Sonntag, 31. Januar 2010

Fischen nach Neutronen

Der Forschungsreaktor FRM in Garching war vom Typ her zwar ein sogenannter Schwimmbadreaktor, aber darin zu plantschen wäre ein kurzes und letales Vergnügen gewesen. Denn auf dem Grunde des etwa zehn Meter tiefen Wasserbeckens befand sich der Kernreaktor, bestehend aus zwei Dutzend (heftig strahlender) Brennelemente. "Reaktorherz" war damals die Bezeichnung. Umgeben war das Wasserbecken von einem Betonklotz mit meterdicken Wänden. Von oben konnte man durch das (abschirmende) Wasser auf den Reaktor blicken, der im Betrieb ein mystisch-bläuliches Licht ausstrahlte.

Der FRM erzeugte keinen Strom, wie spätere Kernkraftwerke, sondern war eine vielbegehrte Strahlenquelle für die Physiker, Chemiker und Ingenieure der Münchener Technischen Hochschule (TH) und darüberhinaus. Im wesentlichen produzierte er Neutronen, also neutrale Wasserstoffatomkerne und Gammastrahlen, eine Art harter Röntgenstrahlung. Über Mangel an Kundschaft brauchte ich mich - damals Leiter der Bestrahlungsgruppe - nicht zu beklagen. Die Physiker kamen in Scharen und legten mir fast alle Elemente des Periodensystems auf den Tisch, die unter Neutronen zu Isotopen "aktiviert" werden sollten. Die Radiochemiker wünschten sich trägerfreies Jod und gingen mich um sogenannte Szilard-Chalmers-Bestrahlungen an. Die Raketeningenieure (gab es damals schon) liessen Plutonium zur Erzeugung von Curium für ihre Isotopenbatterien bestrahlen. Vom Max-Planck-Institut wurden Meteorite für Aktivierungsanalysen zugesandt. Ein Biologieprofessor wollte gar lebende Meerschweinchen am Reaktorkern deponieren. Ich lehnte ab; wir einigten uns auf Zellkulturen. Sogar die Münchener Kripo und einen stadtbekannten Juwelier hatte ich als Klienten; doch darüber später.



Der Reaktorblock des FRM
(schematische Darstellung)

Unter den Maschinenbauern war die Firma Mercedes-Benz ein guter Kunde. Von ihr kamen jahrelang umfängliche Kolbenringe, Zylinderbüchsen und Nockenwellen sowie andere Komponenten ihrer Luxuskarossen. Sie wurden im Neutronenfluss des FRM aktiviert, nach Untertürkheim zurückgesandt und dort wieder in den Motorenverbund eingebaut. Die abgeriebenen Metallteilchen wanderten ins Schmieröl und mit einem Detektor konnte dieser Verschleiss verhältnismässig leicht gemessen werden. Durch Verwendung verbesserter Metallpaarungen wurde bei künftigen Modellen der Abrieb reduziert, was ein wesentlicher Grund dafür war, dass die Laufzeit der Motoren von damals 100.000 auf heute 300.000 Kilometer gesteigert werden konnte.

Im landwirtschaftlichen Bereich brachten die Saatgutzüchter Getreide, Kartoffeln, Obst und Blumensamen, die wir mit Gammastrahlen bzw. schnellen Neutronen bestrahlen sollten. Bei jeder Bestrahlung entstanden bis zu 10.000 Mutationen, die anschliessend selektiert und mit anderen Sorten gekreuzt wurden. Ich bin überzeugt, dass ein Gutteil der heutigen Nutzpflanzen auf Mutationszüchtungen via Kernstrahlung beruht. Wenn die "Grünen" in den 80er Jahren mit ihren - ach so ökologischen - Jutetaschen posierten, dann hat mich das nur amüsiert. Denn ich wusste, dass gerade die Jute durch Bestrahlung in indischen Atomreaktoren auf ihre heutigen Eigenschaften hingetrimmt worden war.



Das Angelschnurverfahren

Angesichts dieser Fülle an Bestrahlungsaufträgen (mehr als tausend pro Jahr) mag es verwundern, wenn ich bekenne, dass der FRM gar nicht für Bestrahlungen ausgestattet war. Er kam als blanke Strahlenquelle - ohne jegliche Zusatzeinrichtungen - aus den USA, was auch seinen bescheidenen Preis erklärte. Die genannten Bestrahlungsproben mussten von oben zehn Meter tief durch das Wasser abgesenkt und relativ genau am Reaktor positioniert werden. Wir bewerkstelligten dies auf eine ähnlich simple Weise wie ein Fischer, der Beute am Grund eines Sees machen will: mit einer Angel! Bei dem sogenannten Angelschnurverfahren wurde die Bestrahlungsprobe wasserdicht in Folie verpackt und an einer käuflichen Angelschnur befestigt. Zur Kompensation des Auftriebs war darunter noch ein entsprechend schweres Bleigewicht befestigt. In der Regel widerstand die Schnur der Reaktorstrahlung etwa eine Stunde lang; es empfahl sich also, die Probe rechtzeitig wieder mit der Angelschnurrolle hochzuziehen. In einer Absetzwanne, etwa einen Meter unterhalb des Wasserspiegels, wurde sie dann einige Zeit zum kontrollierten Abklingen gelagert, bis der Operateur sie (fernbedient) verpackte und dem Kunden aushändigte.

Nach und nach kamen weitere Bestrahlungsverfahren hinzu. Zum Teil wurden sie von ausländischen Reaktoren übernommen und an den FRM angepasst. Vom Kernforschungszentrum Harwell in England erhielten wir die sogenannten Harwellkapseln samt Manipulatoren. Vorausetzung für diesen know-how-Transfer war ein Besuch des deutschen Bundesatomminister Franz Joseph Strauss beim dortigen Chef für die Nuklearforschung, wobei Strauss sogar der britischen Königin Elisabeth II vorgestellt wurde.


Die britische Königin Elisabeth II begrüsst Atomminister Franz Joseph Strauß
(mitte: Sir Edwin Plowden, Chef des Harwell-Zentrums)

Bleibt noch nachzutragen die Sache mit der Kripo und dem Juwelier. In München war ein stadtbekannter Opernsänger unter dubiosen Umständen gestorben, aber weder die Kriminalpolizei noch die Pathologen konnten die Todesursache eindeutig feststellen. Da meldete sich ein junger Beamter aus dem Spurendezernat zu Wort, der gehört hatte, dass "die Reaktorleute in Garching" geringste Metallgehalte in den Haaren feststellen konnten. In der Tat war dies für uns ein Klacks. Ich bestrahlte ein kleines Haarbüschel und die Kollegen von der Radiochemie machten eine Aktivierungsanalyse. Der Thallium-Peak war eindeutig: er deutete auf langsame Vergiftung mit Rattengift hin. Die Ehefrau des verblichenen Opernsängers wurde ins Kreuzverhör genommen, sie gestand unter Tränen und verbrachte fortan einige Jahre (ohne ihren heimlichen Geliebten) im Landsberger Zuchthaus.

Der (unehrliche) Juwelier hatte mehr naturwissenschaftliche Kenntnisse, wurde aber trotzdem gefasst. Er wusste wohl, dass gewisse Gläser sich unter harter Röntgenstrahlung verfärben und vermutete das Gleiche bei Diamanten unter Gammastrahlung. So brachte er mir eines Tages etwa zwei Dutzend gelblicher Brillanten von ansehnlicher Grösse, deren Einschlüsse aber bereits ohne Lupe zu sehen waren. Sicherlich hatten sie nur einen geringen Wert; der Juwelier bat mich jedoch, sie für einige Minuten dem energiereichen Gammafluss am Reaktorkern auszusetzen. Gesagt, getan. Zu meiner (damaligen) Überraschung hatten die Brillanten aber nach der Bestrahlung ihre Farbe gewechselt. Sie waren schöner geworden; statt mattgelb leuchteten sie nun intensiv grün und blau. Wie Smaragde und Saphire.

