationen der genannten Staaten geschultert.
Der DEMO I muss bereits mit allen Komponenten, die ein solches Kraftwerk benötigt, im Masstab 1:1 ausgestattet sein. Also auch mit einen kompletten Blankett sowie der dafür erforderlichen Infrastruktur zur Abtrennung und Wiederaufarbeitung des Tritiums. Das Hauptziel des DEMO I wird sein, die technische "feasibility" dieses Reaktors sicherzustellen. Zum derzeitigen Moment ist noch nicht seriöserweise der Terminablaufplan dieses Riesenprojekts abzuschätzen. Man wird aber nicht völlig falsch liegen, wenn man - mindestens! - je zehn Jahr für Planung, Bau und Betrieb des DEMO I ansetzt. Nach diesen 30 Jahren befinden wird uns im Jahr 2070.
DEMO II
Mit dem DEMO II soll bewiesen werden, dass dieser Fusionsreaktor wirtschaftlich arbeiten kann, und Strom rentabel liefern wird. Die EVU werden vor allem darauf achten, dass diese Maschine im Betrieb mit hoher Verfügbarkeit funktioniert und keine zu grossen Wartungskosten entstehen. Hier gibt es jedoch allerhand technische Risiken. Wie man immer wieder hört, ist die Strahlenschädigung des Torus wegen der schnellen 14-MeV-Neutronen so erheblich, dass dieser Stahlmantel alle 2 - 3 Jahre ausgewechselt werden muss. Dafür werden, nach derzeitigen Vorstellungen, Montagezeiten von 6 - 8 Monate angesetzt. Nach den Erfahrungen mit dem Rückbau von Kernkraftwerken ist dies völlig illusorisch, da die Vor-Ort-Radioaktivität in einem Fusionsreaktor viel höhen sein wird, als beim Abriss eines konventionellen Kernkraftwerks. Es könnte also durchaus der Fall auftreten, dass diese Auswechselprozedur viel länger dauert, womit die Verfügbarkeit und die Wirtschaftlichkeit des DEMO II infrage stünde. Weitere Probleme könnten in Verbindung mit dem Tritium entstehen, wenn man die derzeitigen Strahlenschutzvorschriften zugrunde legt. Unabhängig davon, werden Planung Bau und Probebetrieb des DEMO II wohl auch nicht kürzer als 30 Jahre dauern, womit wir beim Jahr 2100 angelangt sind - wenn alles gut läuft. Natürlich kann man die Terminpläne der drei Fusionsreaktoren auch überlappen und dadurch etwas an Zeit einsparen. Aber wer soll dabei das Risiko tragen?
Aufhören oder weitermachen?
Die genannten Zeitskalen und die einzusetzenden Finanzmittel könnten mutlos machen und zur Aufgabe des Fusionsprojekt animieren. Nicht wenige Politiker denken in diese Richtung. Aber haben wir bei der so überaus wichtigen Energiefrage viele Optionen? Im Grunde gibt es derzeit nur fünf technische Möglichkeiten, um viel Energie über tausende von Jahren bereitzustellen, nämlich: Sonne, Wind, Geothermie, Schneller Brüter - und Kernfusion. Die ersten drei gehören den hochgepriesenen Erneuerbaren Energien an und bereits jetzt, in der Einführungsphase, zeigt sich in Deutschland, dass auch sie ihre Probleme haben. Man sollte also nicht vorschnell auf eine einzige dieser Optionen verzichten, auch nicht auf die Kernfusion. Es ist nicht auszuschliessen, dass es in den kommenden Jahrzehnten zu technisch-wissenschaftlichen Durchbrüchen auf diesem Gebiet kommt. Wer kann schon in die Zukunft blicken?
Bleiben die Kosten. Auch diese muss man relativieren. Der Bau des ITER wird dem Konsortium um die 20 Milliarden Euro kosten. Das entspricht ziemlich genau der Summe, womit man in Deutschland derzeit Sonnen- und Windenergie subventioniert. In jedem Jahr, wohlgemerkt! Ausserdem, von den Baukosten des ITER entfallen nur etwa 10 Prozent, also etwa 2 Milliarden Euro auf die Bundesrepublik. Das ist die Summe, welche der Bau des Schnellen Brüters SNR 300 Kalkar gekostet hat, der allerdings von den nordrhein-westfälischen Politikern (Rau!) nicht zum Netzbetrieb zugelassen wurde.
Mein Petitum, trotz mancher Bedenken, ist: weitermachen!