Ein Jahr später konnte ich die Fortsetzung dieser Geschichte in der "Süddeutschen Zeitung" nachlesen. Der Juwelier hatte die bestrahlten Diamanten als als superseltene Edelstein-Exoten für ein Heidengeld an einige bekannte Filmstars weiter verkauft. Die Sache flog allerdings auf, als die Schönen anlässlich der Filmfestspiele in Cannes auf der Promenade La Croisette flanierten und mit grossen Schrecken feststellen mussten, dass ihre Klunker immer mehr die intensive Farbe einbüssten, bis zum Schluss nur noch das (anfängliche) schmutzige Gelb übrig blieb. Physikalisch gesprochen, hatte das starke mediterrane Ultraviolettlicht die Absorptionsbanden der Farbzentren im Festkörper Diamant zerstört. Übrig geblieben war lediglich die ursprüngliche Farbe der Einschlüsse.

Auch hier schlug der Arm des Gesetzes zu und der Juwelier wurde wegen Betrugs zu einigen Jahren Gefängnis verdonnert.

Donnerstag, 24. Dezember 2009

Anekdoten aus den Anfängen

Nachdem die beiden Antagonisten der Nachkriegszeit, die USA und die Sowjetunion, bereits je mehr als zehntausend Atombomben angehäuft hatten, beschlossen sie etwas für den Frieden zu tun. Sie liessen die UNO in ihrem "Palais der Nationen" im schweizerischen Genf vom 8. bis 20. August 1955 die "Erste internationale Konferenz für die friedliche Verwendung der Atomenergie" ausrichten - sinnigerweise fast genau zehn Jahre nach den Bombenabwürfen über Hiroshima und Nagasaki.

Im Gefolge der US-Delegation befanden sich zahlreiche Industrieunternehmen, die ihre atomtechnischen Gerätschaften und Materialien feil hielten. Eine davon war die Maschinenbaufirma AFM, die sogar einen kompletten Forschungsreaktor vom Schwimmbad-Typ präsentierte. Er war im Park des Konferenzgebäudes aufgestellt, befand sich dort in einer Baracke(!), und war, dessenungeachtet, in vollem nuklearen Betrieb. Die Konferenzteilnehmer hatten ungehinderten Zutritt und kaum einer der mehr als 2.000 Politiker und Wissenschaftler liess sich die Chance zur Besichtigung entgehen sondern genossen, wohl mit einigem Gruseln, den Anblick der blau leuchtenden Tscherenkow-Strahlung im Reaktorkern.


Andrang beim Versuchsreaktor in Genf


Einer der Interessierten war der Physikprofessor Dr. Heinz Maier-Leibnitz, seines Zeichens Ordinarius an der Technischen Hochschule (TH) München. Er überredete seinen vorgesetzten Kultusminister zur Beschaffung eines solchen Versuchsreaktors und dieser schickte ihn auch zu Preisverhandlungen in die USA. Der (in Esslingen) geborene Schwabe tat dies mit so grossem Erfolg, dass die Industriefirma AFM ihn später als Europavertreter ihrer Produkte anheuern wollte. (ML, wie er von seinen Studenten genannt wurde,verzichtete). Der ausgehandelte Preis für den Schwimmbadreaktor - einschliesslich der Brennelemente - lag schliesslich bei 1,5 Millionen DM, ein "Trinkgeld" aus heutiger Sicht.

Nun war die bayerische Staatsregierung gefordert, von der ein formaler Beschluss zu dem Reaktorprojekt erwartet wurde. Der damalige Ministerpräsident Dr. Wilhelm Hoegner, ein Befürworter der Kerntechnik - obschon der SPD angehörend - improvisierte bei nächster Gelegenheit mit zufällig anwesenden Ministern eine "Kabinettssitzung". Als Hoegner bei neun seiner Ministern Zustimmung konstatiert hatte, rief er zufrieden: "G´langt scho". Ohne weitere Diskussionen wurde beschlossen, für die TH einen Schwimmbadreaktor bei AFM zu kaufen und Maier-Leibnitz mit den weiteren Geschäften zu beauftragen. "Ich hatte eben recht fügsame Leute", kommentierte Hoegner später diese seltsame Ministerratssitzung. Der Lieferkontrakt wurde mitte 1956 im deutschen Generalkonsulat in New York unterschrieben, wobei der damalige Bundesatomminister Franz-Joseph Strauss für den Bund zeichnete. Als Name wurde "Forschungsreaktor München", kurz FRM, vereinbart.


Unterzeichnung des Liefervertrags für den FRM;
(von links: Maier-Leibnitz, Strauss, Smith (Präsident der AFM))

Kurz vorher war auch die Standortfrage angegangen worden. Man wurde fündig bei der Gemeinde Garching, wo der Reaktor in den Isar-Auen, ca. 16 km nordöstlich von München entfernt, platziert werden sollte. Der dortige Bürgermeister Josef Amon zeigte sich dem Projekt gegenüber sehr aufgeschlossen und sein Gemeinderat votierte einstimmig für den Verkauf des benötigten Landes zum Preis von knapp 1,5 DM pro Quadratmeter. Einwendungen kamen lediglich von einer Münchener Brauerei, die um die Reinheit ihres Brauwassers fürchtete und vom FKK-Klub "Osiris", der in dieser Gegend seinem Vereinszweck nachging. Beider Befürchtungen konnten zerstreut werden.

Das Reaktorgebäude mit seiner schimmernden Aluminiumhülle über der Betonschale wurde als "Atomei" zu einem berühmten Wahrzeichen der Kernenergie schlechthin. Wegen der Ei-Form kam immer wieder der Verdacht auf, dass der Hobbykoch Maier-Leibnitz als Ideengeber gewirkt haben könnte. Das war nicht der Fall. Der Entwurf stammte von dem Münchener Architekten Gerhard Weber, der damals als Professor an der TH wirkte. Geometrisch gesprochen ist das Gebäude auch kein Ei, sondern ein halbes Rotationsellipsoid mit einer Höhe und einem Durchmesser von je 30 Metern. ML hatte allerdings diese Abmessungen vorgegeben, denn im Reaktorgebäude mussten nicht nur die Reaktorkomponenten sondern auch die zahlreich geplanten Experimentieranlagen Platz finden. Aus heutiger Sicht kaum nachvollziehbar ist, dass der Rohbau dieses Containments innerhalb von weniger als drei Monaten hochgezogen wurde! Garching entwickelte sich im Verlauf der nächsten Jahrzehnte von einem 2000-Seelen-Dorf zu einer Stadt mit 16.000 Einwohnern. Wegen des FRM und der Auslagerung vieler TH-Institute darf sie sich heute mit dem Titel "Universitätsstadt" schmücken, die über den europaweit grössten Campus verfügt.


Das "Atomei", die Landmarke von Garching

Phasenweise kabarettreif verlief die Beschaffung und die Lagerung der Brennelemente für den FRM. Sie wurden im Januar 1957 bei der US-Firma Babcock & Wilcox geordert, konnten aber nicht ausgeliefert werden, da die Bundesrepublik Deutschland damals noch kein Atomgesetz besass, welches die Hantierung von Uran regelte. Im Wahlkampfgetümmel des Jahres 1957 war ein entsprechender Gesetzesentwurf an den Einwendungen von Ollenhauers Sozialdemokraten gescheitert. Kurz entschlossen brachten die Bayern ein "Bayerisches Atomgesetz" in ihrem Landtag ein, welches einstimmig von den Abgeordneten angenommen wurde. Die Amerikaner waren zufrieden und wenige Wochen darauf trafen die auf 20 % angereicherten Uranelemente (in Sperrholzkisten!) in München ein.

Ministerpräsident Wilhelm Hoegner liess es sich nicht nehmen, dieses Ereignis mit seiner Anwesenheit zu zieren. Da zufällig kein Schraubenzieher zur Hand war, öffnete man die Kisten mit einem Taschenmesser. Der Landeschef hatte die Ehre, das erste Brennelement - mit blossen Händen! - aus der Kiste zu heben und den hochrangigen Persönlichkeiten und Journalisten zu zeigen. Er tat dies mit dem Ausruf: "Es lebe die Aktivität". Der Strahlenschutzphysiker des FRM leistete sich den Scherz, sein Messgerät an die Armbanduhr des Ministerpräsidenten zu halten, worauf es laut knatterte. Sodann erst näherte er das Instrument dem Brennelement und jeder hörte nur noch ein leises Ticken. Dieser (schlitzohrige) Versuch überzeugte die Anwesenden von der relativen Gefährlichkeit von Radium und Uran. Tags darauf schrieb die Presse: "Uhren sind gefährlicher als Reaktorbrennelemente". Und es war wohl kein Zufall, dass kurze Zeit später Uhren mit Leuchtstoffziffern verboten wurden.


Ministerpräsident Hoegner hebt das erste Brennelement aus der Kiste

Sehr unkonventionell löste man auch die anschliessende Zwischenlagerung der Brennelemente. Da das Reaktorbecken noch nicht fertiggestellt war, wurden die Uranelemente (diebstahlssicher) im Tresor der Bayerischen Staatsbank deponiert. Als sie im Oktober benötigt wurden, war der für die Schlüssel zuständige hochrangige Bankmanager kurzfristig nicht auffindbar, da er mit Gästen auf dem Oktoberfest weilte. Um ähnliches Malheur künftig zu vermeiden, schaffte man die Elemente nach Garching ins Reaktorgebäude und lagerte sie dort in einem Blechschrank(!).

Die Montage des FRM hatte im Mai 1957 begonnen und war - fast unglaublich - im Herbst des gleichen Jahres zu Ende. Als am 31. Oktober alle nichtnuklearen Prüfungen abgeschlossen waren, zögerte man nicht, noch am gleichen Tag das kritische Experiment durchzuführen. Ein paar Stunden musste man auf Maier-Leibnitz warten, dem am Vormittag noch ein schmerzender Zahn gezogen wurde. Aber um 19 Uhr 45 war es dann endlich so weit: die Neutronen liessen die Messinstrumente ausschlagen, ein Blick hinunter ins Wasserbecken des Schwimmbadreaktors zeigte ein blaues Leuchten, die erste Kettenreaktion in Deutschland hatte stattgefunden. Es ist verbürgt, dass die beteiligten Physiker so aufgekratzt waren von diesem Ereignis, dass sie spontan in einer Polonäse um das Reaktorbecken tanzten - im Schein der Tscherenkowstrahlung.

Maier-Leibnitz schrieb später darüber in seiner trockenen Art: "Wir sind dann noch zum "Neuwirt" nach Garching gefahren und haben dort gefeiert. Die Wirtin hat uns Sekt spendiert. Am nächsten Mittag flogen die beiden Ingenieure der Lieferfirma nach New York zurück. Wir haben nie wieder etwas von ihnen gehört und waren von da an auf uns selbst angewiesen."

Die geschilderten Aktionen und Umstände mögen manchmal skurril, ja risikoreich erscheinen; indes, die wirkliche Sicherheit am ersten Forschungsreaktor in Deutschland stand dabei nie in Frage. Die Mannen um den Reaktorchef Professor Lothar Koester wussten stets, was sie taten. In den folgenden 43 Jahren bis zur endgültigen Abschaltung des FRM am 28. Juli 2000 kam es zu keinem einzigen ernsthaften Reaktorstörfall. Sein Nachfolger, der FRM II – von Siemens zwischen 1996 und 2000 als Hochflussreaktor konzipiert und gebaut – befindet sich in unmittelbarer Nähe des alten FRM.

Garching wurde mit dem FRM zu einem weltweit bewunderten Mekka der Neutronenphysik. Mehr als tausend Diplom- und Doktorarbeiten enstanden dort während der Laufzeit dieses Reaktors. Und mehr als ein Dutzend dieser Doktoranden brachten es zu anerkannten Lehrstuhlinhabern an deutschen und ausländischen Universitäten.

Und im Umkreis dieser Forschungen gelang es einem sogar den Nobelpreis der Physik zu erringen: Dr. Rudolf Mößbauer.

Sonntag, 29. November 2009

Post Nr. 100

Nun ist die Zahl "100" also erreicht!
Als ich vor knapp zwei Jahren - Weihnachten 2007 - mit dem Bloggen aus einer Laune heraus anfing, hätte ich mir nicht vorstellen können, dieses Hobby so lange zu betreiben. Aber es machte mir zunehmend Spass, jeden Sonntag um 18 Uhr 30 einen Post ins Internet zu stellen und meine zunehmende Leserschar damit zu erfreuen - oder auch etwas zu vergrätzen.

Mehr als einmal wurde ich gefragt, woher ich all diese Themen nähme. Nun, ich musste nicht danach suchen, ich habe sie alle gefunden, ja sie kamen geradewegs auf mich zu. Als Ruheständler hat man endlich die Musse (mehrere) Zeitungen und Bücher zu Ende zu lesen, ins Theater und in Museen zu gehen und während des Urlaubs die Gedanken schweifen zu lassen. Der Besuch der Bayreuther Festspiele hat mich zu einer Privatrezension angeregt (Katharina: "versungen und vertan"?) ebenso wie eine Austellung des Museums Frieder Burda in Baden-Baden (Schaun mer mal). Die Entscheidungen der Karlsruher Stadtverwaltung habe ich stets kritisch verfolgt (Fenrich knickt ein) ebenso wie die - aus meiner Sicht - zum Misslingen verurteilte Fusion des Forschungszentrum mit der Karlsruher Uni (KIT beschlossen, FZK in der Landesliga). Die Probleme bei den Grossprojekten LHC (Ein Teilchen namens Higgs) und bei ITER (Fehlstart bei ITER) habe ich nie aus den Augen verloren. Beim Bundesgerichtshof war ich Zuhörer und "Berichterstatter", wenn es um Prominente (Utz Claassen und kein Ende) oder auch nur um kleine Handwerker - aber interessante Sachverhalte - ging (Schwarzarbeiter müssen gewährleisten).

Fasziniert hat mich, bis auf den heutigen Tag, das Gebiet der Astrophysik (Das Schicksal unseres Universums). Ich bin den Physikprofessoren der Uni dafür dankbar, das sie mich als Oldtimer jahrelang inmitten einem Dutzend 8-semestriger Studenten an Hauptseminaren teilnehmen liessen und dabei meine simplen Fragen ertrugen (Die ersten drei Minuten des Universums). Bei einer Urlaubsreise in die USA habe ich nicht nur den "Indian Summer" genossen, sondern auch eine historische Finanzstätte besucht (Als leaf-peeper in Bretton Woods). Und schliesslich habe ich einige Male meinen Freundeskreis zitiert (Rotter Stammtisch Gespräche). Ich könnte noch eine Zeitlang so weiter machen, will es mir aber versagen und stattdessen die Liste meiner 100 Posts unten anhängen. Anklicken gestattet!

Das Ausformulieren dieser Essays auf ein Standardformat von etwa drei Seiten machte mir grossen Spass. Deutsche Aufsätze zu schreiben gehörte schon zu Gymnasiumszeiten (neben Physik) zu meinen Lieblingsbeschäftigungen. Ich will aber nicht verhehlen, dass zuweilen doch etwas Stress aufkam, wenn ich( zu Urlaubszeiten) mein selbstgestecktes Ziel - jedes Wochenende einen Post ins Netz zu stellen - nur mit Mühe erreichen konnte.

Nun, nach dem 100. Post habe ich beschlossen, die Sache zukünftig etwas lockerer anzugehen. Meine Kolumne wird nicht mehr streng wöchentlich erscheinen. Ich werde eine Pause einlegen. Diese kann kurz sein -

vielleicht aber auch länger.


Und nun die Liste aller bisherigen Posts

(Anklicken genügt)

Sonntag, 22. November 2009

Künstlerinnen unter sich

Brigitte M.: Hallo, habt ihr schon das nächste Jahr geplant? Fahren wir wieder nach Basel zur art-Austellung?

Gaby O.: Bin mir nicht sicher, habe manches noch von diesem Jahr in schlechter Erinnerung: viele Bilder und Skulpturen in enge Kabüffchen gequetscht und ebenso gequetscht fühlt man sich als Besucher.

Ursel R.: Ja, die Kuben des Minimalisten Donald Judd stehen neben den trash-Skulpturen eines Jonathan Meese und niemand stört es, dass die Werke sich gegenseitig die Luft nehmen.

Brigitte: Das ist eben typisch für diese Kunstmessen: das Heterogene wird homogenisiert bis man selbst krudeste Gegensätze für vereinbar hält. Man wird bestürmt von tausend Eindrücken, sieht alles und sieht nichts.