ITER
Das Projekt ITER sollte nach der ursprünglichen Zielsetzung wesentlich mehr leisten, als das jetzt der Fall ist. Und weniger kosten! Nach der technischen Spezifikation zum Ende der achziger Jahre des vorigen Jahrhunderts sollte der ITER von einem kompletten Blankett zum Erbrüten des Tritiums umgeben sein. Die Kosten für das Gesamtprojekts wurden auf 7 Milliarden Euro abgeschätzt. Der Europäischen Kommission in Brüssel war dieser Preis zu hoch und man setzte eine Arbeitsgruppe ein, die nach "Einsparungmöglichkeiten" suchen sollte. Dies hatte zur Folge, dass einige wichtige Komponenten aussen vor gelassen wurden, z. B. das Brutblankett. Es ist im ITER nur noch rudimentär vertreten. Immerhin war die Brüsseler Kommission zufrieden, als damit die Kosten auf 3,5 Milliarden Euro abgespeckt werden konnten. Leider war dies ein Pyrrhussieg, denn in der Folge stieg der Preis für diese Magerversion schnell auf 5 Milliarden und schliesslich waren es wieder die ursprünglichen 7 Milliarden. Derzeit ist man - allein für den Bau, der Betrieb folgt noch - bei 16 Milliarden angelangt. Dass es bis zum avisierten Bauende 20 Milliarden Euro werden, darauf darf gewettet werden. Das traurige Fazit dieser Reduktionsmassnahmen ist, dass der ITER, in seiner jetzigen Spezifikation, mehr ein Gerät für Physiker ist, an dem aber wichtige technische Komponententests nicht ausgeführt werden können.
Betrachten wir nun die zeitliche Abfolge des ITER. Bis zum Jahr 2020 soll der Bau abgeschlossen sein, was schwierig genug sein wird, wie im vorausgehenden Blog dargestellt wurde. Für den nachfolgenden Betrieb wird der Tokamak mit Wasserstoff bzw. Helium gefüllt, um die Stabilität des Plasmas und die Funktionstüchtigkeit der Divertoren zu erproben. Der Betrieb mit Deuterium und Tritium, dem eigentlichen Gas zur Erzeugung der Fusionsreaktion (siehe Skizze unten), ist erst ab 2027 geplant. Hierfür kann man 10 bis 15 Jahre ansetzen, womit wir im Jahr 2040 sind.
Die Deuterium-Tritium-Fusionsreaktion
Unterstellen wir, optimistischerweise, dass die Experimente am ITER erfolgreich verlaufen, dann kann man sich an die Planung des DEMO I heran wagen. Das soll ein Fusionsreaktor der Leistung von 1.000 Megawatt sein, also einem Kernkraftwerk bzw. einem grossem Kohlekraftwerk entsprechen. Dieses Projekt wird von dem bisherigen 7er-Staatenbund nicht mehr zu stemmen sein - aus finanziellen und politischen Gründen. Spätestens hier benötigt man die Partizipation der europäischen Energieversorgungsunternehmen (EVU). Ein organisatorisches Vorbild könnte der European Fast Reactor (EFR) der neunziger Jahre sein, wo eine Reihe deutscher, französischer und britischer EVU kooperierten und die Planungskosten trugen. Das begleitende Forschungs- und Entwicklungsprogramm (F+E) wurde von den Forschungsorganisationen der genannten Staaten geschultert.
Der DEMO I muss bereits mit allen Komponenten, die ein solches Kraftwerk benötigt, im Masstab 1:1 ausgestattet sein. Also auch mit einen kompletten Blankett sowie der dafür erforderlichen Infrastruktur zur Abtrennung und Wiederaufarbeitung des Tritiums. Das Hauptziel des DEMO I wird sein, die technische "feasibility" dieses Reaktors sicherzustellen. Zum derzeitigen Moment ist noch nicht seriöserweise der Terminablaufplan dieses Riesenprojekts abzuschätzen. Man wird aber nicht völlig falsch liegen, wenn man - mindestens! - je zehn Jahr für Planung, Bau und Betrieb des DEMO I ansetzt. Nach diesen 30 Jahren befinden wird uns im Jahr 2070.
DEMO II
Mit dem DEMO II soll bewiesen werden, dass dieser Fusionsreaktor wirtschaftlich arbeiten kann, und Strom rentabel liefern wird. Die EVU werden vor allem darauf achten, dass diese Maschine im Betrieb mit hoher Verfügbarkeit funktioniert und keine zu grossen Wartungskosten entstehen. Hier gibt es jedoch allerhand technische Risiken. Wie man immer wieder hört, ist die Strahlenschädigung des Torus wegen der schnellen 14-MeV-Neutronen so erheblich, dass dieser Stahlmantel alle 2 - 3 Jahre ausgewechselt werden muss. Dafür werden, nach derzeitigen Vorstellungen, Montagezeiten von 6 - 8 Monate angesetzt. Nach den Erfahrungen mit dem Rückbau von Kernkraftwerken ist dies völlig illusorisch, da die Vor-Ort-Radioaktivität in einem Fusionsreaktor viel höhen sein wird, als beim Abriss eines konventionellen Kernkraftwerks. Es könnte also durchaus der Fall auftreten, dass diese Auswechselprozedur viel länger dauert, womit die Verfügbarkeit und die Wirtschaftlichkeit des DEMO II infrage stünde. Weitere Probleme könnten in Verbindung mit dem Tritium entstehen, wenn man die derzeitigen Strahlenschutzvorschriften zugrunde legt. Unabhängig davon, werden Planung Bau und Probebetrieb des DEMO II wohl auch nicht kürzer als 30 Jahre dauern, womit wir beim Jahr 2100 angelangt sind - wenn alles gut läuft. Natürlich kann man die Terminpläne der drei Fusionsreaktoren auch überlappen und dadurch etwas an Zeit einsparen. Aber wer soll dabei das Risiko tragen?