Gaby: Ein Zapping-Erlebnis, fast wie beim Fernsehen. Man springt hin und her, weil man immer wieder hinter der nächsten Stellwand das grosse Erlebnis erwartet.

Ursel: Und die Geschäfte der Galeristen laufen bestens; inzwischen verkaufen sie auf Messen mehr Kunstwerke als zuhause in ihren Galerien. Der Handel hat das Hinterzimmer verlassen und sucht das Marktgeschrei.

Brigitte: Ähnliches geschieht auf den Auktionen. Wie die Messen erzeugen die Auktionshäuser vorwiegend Emotionen. Stille, oder gar Erhabenheit bei der Betrachtung der Werke ist nicht mehr gefragt.

Gaby: Es zählen die Rekordumsätze und die Rekordpreise. Die Qualität eines Kunstwerks muss man nicht mehr - wie früher - mühsam im Kunstwerk selbst suchen, sondern sie ergibt sich aus dem Preis.

Ursel: Ja, manche "Kunstkenner" sehen in der Versteigerung die einzige Möglichkeit, den Wert eines Bildes festzustellen. Die teuersten Werke sind die besten. Basta!

Brigitte: Völlig verrrückt ist, dass man neuerdings für Bilder der klassischen Moderne weit höhere Preise bezahlt als für seltene ältere Kunstwerke. Jackson Pollock schlägt Jan Vermeer und Damien Hirst überbietet Peter Paul Rubens.

Gaby: Womit wir bei den Sammlern wären. Für den in durchsichtigen Kunststoff eingelegten Hai von Hirst hat ein Sammler satte 12 Millionen Dollar hingelegt.

Ursel: Nun, was tut man nicht alles um die physische Unsterblichkeit ständig vor Augen zu haben.

Brigitte: Die meisten Sammler haben ihr Geld als selbständige Unternehmer verdient; warum sollten sie nur Autos und Rennyachten kaufen, wenn Kunst langfristig viel wertbeständiger ist.

Gaby: Aber kurzfristig kann es schon mal zum crash kommen. Der japanische Unternehmer Ryoai Saito kaufte vor zwanzig Jahren Vincent van Goghs Gemälde "Portrait des Dr. Gachet" für 82,5 Millionen Dollar und verlor in der darauffolgenden Immobilienkrise damit viel Geld.

Ursel: Trotzdem, nirgendwo verwandelt sich viel Geld so umstandslos in Prestige wie beim Kunsthandel. Flick, Guggenheim etc. etc. sind der Beweis.

Brigitte: Insbesondere seit Sammler nicht nur kaufen und in öffentlichen Museen ausstellen, sondern sich sogar ihre eigenen Museen von internationalen Stararchtitekten bauen lassen.

Gaby: Reinhold Würth in Künzelsau und Frieder Burda in Baden-Baden sind da prominente Beispiele. In der Kurstadt wird inzwischen die altehrwürdige Kunsthalle fast an die Wand gedrückt und muss um ihre Existenz fürchten.

Ursel: Oftmals drücken grosse Privatsammler auch ihre Bestände in öffentliche Museen, wie es im Falle von Udo Brandhorst bei der Neuen Pinkothek in München geschehen ist und durch Ströher im Bonner Kunstmuseum.

Brigitte: Und nicht selten kommt es dabei zum Krach mit der Museumsleitung, wenn der Sammler sich nicht hinreichend gewürdigt fühlt. Ganze Sammlungen werden plötzlich wieder abgezogen und auf den Auktionsbühnen der Welt zu Geld gemacht. Die zeitweilige Präsentation in einem renommierten Museum hat den Wert der Objekte in aller Regel deutlich erhöht.

Gaby: Zuweilen läuft es aber auch umgekehrt. Die Sammlung des knorrigen Lothar-Günter Buchheim in seinem grossen alten Haus in Feldafing am Starnberger See enthielt ja nicht nur Bilder von Erich Heckel und Ernst Ludwig Kirchner sondern auch Karusselpferde aus Holz, Zirkusplakate, Wurzelhölzer, Briefbeschwerer, Muscheln und Murmeln. Diese Trouvaillen waren in den Schränken seiner Privatwohnung gewissermassen ein Gesamtkunstwerk. Sie wirken aber vergleichsweise steril und mager seit sie in das von Günter Behnisch am Seeufer erbauten Museum überführt wurden.

Ursel: Sprechen wir mal vom Künstler, schliesslich steht er am Anfang der "Nahrungskette".
Und der alte Spruch, wonach die Kunst nach Brot geht, stimmt wohl noch immer.

Brigitte: Ja, wie man in der "ZEIT" lesen konnte, können 95 Prozent der Abgänger aus Kunstakademien von ihrer erlernten Kunst nicht leben und werden vom Ehepartner durchgeschleppt oder fahren Taxi.

Gaby: Gut sind diejenigen dran, denen es geglückt ist, Werke mit hoher Wiedererkennbarkeit zu produzieren. Da hat sich einer auf Autoschrott (John Chamberlain) spezialisiert, der andere auf Nägel (Günther Uecker)...

Ursel: ...der nächste zerschlitzt Leinwände (Lucio Fontana) oder hängt die Bilder kopfüber (Georg Baselitz) oder legt Tierkadaver ein wie der schon genannte Damien Hirst.

Brigitte: So erkennt eben auch der eiligste Museumsbesucher schon im Vorbeigehen, dass es sich bei diesen Werken um "Kunst" handelt - auch wenn er den Namen des Künstlers häufig nicht parat hat.

Gaby: Eben hat irgendeine Weltorganisation den 19. November zum "Tag der Toilette" ernannt, weil es davon angeblich zu wenige gäbe. Dazu fällt mir doch gleich Marcel Duchamp ein, der schon 1917 ein Toilettenbecken mit seinem Namen signierte und anschliessend zum Kunstwerk erklärte.

Ursel: Ja, und Piero Manzoni lieferte dazu das Pendant, indem er 1959 seine berühmte "Merda d´Artista" (Künstlerscheisse!) produzierte. Gleich 90 Dosen zu je 30 Gramm füllte er ab und verkaufte sämtliche Werke - oder sollte man sagen Privaterzeugnisse? - zum (damaligen) Preis von einer Unze Gold.
Was sie wohl heute noch wert sind?

Sonntag, 15. November 2009

Gas im Überfluss?

Die USA sind derzeit von einem "Gas-Rausch" erfasst. Gas, ein besonders edler Brennstoff, weil er relativ wenig Kohlendioxid produziert, ist bislang knapp und teuer, da die Weltvorräte schon in 30 bis 40 Jahren zu Ende gehen sollen. Nun hat man neue Ressourcen entdeckt, welche diesen Zeitpunkt bis zum Jahrhundertende und darüberhinaus verschieben könnten.

Freilich handelt es sich nicht um das klassische Erdgas, das als Nebenprodukt bei der Erdölförderung gewonnen wird, sondern um ein Naturgas, das sich in geschichtetem Sedimentgestein befindet. Im amerikanischen Sprachgebrauch heisst es "shale-gas" (Schiefergas), wobei nicht der Schiefer im petrographischen Sinne gemeint ist, sondern eben das Sedimentgestein aus eingetrockneten Meeren früherer Jahre. Abgestorbene Kleinlebewesen, Algen und Plankton sind in vielen Meeresregionen in die Tiefe gesunken und haben über Jahrmillionen durch bakterielle Zersetzung Kohlenwasserstoffe (insbes. Methan) in den Sedimentfolgen gebildet.

Grundsätzlich bekannt waren diese Energievorräte schon seit längerer Zeit. Neu ist, dass sich in den letzten Jahren die technischen Methoden, wie Bohrtechnik und Gastransport dramatisch verbessert haben. Die Ausbeutung dieser Lagerstätten mit vertretbaren Kosten und Umweltrisiken scheint nun technisch möglich geworden zu sein.

Die renommierte amerikanische Zeitung "The New York Times" berichtete kürzlich (am 10. Oktober 2009) auf Seite 1, dass nach Expertenschätzungen diese Gasvorräte den 200- bis 600-fachen Jahresverbrauch der USA entsprechen würden. Inbes. in Texas, Lousiana und Pennsylvania wurde schon so viel Gas gefunden, dass die Gaspreise in den Vereinigten Staaten beträchtlich nach unten gedrückt werden konnten.

Ein ganz besonderer Vorzug dieses Naturgases ist, dass es auf der ganzen Erde vorkommt. In China und Indien vermutet man riesige Vorkommen und wenn man bedenkt, dass vorallem in China bislang jedes Jahr hundert (schmutzige) Kohlekraftwerke in Betrieb genommen werden müssen, dann könnte die Umstellung auf Naturgas die ökologische Situation dieser Schwellenländer drastisch verbessern. Auch in Europa haben die Explorationen bereits begonnen. Exxon macht Versuchsbohrungen in Deutschland, Total in Frankreich und die italienische ENI sowie die norwegische Statoil, haben sich in einigen US-Staaten eingekauft, um die Bohrtechniken zu erlernen. Bedenkt man die Abhängigkeit Europas (und Deutschlands) vom russischen Erdgas und die regelmässigen Unterbrechungen bei der Durchleitung durch die Ukraine, so könnte das Naturgas signifikant zur Autonomie auf diesem bislang prekären Energiegebiet beitragen.

In den USA sieht man sogar noch weitere Konsequenzen. Bekanntlich möchte dieses Land in den nächsten Jahren mehrere Kernkraftwerke bauen. Sollte das Naturgas aber alsbald in genügender Menge und zu wirtschaftlich stabilen Preisen zur Verfügung stehen, dann könnten die Nuklearprogramme gekippt werden zugunsten von Gaskraftwerken mit niedrigeren Kapitalkosten.

Und die Vereinigten Staaten, welche sich bisher strikt weigerten, den Kyoto-Vertrag zu unterzeichnen, könnten plötzlich als ökologischer Musterknabe dastehen.

Sonntag, 8. November 2009

Gestatten, Robert Oppenheimer

Vor wenigen Monaten ist die Biografie "J. Robert Oppenheimer" im Propyläen-Verlag erschienen, jenes Physikers, den die Welt inbesondere unter der makaberen Bezeichnung "Vater der Atombombe" kennt. Die 672 Seiten der Autoren Kai Bird und Martin J. Sherman bieten ausreichend Lesestoff für eine Woche und sind ein erwägenswertes Geschenk an Naturwissenschaftler sowie politisch und historisch Interessiert (30 Euro).

Robert Oppenheimer kam im April des Jahres 1904 als Sohn eines aus dem hessischen Hanau eingewanderten jüdischen Tuchhändlers zur Welt; die Mutter, Kunsterzieherin mit einer Malerausbildung in Paris, hatte ihre Wurzeln in Bayern. Der junge Robert, dessen vielseitige Begabung die Eltern von Anbeginn erkannten, wurde an einem privaten Gymnasium erzogen und studierte anschliessend an der Harvard-Universität Chemie, klassische Philologie und Orientalistik.

Trotz Bestnoten fühlte sich Robert nicht glücklich, weshalb er für das Master-Studium nach England an das Cavendish Laboratory der Universität Cambridge wechselte und dort von Ernest Rutherford mit experimentellen Arbeiten im Bereich der Physik beauftragt wurde. Für Versuche hatte der mehr theoretisch ausgerichtete Oppenheimer aber weder Neigung noch Begabung. Er entwickelte eine nervliche Krise, die eine längere psychiatrische Heilbehandlung erforderlich machte. Danach verlegte er sich ganz auf die theoretische Physik. Max Born in Göttingen wurde auf den jungen Studenten aufmerksam wurde und bot ihm eine Doktorarbeit an.

Die Universität Göttingen war in den zwanziger Jahren das Mekka der Physik. Werner Heisenberg hatte (zusammen mit Nils Bohr und Max Planck) die Quantenmechanik "erfunden" und in seiner Umgebung bewegten sich so berühmte Physiker wie Pascual Jordan, Wolfgang Pauli, Enrico Fermi, Paul Dirac und Edward Teller. In Göttingen erlebte Robert Oppenheimer eine glückliche Zeit, wie er später oftmals bekannte. Seine Nervenkrise verschwand und das Leben in der überschaubaren Kleinstadt tat ihm gut. Wenn man zum "Schwarzen Bären", einem Wirtshaus aus dem 15. Jahrhundert, zum Biertrinken ging, war es häufig Robert, der die Rechnung beglich. Materieller Besitz war ihm gleichgültig, nicht aber die Bewunderung seiner Freunde. Nach nur zwei Jahren promovierte er in Göttingen "mit Auszeichnung" mit einer Arbeit über die Atomspektren. Dem damaligen Brauch entsprechend musste der frischgebackene Doktor in den Brunnen vor dem Rathaus steigen und die "Gänseliesel", eine Bronzefigur, küssen.

In seiner Heimat Amerika wurde man auf den jungen Wissenschaftler Robert Oppenheimer aufmerksam und eine Reihe von Universitäten boten ihm Professuren an. Er entschied sich schliesslich für Kalifornien, wo er abwechselnd in Pasadena und Berkeley Vorlesungen abhielt. Bezeichnend für den damaligen Stand der Phyik in den USA war die Tatsache, dass es - vor Oppenheimer - an der Universität Berkeley keinen einzigen Lehrstuhl für theoretische Phyik gab! Für "Oppie", wie ihn seine Freunde nannten, waren die dreissiger Jahre eine sehr kreative Zeit. Er veröffentlichte Dutzende wissenschaftlicher Arbeiten, zumeist aus dem Gebiet der Quantenphysik. Darüberhinaus interessierte er sich aber auch für die Astrophysik, welche erst zwanzig Jahre später in das Blickfeld der Physiker und Astronomen gelangte. Seine Veröffentlichungen über Neutronensterne und den gravitativen Kollaps schwerer Sterne zu Schwarzen Löchern (ein Begriff der erst viel später von Hawking geprägt wurde) belegen das.

Im politischen Spektrum der Vereinigten Staaten, das bislang nur die Demokraten und Republikaner kannte, war mittlerweile eine dritte Partei hinzu gekommen: die Kommunistische Partei der USA (KPUSA). Die Weltwirtschaftskrise und der "New Deal" des Präsidenten Franklin D. Roosevelt hatte viele Verlierer hinterlassen, insbesondere im Mittelstand. Studenten und Professoren waren zudem angewidert von den rechtsnationalen Bewegungen in Deutschland und in Spanien. "Gleichheit und Solidarität" war ein beliebtes Schlagwort, wobei man die Freiheitsbeschränkung in der Sowjetunion schlichtweg ausblendete. Auch Robert Oppenheimer war in seinem Freundeskreis umgeben von Anhängern der KPUSA. Er selbst war zwar nicht Mitglied dieser Partei, liebäugelte aber offensichtlich mit ihren Zielen und brüstete sich, auf einer Zugreise nach Washington D.C., sämtliche drei Bände des "Kapital" von Karl Marx gelesen - und verstanden! - zu haben.

Im privaten Bereich war der junge Professor Oppenheimer kein Kind von Traurigkeit. Und die Damen, ledig und verheiratet, umschwärmten den gut aussehenden Junggesellen, der seine schlanke Figur (1,77 Meter bei 57 Kilo) vorteilhaft in Massanzügen aus feinem Tuch zur Geltung brachte. Geradezu ein Markenzeichen war die Zigarette - später die Pfeife - im Mundwinkel und der knautschige Hut, den die Amerikaner "pork-pie" nannten. Nach einer Vielzahl von Affären (auch mit Ehefrauen von Kollegen) brachte ihn schliesslich Katherine Puening Harrison, genannt "Kitty" zur Strecke. Er heiratete die bereits zwei Mal Geschiedene 1940, worauf im Hause Oppenheimer der Alkohol nie mehr ausging. Robert mischte seine berühmten Martini-Cocktails auf unnachahmliche Weise: ein Tropfen Wermouth und den Rest des Glasses mit Gin auffüllend. Ehefrau Kitty war Oppies beständigste Abnehmerin! Schon ein Jahr nach der Eheschliessung wurde der Sohn Peter geboren, zu dem Kitty zeitlebens keine Bindung fand. Drei Jahre später kam das Mädchen Toni hinzu, dem Kitty in wahrer Affenliebe anhing.