Aufhören oder weitermachen?
Die genannten Zeitskalen und die einzusetzenden Finanzmittel könnten mutlos machen und zur Aufgabe des Fusionsprojekt animieren. Nicht wenige Politiker denken in diese Richtung. Aber haben wir bei der so überaus wichtigen Energiefrage viele Optionen? Im Grunde gibt es derzeit nur fünf technische Möglichkeiten, um viel Energie über tausende von Jahren bereitzustellen, nämlich: Sonne, Wind, Geothermie, Schneller Brüter - und Kernfusion. Die ersten drei gehören den hochgepriesenen Erneuerbaren Energien an und bereits jetzt, in der Einführungsphase, zeigt sich in Deutschland, dass auch sie ihre Probleme haben. Man sollte also nicht vorschnell auf eine einzige dieser Optionen verzichten, auch nicht auf die Kernfusion. Es ist nicht auszuschliessen, dass es in den kommenden Jahrzehnten zu technisch-wissenschaftlichen Durchbrüchen auf diesem Gebiet kommt. Wer kann schon in die Zukunft blicken?
Bleiben die Kosten. Auch diese muss man relativieren. Der Bau des ITER wird dem Konsortium um die 20 Milliarden Euro kosten. Das entspricht ziemlich genau der Summe, womit man in Deutschland derzeit Sonnen- und Windenergie subventioniert. In jedem Jahr, wohlgemerkt! Ausserdem, von den Baukosten des ITER entfallen nur etwa 10 Prozent, also etwa 2 Milliarden Euro auf die Bundesrepublik. Das ist die Summe, welche der Bau des Schnellen Brüters SNR 300 Kalkar gekostet hat, der allerdings von den nordrhein-westfälischen Politikern (Rau!) nicht zum Netzbetrieb zugelassen wurde.
Mein Petitum, trotz mancher Bedenken, ist: weitermachen!
Sonntag, 16. März 2014
ITER, ITER, Super-ITER (1)
Man nennt ihn die komplizierteste Maschine der Welt: den ITER im französischen Cadarache. Auf ihn richten die Blicke all derer, die weltweit in das Super-Projekt Kernfusion involviert sind. Um eine Plattform von 60 Fussballfelder zu schaffen, mussten 2,5 Millionen Kubikmeter Erde bewegt werden, was ziemlich genau dem Volumen der Cheopspyramide entspricht. Der sogenannte Tokomak, das Herzstück des ITER wird aus einer Million Einzelteilen bestehen und 23.000 Tonnen wiegen, womit er das Gewicht des Eiffelturms ums Doppelte übertreffen wird. Zur seismischen Isolierung gegen Erdbeben sind 360.000 Tonnen Beton einzubringen, was dem Gewicht des Empire State Building in New York entspricht. Jede der 18 D-förmigen Toroidalfeldspulen besitzt ein Gewicht von 360 Tonnen und wiegt damit so viel wie eine vollbesetzte Boeing 747. Die Spulen sind 14 Meter hoch und 9 Meter breit. Sie sind mit supraleitenden Niob-Zinn-Drähten ausgestattet, die in ihrer Länge zwei Mal um den Globus reichen würden.
Die Grosskomponenten werden am nächstgelegenen Mittelmeerhafen Marseille angelandet und auf der sogenannten ITER-Strasse zum Standort Cadarache gebracht. Diese 104 Kilometer lange Strasse wurde eigens für die 200 Schwerlasttransporte des ITER gebaut und besitzt Kurven und Brücken, die für solche Transporte geeignet sind. Die schwerste Komponente wird 900 Tonnen wiegen und vier Stockwerke hoch sein.
Organisation, Termine, Kosten
ITER ist ein Projekt der sechs Länder China, Indien, Japan, Korea, Russland, USA und der Europäischen Union (EU), worin auch Deutschland eingebunden ist. Diese Länder tragen mit Geld, aber vor allem mit Sachmittel zur Finanzierung des Projekts bei. Darin liegt auch eine Schwäche der Organisation, denn die Abstimmung zwischen diesen Ländern kostet viel Zeit. Generaldirektor des Ganzen ist der Japaner Osamu Motojima.