Die Entdeckung der Uranatomspaltung durch die deutschen Wissenschaftler Otto Hahn und Fritz Strassmann wurde in den USA mit grösster Sorge registriert. Die von Hitler vertriebenen Physiker waren sich "sicher", dass in Deutschland an einer Atombombe geforscht würde. Einstein wandte sich deshalb in einem Brief an den Präsidenten Roosevelt mit der Aufforderung, dass die USA ebenfalls eine Bombe bauen sollten. Tatsächlich wurde ein "Urankomitee" ins Leben gerufen, das ein Stab des Weissen Hauses koordinierte. In Oak Ridge und Hanford sollten die bombenfähigen Isotope produziert werden.

Zur Entwicklung und zum Bau der eigentlichen Atomwaffen benötigte man ein gesondertes Forschungszentrum, das unter dem Namen Los Alamos im Hochland von New Mexico, etwa 50 Kilometer nördlich von Santa Fe gegründet wurde. Zum wissenschaftlichen Direktor benannte man den inzwischen charismatischen Wissenschaftler J. Robert Oppenheimer, der formell dem Armeegeneral Leslie R. Groves unterstellt wurde. Oppenheimer gelang es (bis auf wenige Ausnahmen) alle Top-Wissenschaftler der USA für sein Unternehmen zu gewinnen, das unter der Code-Bezeichnung "Manhattan-Projekt" lief und von der Inlandsspionageabwehr FBI als "top secret" eingestuft wurde. Los Alamos wurde 1943 in wenigen Monaten praktisch aus dem Boden gestampft; zwei Jahre später arbeiteten dort mehr als 3.000 Ingenieure und Wissenschaftler. Auch Oppenheimers acht Jahre jüngerer Bruder Frank, ein ausserordentlich begabter Experimentalphysiker, war dort in leitender Funktion tätig.

Die Wissenschaftler in Los Alamos, welche gewohnt waren, mit begrenzten Mitteln und praktisch ohne Termine zu arbeiten, mussten nun lernen, mit unbegrenzten Mitteln und strengen Terminvorgaben zurecht zu kommen. Schon bald hatten die Theoretiker herausgefunden, wieviel Spaltstoff für eine Atombombe mit der Explosionswirkung von 20.000 TNT notwendig war: bei der Uranbombe benötigte man einen Urankern von der Grösse einer Melone, bei der Plutoniumbombe wäre der Kern nicht grösser als eine Orange gewesen. Übrigens verbot Oppenheimer seinen Forschern die Benutzung des Wortes "Bombe"; stattdessen sollte von "Gadget" gesprochen werden, was mit Apparat bzw. Gerät übersetzt werden könnte.

Dennoch geriet das Projekt bald in eine Krise; die kurz bemessene Zeit eilte davon und noch immer glaubte man sich mit den "Nazi-Forschern" in Deutschland im Wettbewerb. Als man erfuhr, dass Werner Heisenberg, in welchem man den "deutschen Oppenheimer" vermutete, in der Schweiz einen Vortrag halten wollte, schickte der US-Geheimdienst sogar einen Agenten dorthin, um Heisenberg zu entführen oder gar zu töten. Der ehemalige Baseballspieler Moe Berg konnte sich jedoch weder zum Einen noch zum Anderen entschliessen.

Ein grosses Problem war die geringe verfügbare Menge an spaltbarem Uran. Es wurde durch fraktionierte Diffusion und und elektromagnetische Trennung gewonnen. Im Sommer 1944 ordnete Oppenheimer deshalb den Aufbau einer weiteren Anlage zur Thermodiffusion in Oak Ridge an, was sich als voller Erfolg herausstellte. In wenigen Monaten war der Nachschub an Uran gesichert. Zur Zündung des Uran-235 setzte man auf den sogenannten "Gun-Design". Dabei wurde eine solche Menge spaltbaren Materials in ein anderes, ebenfalls spaltbares Material geschossen, sodass der kritische Zustand erreicht wurde und es zu einer unkontrollierten Kettenreaktion, sprich Kernexplosion, kam.

Schon bald zeigte sich, dass bei der Plutoniumbombe die Methode der Kompaktifizierung nicht funktionierte, weil es dort (wegen der Neutronen) zu einer Frühzündung gekommen wäre, was die Brisanz der Bombe drastisch vermindert hätte. Die neue Idee war, Linsen aus Sprengstoff um die pampelmusengrosse, lose gepackte Plutoniumkugel herum zu lagern; die nach innen zielende symmetrische Sprengstoffexplosion sollte das Plutonium spontan zu einer Kugel von Golfballgrösse verdichten, worauf die nukleare Explosion in Gang gekommen wäre. Aber die Forscher waren sich ihrer theoretischen Analysen nicht vollkommen sicher, worauf Oppenheimer - nur für die Plutoniumbombe - eine Testexplosion anordnete. Sie fand im Juli 1945 auf dem "Trinity"-Gelände in New Mexico statt und war ein "voller Erfolg". Zum ersten Mal erhob sich eine pilzförmige Wolke über Ground Zero kilometerhoch in den Himmel.
Ein neues Zeitalter hatte begonnen.

Mittlerweile war den Bombenbauern aber ihr "Lieblingsfeind" abhanden gekommen. Deutschland hatte am 8. Mai 1945 bedingungslos kapituliert - gerade noch rechtzeitig bevor die amerikanischen Kernwaffen zur Verfügung standen. (Einige Monate später stellte sich, u. a. bei den sogenannten Farmhall-Gesprächen heraus, dass die deutschen Wissenschaftler nie an dieser Massenvernichtungswaffe gearbeitet hatten und dass sie auch von den deutschen Politikern nie in Erwägung gezogen worden war.) Viele in Los Alamos waren enttäuscht, dass sie zu spät gekommen waren. So richteten sie ihre Blicke auf Japan, ein Land, mit dem man sich noch im Krieg befand, der aber sichtbar dem Ende zuging. Ausserdem war unstrittig, dass die japanischen Wissenschaftler kein Atomprojekt verfolgten. Trotzdem unterzeichnete Oppenheimer im Juni 1945 ein Memorandum, in dem er "den sofortigen Einsatz von Atomwaffen auf Japan" empfahl.


Am 6. und 9. August 1945 warfen amerikanische Flugzeuge zwei Atombomben (mit den banalen Namen "Little Boy" und "Fat Man") über die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki ab. Die Folgen sind bekannt: mehr als 200.000 Menschen starben sofort oder in unmittelbarer Folge. Viel später, 1960, reiste Oppenheimer zum ersten Mal nach Japan und auf dem Flughafen Tokio bestürmten ihn die Journalisten mit Fragen. "Ich bedauere es nicht", sagte er leise, "dass ich mit dem technischen Erfolg der Bombe zu tun hatte. Ich will nicht sagen, dass ich mich nicht schlecht fühle; aber ich fühle mich heute Abend nicht schlechter als gestern Abend". Die Übersetzung dieser vieldeutigen Gedanken ins Japanische wird nicht einfach gewesen sein.


Zurück ins Jahr 1945. Oppenheimer, den vorher - ausserhalb der Sphäre der Wissenschaft - praktisch niemand kannte, wurde als "Vater der Atombombe" schnell zu einer Berühmtheit, ja zu einer amerikanischen Ikone. Die Zeitungen bestürmten ihn wegen Interviews, überallhin wurde er zu Vorträgen eingeladen. Auch Präsident Harry S. Truman, der dem im April 1945 verstorbenen Franklin D. Roosevelt nachgefolgt war, wollte den berühmten Physiker kennenlernen und lud ihn ins Weisse Haus ein. Bei dieser Unterredung verärgerte Oppenheimer den Präsidenten, weil er die Bemerkung fallen liess, dass er "Blut an den Händen" habe. Truman, ein Politiker simplen Zuschnitts, bezeichnete ihn daraufhin als "cry-baby" (Heulsuse) und entliess ihn schon nach einer halben Stunde ziemlich abrupt aus dem Oval Office.


Der Popularität (und der weiteren Karriere) Oppenheimers tat dies jedoch keinen Abbruch. Oppie wurde nach wie vor zu unzähligen Veranstaltungen eingeladen und betätigte sich als Berater bei höchsten Regierungsstellen, z. B. beim Aussenministerium, beim Kriegsministerium und bei der Amerikanischen Energie Commission (AEC), welche den weiteren Bau der Atombomben zu koordinieren hatte. Zunehmend jedoch verärgerte er den Vorsitzenden der AEC Lewis Strauss dadurch, dass er öffentlich die Rüstungskontrolle forderte und vorschlug, das "Atomgeheimnis" mit dem ehemaligen Verbündeten, der Sowjetunion, zu teilen. Die offizielle US-Politik dachte aber nicht im Traum daran. Bereits fünf Jahre nach dem Krieg hatte man 300 Kernwaffen im Depot und mit der Atombombe wähnte man sich auf dem Weg zur absoluten Weltmacht.


Einen politischen Einschnitt brachte die Zündung der ersten sowjetischen Atombombe am 2. August 1949. Amerika und insbesondere der Präsident Truman konnten nicht glauben, das es dem technisch rückständigen und vom Krieg noch darnieder liegenden Russland gelungen war, das Manhattan-Projekt nachzumachen. Da konnte nur Verrat im Spiel sein. Der Senator Joseph McCarthy und der FBI-Chef Edgar Hoover suchten fortan nach diesen kommunistischen Spionen und wurden fündig. Das jüdische Ehepaar Ethel und Julius Rosenberg wurde der Atomspionage für die Sowjetunion bezichtigt, 1961 zum Tode verurteilt und auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet.


Nun wurde auch die Luft für Oppenheimer dünner, dessen Neigung zum Kommunismus in den dreissiger Jahren dem FBI natürlich bekannt war. Besonders belastet hat ihn der Fall des deutsch-britischen Atomspions Klaus Fuchs, der 1944 eine Zeitlang in Los Alamos gearbeitet hatte und dabei streng geheime Unterlagen zur Atom - und sogar zur Wasserstoffbombe an die Sowjets weiter leitete. Der AEC-Vorsitzende Lewis Strauss verlangte von Oppenheimer, dass er seine Beratertätigkeit einstelle und als sich dieser weigerte, kam es zur Bildung eines Untersuchungsausschusses. Oppenheimer wurden u. a. seine Versäumnisse im Fall Fuchs vorgeworfen und Edward Teller beschuldigte ihn darüberhinaus, dass er die Entwicklung der Wasserstoffatombombe bewusst verzögert habe. Mit 2 : 1 Richterstimmen wurde Oppenheimer für schuldig befunden - aber er verlor nicht sein Leben, sass noch nicht einmal einen einzigen Tag im Gefängnis, sondern es wurde ihm lediglich die "security clearance", also die Unbedenklichkeitsbescheinigung, entzogen. Ab sofort hatte er keinen Zugang mehr zu geheimen Papieren, was seine Beratertätigkeit bei den verschiedenen Regierungskommissionen beendete.


Über den etwa zwei Monate andauernden Prozess schrieb der deutsche Theaterautor und Psychiater Heinar Kipphardt 1964 sein Stück "In der Sache J. Robert Oppenheimer", das die Theaterbesucher in ganz Europa elektrisierte. Nur Oppenheimer selbst gefiel es nicht, er wollte sogar den Autor verklagen. Insbesondere mit dem Schlussmonolog war er gar nicht einverstanden, weil Kipphardt ihm Schuldgefühle wegen des Baus der Atombombe in den Mund gelegt hatte!


Von 1947 bis zu seinem Tode war Oppenheimer Leiter des berühmten "Institute of Advanced Study" (IAS) in Princeton, das seinem Ruf vorallem der Tatsache schuldete, dass es Wohnort und intellektuelle Zuflucht von Albert Einstein war. Die durch private Sponsoren gut dotierte Stelle erlaubten Oppie einen grosszügigen Lebenswandel. Vortagsreisen durfte er weiterhin unternehmen und 1962 erhielt er mit dem Fermi-Preis (durch Kennedy) sogar eine Art regierungsamtliche Wiedergutmachung. Ab 1954 verbrachte die Familie Oppenheimer jedes Jahr einige Monate auf der kleinen Karibikinsel St. John die zu den (amerikanischen) Virgin Islands gehören. An der Hawksnest Bay erwarben sie ein Grundstück und liessen dort durch einen renommierten Architekten ein Ferienhaus bauen. Palmen säumten den weissen Strand dieses Schlupfwinkels, Papageienfische tummelten sich im türkisblauen Wasser und gelegentlich zog ein Schwarm Barrakudas vorbei. Eine wahre Idylle!


Ab 1966 entwickelte sich bei Oppenheimer ein bösartiger Kehlkopfkrebs, der wahrscheinlich mit seinen Rauchergewohnheiten zusammen hing. Trotz mehrfacher Bestrahlungen liess sich der Tumor nicht zurück drängen. Am 18. Februar 1967, gerade 62 Jahre alt, starb J. Robert Oppenheimer ziemlich qualvoll. Sein Leichnam wurde eingeäschert und die Urne wunschgemäss in St. John, unweit von seinem Haus im Meer versenkt. Lewis Strauss sandte Kitty Oppenheimer umgehend ein Telegramm: Die Nachricht von Roberts Tod habe ihn "betrübt".




Epilog


Kitty Oppenheimer zog nach dem Tod von Robert mit Bob Serber, einem Schüler und engen Mitarbeiter ihres Mannes, zusammen. 1972 kauften sie sich das Segelboot "Moonraker" und beschlossen damit die Welt zu umsegeln. Sie kamen nicht weit; vor der Küste Kolumbiens wurde Kitty so krank, dass Serber wenden und den Hafen von Panama ansteuern musste. Dort starb Kitty; ihre Asche wurde auf St. John, nahe bei der von Robert, verstreut.


Frank Oppenheimer, Roberts brillanter und liebenswürdiger Bruder, wurde 1949 während der McCarthy-Ära, aufgrund seiner früheren Mitgliedschaft in der kommunistischen Partei der USA aus allen Universitätsämtern entlassen. Volle zehn Jahre schlug er sich in den Bergen Colorados als Viehrancher durch. Robert kam fast jeden Sommer auf die Ranch und es schmerzte ihn tief, dass sein Bruder so ein ärmliches Leben führen musste. Erst im August 1969 war es Frank möglich - gefördert durch verschiedene Stiftungen - in San Francisco ein kleines technisches Museum aufzubauen und als Familienprojekt zu betreiben.


Peter Oppenheimer, Kittys wenig geliebter Sohn, betrieb eine Zeitlang eine Ranch in den Bergen von New Mexico. Er hatte drei Kinder, wurde zweimal geschieden und liess sich schliesslich in Santa Fe als Bauunternehmer und Zimmermann nieder. Gelegentlich ging er als Umweltaktivist von Haustür zu Haustür und agitierte gegen die Risiken des Atommülls in seiner Gegend.


Toni Oppenheimer, die Tochter, fand nach dem Tod ihres Vaters keinen Halt mehr. Die willensstarke Mutter hatte sie noch in ein Masterstudium gedrängt, doch nach einer kurzen Weile steckte sie auf. Zweimal verheiratet und zweimal geschieden erlebte sie nur ein flüchtiges Glück. Sie kehrte schliesslich nach St. John zurück und versuchte mit Hilfe eines Psychiaters ihre Depressionen zu überwinden. Vergebens. Im Januar 1977 erhängte sie sich in dem Haus, welches ihr Vater an der Hawksnest Bay hatte bauen lassen.


Während der letzten dreissig Jahre bin ich einige Male urlaubshalber auf St. John gewesen. Die Bucht und der Sandstrand von Hawksnest sind mir wohl vertraut. Das Haus der Oppenheimer aber konnte ich dort nicht entdecken. Auf Befragen teilte mir ein einheimischer Karibe mit, dass es durch einen Hurrikan hinweg gefegt worden sei...









Sonntag, 1. November 2009

Wo ist der Neandertaler geblieben?