Das Projekt ITER wurde im Jahr 2006 mit grossem Aplomb gestartet und schon drei Jahre danach waren die Vertragskosten von 5 auf 16 Milliarden Euro angestiegen und der Inbetriebnahmetermin hatte sich um satte 10 Jahre nach hinten verschoben. Weitere Kostenerhöhungen und Terminverschiebungen verursachten das Erdbeben und er nachfolgende Tsunami in Fukushima, weil dabei das japanische Forschungszentrum in benachbarten Naka stark beschädigt wurde. Dort werden die wichtigen supraleitenden Magnetspulen für den ITER gefertigt.
Die Zweifel der Amerikaner
Erschüttert wurde das ITER-Projekt vor einigen Monaten - aber nicht durch Naturgewalten sondern durch einige Blatt Papier, welche das Management vergeblich unter der Decke halten wollte. Es war das "Management Assessment" der USA, ein Gutachten, das im Auftrag des Kongress erstellt wurde.
Alle zwei Jahre wird eine solche Begutachtung durchgeführt, jeweils von einem anderen Land. Die amerikanischen Experten nahmen sich kein Blatt vor dem Mund und bescheinigten dem Management im südfranzösischen Cadarache schwere Fehler, die nach Ansicht der Autoren sogar zum Scheitern des gesamten Projekts führen könnten. Die Kritik war so deutlich, dass der ITER-Aufsichtsrat im vergangenen Februar zu einer Sondersitzung einberufen wurde, um einen vertraulichen Aktionsplan zu beschliessen.
Das amerikanische Energieministerium schätzt, das die anteiligen US-ITER-Kosten von 2,9 auf 4,8 Milliarden steigen könnten. Rechnet man diese Zahl auf die Gesamtkosten des ITER um, so könnten sich diese von 16 auf 40 Milliarden Euro erhöhen. Da die Fusionsforschung zu den Verlierern des amerikanischen Energiebudgets gehört, könnte dies sogar den Abbruch des Projekts bedeuten. Die Ersteller des Assessments fordern einen neuen, realistischen Terminplan sowie die beschleunigte Suche nach einen neuen Generaldirektor! Man wirft Motojima vor, die Erstellung realistischer Termin- und Kostenpläne systematisch zu verhindern und in seinem (japan-typischen) Harmoniestreben zu weit zu gehen. Auch seien zu viele Manager und zu wenige Ingenieure am Projekt beschäftigt. Bis zum nächsten ordentlichen Treffen des Rats im Juni soll die Hauptverwaltung eine neue Organisationsstruktur erarbeiten.
Ein Grundproblem in der ITER-Struktur ist die Tatsache, das die verschiedenen Länder zumeist nur Sachmittel (z. B. Komponenten) nach Cadarache liefern, aber kaum Geld. Das führt zu allerhand Schnittstellenproblemen, wenn die Hardware nicht zusammenpasst. Insbesondere, wenn ein Land technische Änderungen will, die bei einem anderen Land zu Mehrkosten führen, ist die Fähigkeit der Zentrale zur Koordination und Entscheidung verlangt. Meist wird das Problem unter den Tisch gekehrt - oder auf die Zeit nach 2020 (offizieller Inbetriebnahmetermin) verschoben. Die Erstellung realistischer Zeitpläne wird vom oberen Management offenbar systematisch unterbunden und führt zur Demotivation der Mitarbeiter.
"Das Projekt ist in einer Malaise und könnte ausser Kontrolle geraten", heisst es in einem vom The New Yorker veröffentlichten Report. Das ist deutlich.
Schnitt durch den Reaktor des ITER;
rechts unten eine Person
Die Grosskomponenten werden am nächstgelegenen Mittelmeerhafen Marseille angelandet und auf der sogenannten ITER-Strasse zum Standort Cadarache gebracht. Diese 104 Kilometer lange Strasse wurde eigens für die 200 Schwerlasttransporte des ITER gebaut und besitzt Kurven und Brücken, die für solche Transporte geeignet sind. Die schwerste Komponente wird 900 Tonnen wiegen und vier Stockwerke hoch sein.
Organisation, Termine, Kosten
ITER ist ein Projekt der sechs Länder China, Indien, Japan, Korea, Russland, USA und der Europäischen Union (EU), worin auch Deutschland eingebunden ist. Diese Länder tragen mit Geld, aber vor allem mit Sachmittel zur Finanzierung des Projekts bei. Darin liegt auch eine Schwäche der Organisation, denn die Abstimmung zwischen diesen Ländern kostet viel Zeit. Generaldirektor des Ganzen ist der Japaner Osamu Motojima.
Das Projekt ITER wurde im Jahr 2006 mit grossem Aplomb gestartet und schon drei Jahre danach waren die Vertragskosten von 5 auf 16 Milliarden Euro angestiegen und der Inbetriebnahmetermin hatte sich um satte 10 Jahre nach hinten verschoben. Weitere Kostenerhöhungen und Terminverschiebungen verursachten das Erdbeben und er nachfolgende Tsunami in Fukushima, weil dabei das japanische Forschungszentrum in benachbarten Naka stark beschädigt wurde. Dort werden die wichtigen supraleitenden Magnetspulen für den ITER gefertigt.
Die Zweifel der Amerikaner
Erschüttert wurde das ITER-Projekt vor einigen Monaten - aber nicht durch Naturgewalten sondern durch einige Blatt Papier, welche das Management vergeblich unter der Decke halten wollte. Es war das "Management Assessment" der USA, ein Gutachten, das im Auftrag des Kongress erstellt wurde.
Alle zwei Jahre wird eine solche Begutachtung durchgeführt, jeweils von einem anderen Land. Die amerikanischen Experten nahmen sich kein Blatt vor dem Mund und bescheinigten dem Management im südfranzösischen Cadarache schwere Fehler, die nach Ansicht der Autoren sogar zum Scheitern des gesamten Projekts führen könnten. Die Kritik war so deutlich, dass der ITER-Aufsichtsrat im vergangenen Februar zu einer Sondersitzung einberufen wurde, um einen vertraulichen Aktionsplan zu beschliessen.
Das amerikanische Energieministerium schätzt, das die anteiligen US-ITER-Kosten von 2,9 auf 4,8 Milliarden steigen könnten. Rechnet man diese Zahl auf die Gesamtkosten des ITER um, so könnten sich diese von 16 auf 40 Milliarden Euro erhöhen. Da die Fusionsforschung zu den Verlierern des amerikanischen Energiebudgets gehört, könnte dies sogar den Abbruch des Projekts bedeuten. Die Ersteller des Assessments fordern einen neuen, realistischen Terminplan sowie die beschleunigte Suche nach einen neuen Generaldirektor! Man wirft Motojima vor, die Erstellung realistischer Termin- und Kostenpläne systematisch zu verhindern und in seinem (japan-typischen) Harmoniestreben zu weit zu gehen. Auch seien zu viele Manager und zu wenige Ingenieure am Projekt beschäftigt. Bis zum nächsten ordentlichen Treffen des Rats im Juni soll die Hauptverwaltung eine neue Organisationsstruktur erarbeiten.
Ein Grundproblem in der ITER-Struktur ist die Tatsache, das die verschiedenen Länder zumeist nur Sachmittel (z. B. Komponenten) nach Cadarache liefern, aber kaum Geld. Das führt zu allerhand Schnittstellenproblemen, wenn die Hardware nicht zusammenpasst. Insbesondere, wenn ein Land technische Änderungen will, die bei einem anderen Land zu Mehrkosten führen, ist die Fähigkeit der Zentrale zur Koordination und Entscheidung verlangt. Meist wird das Problem unter den Tisch gekehrt - oder auf die Zeit nach 2020 (offizieller Inbetriebnahmetermin) verschoben. Die Erstellung realistischer Zeitpläne wird vom oberen Management offenbar systematisch unterbunden und führt zur Demotivation der Mitarbeiter.
"Das Projekt ist in einer Malaise und könnte ausser Kontrolle geraten", heisst es in einem vom The New Yorker veröffentlichten Report. Das ist deutlich.
Sonntag, 2. März 2014
Nagasaki und die Kapitulation (4)
Zwischen den beiden Atombombenabwürfen auf Hiroshima (6. August 1945) und Nagasaki (9. August) lagen nur drei Tage, aber es war eine ereignisreiche Zeit. Am 7. August warf die amerikanische Luftwaffe Millionen von Flugblättern über die 47 grössten Städte Japans ab und forderte die japanische Führung zur Kapitulation auf unter dezidiertem Hinweis auf die "Superbombe". Vom Kreuzer USS Augusta drohte Präsident Truman: Wenn Sie unsere Bedingungen nicht akzeptieren, dann mögen Sie einen Regen der Zerstörung aus der Luft erwarten, wie er noch nie auf der Erde gesehen worden ist.
Doch das Kriegskabinett in Tokio vermochte sich nicht auf eine bedingungslose Kapitulation zu einigen. Stattdessen bemühte sich Aussenminister Togo bei dem sowjetischen Kollegen Molotow um Vermittlung für bessere Bedingungen. Damit hatte er sich - tragischerweise - an den Falschen gewandt, denn die Sowjetunion, welche bislang mit Japan im Frieden war, nutzte plötzlich die Gunst der Stunde und griff Japan mit riesigen Streitkräften an. Am 8. August besetzte die UdSSR die Mandschurei und wenige Tage darauf die Inselgruppe der Kurilen - welche sie noch bis heute in Besitz hält. Als von der japanischen Regierung keine Reaktion kam, befahl Truman den Abwurf der nächsten Atombombe auf die Stadt Kokura am 11. August.
Die Montage der Plutoniumbombe
Die Plutoniumbombe ist, was ihren Zündmechanismus angeht, sehr viel komplizierter als die Uranbombe. Sie erfolgt über 32 Brennstofflinsen, die um die etwa 6 Kilogramm schwere Hohlkugel aus Plutonium angeordnet sind. Bei der Zündung erzeugen die Linsen eine konzentrische Schockwelle nach innen, pressen das Plutonium zusammen und bringen es dadurch zu einer überkritischen Explosion. Das Problem ist die zeitgleiche Erzeugung der Schockwelle, was lange nicht funktionierte. Wegen der konzentrischen Brennstofflinsen ist die Pu-Bombe dicker im Umfang und wurde deshalb "Fat Man" genannt.