Vor etwa 7 Millionen Jahren soll sich die menschliche Linie von dem gemeinsamen Vorfahren mit dem Schimpansen abgespalten haben. Während der folgenden 5 Millionen Jahre lernten diese Hominiden zwar den aufrechten Gang, waren aber in Bezug auf Aussehen, Intelligenz und Gehabe noch sehr "affenartig", weshalb die Paläanthropologen sie der Kategorie "Australopithecus" (Südaffen") zurechnen. Die Menschwerdung zum "Homo" begann erst vor 2 Millionen Jahren, als das Gehirn zu wachsen anfing und die Fähigkeit zur Entwicklung von Sprache, Werkzeugen und kulturellen Dingen (wie Höhlenmalereien) folgte. Zugespitzt kann man sagen: "die Menschheit stand zuerst auf und wurde danach erst klug".

Unbestritten ist, dass sich die menschliche Rasse in Afrika entwickelt hat; etwa in dem Gebiet zwischen Äthiopien und Kenia befindet sich die "Wiege der Menschheit". Von dort breiteten sich unsere Vorfahren in Wellen immer wieder nach Europa und Asien aus, gemäss der "out-of Africa - These". Die Urmenschenforscher suchen deshalb bevorzugt in Ostafrika nach Fossilien und werden immer wieder fündig. Vor einiger Zeit haben sie das Skelett einer Hominiden-Dame aus dem äthiopischen Sand gescharrt, der sie den Spitznamen "Ardi" gaben und deren Alter man auf 4,4 Millionen Jahre schätzt. Dem amerikanischen Wissenschaftsblatt "Science" war dieser Fund sogar die Herausgabe eines Sonderheftes wert. Von Ardis Skelett sind 125 Teile erhalten, mehr als vom bisherigen Prunkstück, dem weiblichen Hominidenkörper "Lucy", welcher mit 3,2 Millionen Jahren zudem beträchtlich jünger ist. Der menschliche Körper besitzt 206 Knochen, aber da sich viele gleichen, ist ein Halbskelett anatomisch schon sehr aussagekräftig.

Unsere Kenntnis der Vorgeschichte des Menschen stützt sich auf ca. 5.000 Individuen. Manchmal ist es nur ein einzelner Zahn, aus dem die Wissenschaftler aber erstaunlich viel herauslesen können. Die Gesamtzahl der Fossilienfunde würde in einem mittleren Lieferwagen bequem Platz finden. Seit Anbeginn der Zeit haben mehrere Milliarden menschliche (oder menschenähnliche) Lebewesen die Erde bevölkert und jedes hat zum Gesamtbestand der Menschen ein klein wenig an genetischer Variabilität beigetragen. Leider ist aber wenig an Fossiliensubstanz bis jetzt aufgespürt worden. Dies gilt insbes. für den Verzweigungspunkt Affe-Mensch, das sog. "missing link", aber selbst für die jüngste Vergangenheit vor einigen zehntausend Jahren, als der Neandertaler noch existierte. Hinzu kommt, dass die relativ wenigen Fossilien nicht in gerader Linie zu uns führen, sondern, dass viele in einer Sackgasse der Evolution geendet haben, also für die Anthropologen von geringerer Bedeutung sind. Würde man das "Tonband des Lebens" nocheinmal ablaufen lassen, dann wäre es ganz und gar unwahrscheinlich, dass die Evolution in gleicher Weise den modernen Menschen hervorgebracht hätte.

Vor etwa 2 Millionen Jahren mutierten die Hominiden, die Menschenaffen, zu Menschen der Gattung "Homo". (Bitte keine unkeuschen Assoziationen!) Die Linie der Homo beginnt mit dem homo habilis, setzt sich fort über h. erectus, h. ergaster, h. floreszensis, h. heidelbergensis, h. rudolfensis bis zum homo neanderthalensis und endet mit dem homo sapiens, womit sich - in wahrer Bescheidenheit - der moderne Mensch charakterisiert. Die Homo-Gattung war, im Gegensatz zu ihren Vorläufern, in der Lage, komplizierte Werkzeuge, wie Haumesser, Meissel und Schaber herzustellen und lernte mit dem Feuer umzugehen. Vermutlich entwickelte sich damals auch kontinuierlich die Fähigkeit zu sprechen; aus der Art der Bestattungsriten kann man sogar bereits auf einen Totenkult schliessen. All diese technischen und kulturellen Anforderungen liessen das Hirnvolumen von 400 auf 800 Kubikzentimeter (und darüber) ansteigen.

Ein naher Verwandter des homo sapiens - also von uns Jetztmenschen - ist der homo neanderthalensis. Der Neandertaler leitet seinen schönen Namen vom ersten Fundort ab, dem Neandertal (zwischen Düsseldorf und Wuppertal), wo Steinbrucharbeiter im Jahr 1856 einen fossilen Schädel entdeckten. Aus vielen späteren Funden weiss man, dass diese Gattung über 200 - 300.000 Jahre ganz Europa von Gibraltar bis Usbekistan besiedelt hat. Die Neandertaler waren stämmige und muskulöse Menschen, die ein bisschen den heutigen Eskimos und Lappen ähnelten. Sie fertigten Präzisionswaffen und hatte Jagdtechniken, womit sie damals anzutreffende Grosstiere, wie Mammuts und Riesenhirsche, zur Strecke bringen konnten. Ihre Frauen trugen Schmuck und ihre Bestattungsriten lassen auf religiöse Vorstellungen schliessen. Mit grosser Wahrscheinlichkeit hatten sie bereits die Sprache entwickelt oder zumindest kommunikative Vorformen. Besonders erstaunlich ist, dass sie ein erheblich grösseres Gehirn hatten als die Jetztmenschen. Es umfasste Berechnungen zufolge 1.800 ccm, während wir uns mit 1.400 ccm zufrieden geben müssen. Häufig hört man das Argument, unser Gehirn sei zwar kleiner, aber aus irgend einem Grunde leistungsfähiger. Es verwundert, dass dieses Argument an keiner anderen Stelle der Evolution des Menschen vorgebracht wird.

Aber warum ist dieser intelligente und hochentwickelte Neandertaler ausgestorben? Darüber herrscht bis heute keine Klarheit, es gibt nur Vermutungen. Tatsache ist, dass der Bestand an Neandertalern immer mehr dezimiert worden ist, seit der homo sapiens - also wir - vor 70'000-100'000 Jahren von Ostafrika nach Europa hinein schwappte. Die letzten Neandertaler scheinen vor 25.000 Jahren gelebt zu haben, also praktisch "vorgestern".

Eine Hypothese zum Aussterben der Neandertaler ist, dass die Jetztmenschen - auch Cromagnon, nach ihrem ersten Fundort benannt - aus Afrika Krankheitskeime mitgebracht hätten, denen die Urbewohner nicht gewachsen waren. Einer anderen Vorstellung zufolge kam es zu einer Durchmischung beider Arten, wodurch der Neandertaler nicht wirklich ausgestorben ist, sondern quasi absorbiert wurde. Dagegen sprechen allerdings die neuesten Befunde der genetischen DNA-Analysen. Der Münchener Zoologe Reichholf macht den Übergang von der letzten Eiszeit zur Warmzeit für ihr Aussterben verantwortlich. Nach seiner Theorie besiegelte das Verschwinden der grossen Jagdtiere auch das Schicksal der Neandertaler. Also nicht die grössere Kälte, sondern die einsetzende Erwärmung brachte das Aus für diese Menschengattung. Die meisten Paläanthropologen glauben, dass der homo sapiens die kulturelle und technische Entwicklung viel schneller voran getrieben hat als alle seine Vorläufer. Was vorher im Schneckentempo voran schritt, wurde durch den Jetztmenschen in wenigen tausend Jahren bewerkstelligt. Durch hochfeine Werkzeuge, überlegene Waffen und eine vielschichtige Sprache war der Kampf ums Dasein leichter geworden. Diesem zivilisatorischen Höhenflug hatte der Neandertaler nicht genügend entgegen zu setzen er wurde "an die Wand gedrückt" und war somit zum Aussterben verurteilt.

Aber vielleicht leben doch noch einige Rest-Neandertaler unter uns. Im abendlichen Fernsehen ist gelegentlich ein (Finanz-) Promi zu sehen, dessen vortretende Augenwülste an unsere urzeitlichen Verwandten erinnern. Und in manchen ländlichen Regionen, z. B. in Niederbayern und Tirol, gibt es diese robusten Bauernburschen...

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