Die Endmontage der Plutoniumbombe erfolgte auf der Pazifikinsel Tinian und war zeitlich eng bemessen. Als der Abwurftermin - aus Wettergründen - um einen Tag vorverlegt wurde, wuchs der Druck auf das Montageteam ins Unerträgliche. Das potenzierte sich noch, als (aus gleichen Gründen) der Fertigstellungstermin nochmals um einen Tag (auf den 9. August) geschoben wurde. Auf eine Reihe wichtiger Endkontrollen musste von da an verzichtet werden.
Es kam, wie es kommen musste. Am letzten Tag, gegen Mitternacht, entdeckte ein junger Armeetechniker, dass das Zündkabel nicht funktionierte. Irgendjemand hatte in der Eile die Buchsen an beiden Enden seitenverkehrt angelötet. Um das Kabel herauszunehmen und umzudrehen hätte man die Implosionskugel zum Teil wieder auseinander nehmen müssen, was einen ganzen Tag gedauert hätte. Damit wäre man in die prognoszierte fünftägige Schlechtwetterperiode gekommen. Der Techniker beschloss, die Steckverbinder einfacherweise von beiden Enden des Kabels abzulöten, auszutauschen und wieder anzulöten. Damit verstiess er ganz klar gegen eine Vorschrift, wonach im Montageraum keine Hitze erzeugt werden durfte. Aber Vorschriften hin, Vorschriften her, er tat es einfach. Am Schluss prüfte er noch ein halbes Dutzend mal das Kabel auf Durchgang, womit die Atombombe schliesslich fertig war.
Der Abwurf
Zum Transport der Bombe hatte man den 25-jährigen Bomberpiloten Charles W. Sweeney bestimmt. Er sollte die B-29 seines Kameraden Frederick Bock fliegen. Um dessen Enttäuschung etwas zu mildern, liess er auf die Maschine den Schriftzug Bock´s Car pinseln. Als Ziel hatte man ihm und seinen zwei Begleitflugzeugen die japanische Stadt Kokura mitgegeben, in der sehr viele Rüstungsbetriebe versammelt waren. Bock´Car startete am 9. August früh um 3 Uhr 47 von der Insel Tinian aus; das Ziel war etwa 2.500 km entfernt.
Laut Wettervorhersage sollten Sweeney und seine Leute auf dem ganzen Weg von den Marianen zum Kaiserreich Gewitterstürme begleiten. Das war auch der Fall: auf den vier Propellern glühten permanent Elmsfeuer. Bald musste der Pilot feststellen, dass er ohne Treibstoffreserve würde auskommen müssen; der Benzinhebel, mit dem er die Motoren auf Treibstoffzufuhr aus einem 2.300 Liter fassenden Zusatztank im hinteren Bombenschacht umstellen konnte, funktionierte nicht. Als er um 10 Uhr 44 in Kokura eintraf lag die Stadt unter einem dichten Bodennebel. Auch nach drei weiteren Anflügen gelang es ihm nicht per Auge ein Ziel auszumachen.
Nun wurde es brenzlig. Der Treibstoff reichte nur noch zu einem einzigen weiteren Zielanflug, sodass Sweeney die Entscheidung traf, nach Nagasaki abzubiegen, wo damals wichtige Werften für Kriegsschiffe sein sollten. Als er in Nagasaki ankam, stellte er fest, dass auch diese Stadt unter einem dichten Nebel lag. Nun blieb dem Piloten nur noch die Wahl, entweder nach Radar (ungenau) zu bombardieren oder die mehrere hundert Millionen teure Bombe ins Meer zu werfen. Für die Rückkehr zum nächsten Ziel Okinawa reichte der Sprit nicht mehr.
In letzter Minute riss die Wolkendecke gerade so lange auf, dass der Bombenschütze für 20 Sekunden freie Sicht auf ein Gelände bekam, das einige Kilometer flussabwärts vom eigentlichen Zielpunkt lag. Er klinkte die Bombe aus und Fat Man detonierte in 500 Metern Höhe über den steilen Hängen der Stadt mit einer Sprengkraft, die man später auf 22.000 Tonnen TNT abschätzte. Die Hänge begrenzten die Explosion in ihrer Wirkung; sie richtete weniger Zerstörungen an und forderte weniger Opfer als Little Boy in Hiroshima. Dennoch starben 22.000 Menschen sofort und weitere 39.000 innerhalb der nächsten drei Monate. Die Zahl der Verletzten betrug 75.000.
Die Kapitulation
Die Nachricht von der Zerstörung Nagasakis löste bei der japanischen Regierung Panik aus. Man befürchtete, die USA würde die nächste Atombombe auf Tokio abwerfen. (Auf Tinian trafen tatsächlich neue Bombenteile ein, die einen weiteren Abwurf am 17. August möglich gemacht hätten). Das japanische Kriegskabinett tagte ununterbrochen 12 Stunden lang, konnte sich aber zu keiner Entscheidung durchringen. Die Positionen der Militärs und des Aussenministers standen sich unversöhnlich gegenüber. Der für die Kamikazeangriffe zuständige General hatte vor 20 Millionen Japaner für Selbstmordangriffe zu opfern. Schliesslich griff der Premierminister Suzuki in die Debatte ein und bat den Kaiser Hirohito um ein Machtwort.
Hirohito versammelte die Minister und Ratsherren im kaiserlichen Luftschutzbunker um sich und erklärte: Ich kann den Gedanken nicht ertragen, mein Volk noch länger leiden zu lassen. Die ganze Nation wird in Schutt und Asche untergehen. Er bat den Premier den Entwurf eines kaiserlichen Edikts auszuarbeiten, das er per Rundfunk seinem Volk vortragen könne. So geschah es. In letzter Minute gab es allerdings einige Versuche militärischer Rebellion in Tokio: einige Offiziere wollten die Schallplatte des kaiserlichen Edikts stehlen und die kaiserlichen Garden überwältigen. Vergeblich.
Am 15. August strahlte der japanische Rundfunk die Rede des Tenno aus. Viele Japaner haben bei diesem Anlass zum ersten Mal die Stimme ihres Kaisers vernommen, als er sagte: Ich habe angeordnet, die Bedingungen der Alliierten Mächte zu akzeptieren. Lasst uns das Unerträgliche ertragen und das Untragbare erdulden. Lasst die ganze Nation wie eine Familie von Generation zu Generation weiterleben. Der Kommandeur der Truppen in Tokio und einige seiner jüngeren Offiziere begingen daraufhin rituellen Selbstmord durch Harakiri.
Die offizielle Kapitulationsurkunde wurde am 2. September 1945 unterzeichnet.
Doch das Kriegskabinett in Tokio vermochte sich nicht auf eine bedingungslose Kapitulation zu einigen. Stattdessen bemühte sich Aussenminister Togo bei dem sowjetischen Kollegen Molotow um Vermittlung für bessere Bedingungen. Damit hatte er sich - tragischerweise - an den Falschen gewandt, denn die Sowjetunion, welche bislang mit Japan im Frieden war, nutzte plötzlich die Gunst der Stunde und griff Japan mit riesigen Streitkräften an. Am 8. August besetzte die UdSSR die Mandschurei und wenige Tage darauf die Inselgruppe der Kurilen - welche sie noch bis heute in Besitz hält. Als von der japanischen Regierung keine Reaktion kam, befahl Truman den Abwurf der nächsten Atombombe auf die Stadt Kokura am 11. August.
Die Montage der Plutoniumbombe
Die Plutoniumbombe ist, was ihren Zündmechanismus angeht, sehr viel komplizierter als die Uranbombe. Sie erfolgt über 32 Brennstofflinsen, die um die etwa 6 Kilogramm schwere Hohlkugel aus Plutonium angeordnet sind. Bei der Zündung erzeugen die Linsen eine konzentrische Schockwelle nach innen, pressen das Plutonium zusammen und bringen es dadurch zu einer überkritischen Explosion. Das Problem ist die zeitgleiche Erzeugung der Schockwelle, was lange nicht funktionierte. Wegen der konzentrischen Brennstofflinsen ist die Pu-Bombe dicker im Umfang und wurde deshalb "Fat Man" genannt.
Fat Man wird endmontiert
Es kam, wie es kommen musste. Am letzten Tag, gegen Mitternacht, entdeckte ein junger Armeetechniker, dass das Zündkabel nicht funktionierte. Irgendjemand hatte in der Eile die Buchsen an beiden Enden seitenverkehrt angelötet. Um das Kabel herauszunehmen und umzudrehen hätte man die Implosionskugel zum Teil wieder auseinander nehmen müssen, was einen ganzen Tag gedauert hätte. Damit wäre man in die prognoszierte fünftägige Schlechtwetterperiode gekommen. Der Techniker beschloss, die Steckverbinder einfacherweise von beiden Enden des Kabels abzulöten, auszutauschen und wieder anzulöten. Damit verstiess er ganz klar gegen eine Vorschrift, wonach im Montageraum keine Hitze erzeugt werden durfte. Aber Vorschriften hin, Vorschriften her, er tat es einfach. Am Schluss prüfte er noch ein halbes Dutzend mal das Kabel auf Durchgang, womit die Atombombe schliesslich fertig war.
Der Abwurf
Zum Transport der Bombe hatte man den 25-jährigen Bomberpiloten Charles W. Sweeney bestimmt. Er sollte die B-29 seines Kameraden Frederick Bock fliegen. Um dessen Enttäuschung etwas zu mildern, liess er auf die Maschine den Schriftzug Bock´s Car pinseln. Als Ziel hatte man ihm und seinen zwei Begleitflugzeugen die japanische Stadt Kokura mitgegeben, in der sehr viele Rüstungsbetriebe versammelt waren. Bock´Car startete am 9. August früh um 3 Uhr 47 von der Insel Tinian aus; das Ziel war etwa 2.500 km entfernt.
Laut Wettervorhersage sollten Sweeney und seine Leute auf dem ganzen Weg von den Marianen zum Kaiserreich Gewitterstürme begleiten. Das war auch der Fall: auf den vier Propellern glühten permanent Elmsfeuer. Bald musste der Pilot feststellen, dass er ohne Treibstoffreserve würde auskommen müssen; der Benzinhebel, mit dem er die Motoren auf Treibstoffzufuhr aus einem 2.300 Liter fassenden Zusatztank im hinteren Bombenschacht umstellen konnte, funktionierte nicht. Als er um 10 Uhr 44 in Kokura eintraf lag die Stadt unter einem dichten Bodennebel. Auch nach drei weiteren Anflügen gelang es ihm nicht per Auge ein Ziel auszumachen.
Nun wurde es brenzlig. Der Treibstoff reichte nur noch zu einem einzigen weiteren Zielanflug, sodass Sweeney die Entscheidung traf, nach Nagasaki abzubiegen, wo damals wichtige Werften für Kriegsschiffe sein sollten. Als er in Nagasaki ankam, stellte er fest, dass auch diese Stadt unter einem dichten Nebel lag. Nun blieb dem Piloten nur noch die Wahl, entweder nach Radar (ungenau) zu bombardieren oder die mehrere hundert Millionen teure Bombe ins Meer zu werfen. Für die Rückkehr zum nächsten Ziel Okinawa reichte der Sprit nicht mehr.
In letzter Minute riss die Wolkendecke gerade so lange auf, dass der Bombenschütze für 20 Sekunden freie Sicht auf ein Gelände bekam, das einige Kilometer flussabwärts vom eigentlichen Zielpunkt lag. Er klinkte die Bombe aus und Fat Man detonierte in 500 Metern Höhe über den steilen Hängen der Stadt mit einer Sprengkraft, die man später auf 22.000 Tonnen TNT abschätzte. Die Hänge begrenzten die Explosion in ihrer Wirkung; sie richtete weniger Zerstörungen an und forderte weniger Opfer als Little Boy in Hiroshima. Dennoch starben 22.000 Menschen sofort und weitere 39.000 innerhalb der nächsten drei Monate. Die Zahl der Verletzten betrug 75.000.
Die Kapitulation
Die Nachricht von der Zerstörung Nagasakis löste bei der japanischen Regierung Panik aus. Man befürchtete, die USA würde die nächste Atombombe auf Tokio abwerfen. (Auf Tinian trafen tatsächlich neue Bombenteile ein, die einen weiteren Abwurf am 17. August möglich gemacht hätten). Das japanische Kriegskabinett tagte ununterbrochen 12 Stunden lang, konnte sich aber zu keiner Entscheidung durchringen. Die Positionen der Militärs und des Aussenministers standen sich unversöhnlich gegenüber. Der für die Kamikazeangriffe zuständige General hatte vor 20 Millionen Japaner für Selbstmordangriffe zu opfern. Schliesslich griff der Premierminister Suzuki in die Debatte ein und bat den Kaiser Hirohito um ein Machtwort.
Hirohito versammelte die Minister und Ratsherren im kaiserlichen Luftschutzbunker um sich und erklärte: Ich kann den Gedanken nicht ertragen, mein Volk noch länger leiden zu lassen. Die ganze Nation wird in Schutt und Asche untergehen. Er bat den Premier den Entwurf eines kaiserlichen Edikts auszuarbeiten, das er per Rundfunk seinem Volk vortragen könne. So geschah es. In letzter Minute gab es allerdings einige Versuche militärischer Rebellion in Tokio: einige Offiziere wollten die Schallplatte des kaiserlichen Edikts stehlen und die kaiserlichen Garden überwältigen. Vergeblich.
Am 15. August strahlte der japanische Rundfunk die Rede des Tenno aus. Viele Japaner haben bei diesem Anlass zum ersten Mal die Stimme ihres Kaisers vernommen, als er sagte: Ich habe angeordnet, die Bedingungen der Alliierten Mächte zu akzeptieren. Lasst uns das Unerträgliche ertragen und das Untragbare erdulden. Lasst die ganze Nation wie eine Familie von Generation zu Generation weiterleben. Der Kommandeur der Truppen in Tokio und einige seiner jüngeren Offiziere begingen daraufhin rituellen Selbstmord durch Harakiri.
Die offizielle Kapitulationsurkunde wurde am 2. September 1945 unterzeichnet.
General Mac Arthur und der Kaiser
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