Sonntag, 10. November 2013

Die deutschen EVU mächtig unter Druck

Während die Politiker der Union und der SPD in Berlin Koalitionsverhandlungen führen, positionieren sich die Chefs der beiden grössten Energieversorgungsunternehmen (EVU) in den Medien zum Thema Energiewende. Johannes Teyssen von der Eon und Peter Terium von den RWE sind tief besorgt über die Auswirkungen des Atomausstiegs und die missglückte Energiewende. Unisono beklagen beide Vorstandsvorsitzende die schlimmen Folgewirkungen für ihre Konzerne: den Verlust des Börsenwerts, den Rückgang der Rendite und den Zwang zu heftigen Personalreduktionen. Im Folgenden werden die Argumente von Teyssen und Terium zusammengestellt. Man hat den Eindruck: die Hütte brennt!


Johannes Teyssen, Eon

Die öffentliche Unterstützung der sogenannten Energiewende geht bis tief in die Gesellschaft hinein. Viele Menschen nutzen die höchst lukrativen Anlagemöglichkeiten im Solar- und Windbereich. Das hat zur Folge, dass seit über zwei Jahren der reine Strompreis zurückgeht und die Gewinne schrumpfen. Der Preisanstieg für die Kunden resultiert aus Faktoren, welche die EVU nicht zu verantworten haben. Den grössten Teil des Endkundenpreises reichen sie lediglich an den Staat und die Netzbetreiber durch. Ausserdem absentieren sich die Kunden aus der energieintensiven Industrie, z. B. nach Amerika, wo der Strom nur die Hälfte und Gas sogar nur ein Drittel des hiesigen Niveaus kostet.



Johannes Teyssen (54),
seit drei Jahren Chef der Eon

Darüberhinaus fliehen immer mehr Kunden aus dem teuren öffentlichen System der Energieversorgung und -verteilung und produzieren ihren Strom für sich selbst. Man kann dies vergleichen mit der Schwarzbrennerei beim Alkohol. Sie machen das mit Photovoltaikanlagen, Windrädern oder kleineren Blockheizkraftwerken und geben den erzeugten Strom nur noch gelegentlich an das öffentliche Netz ab. Damit entgehen sie den Abgaben und Umlagen, die zur Finanzierung der Energiewende aber notwendig sind. In der Konsequenz bleiben immer weniger Akteure übrig, die für den Atomausstieg zahlen müssen. Die Politik hat diese Nebenwirkung ihrer Entscheidung nicht bedacht.

Die ganz normale Stromproduktion wird in diesem System nicht mehr honoriert. Kohlekraftwerke, hochmoderne Gaskraftwerke und selbst die Wasserkraft verdienen in Deutschland kein Geld mehr. Immer mehr dieser Kraftwerke müssen abgeschaltet werden, da sie unrentabel geworden sind. Aber wenn die Sonne nicht scheint und wenn kein Wind weht, sind sie notwendig - verdienen dann aber allenfalls ihre Kapitalkosten. Inzwischen wird 25 Prozent erneuerbare Energie erzeugt, wofür aber ein horrender Preis zu bezahlen ist; die übrigen 75 Prozent werden sträflich vernachlässigt. Der Bürger zahlt heute 140 Euro für den reinen Strom, aber 220 Euro für die Ökoumlagen. Da stimmt etwas nicht!

Auch der vielbeschworene "Blackout" ist nicht mehr fern. Dieses Jahr hatte Eon mehr als tausend Anweisungen des Netzregulators, Kraftwerke entgegen dem Markt rauf- oder runterzufahren, damit das Stromnetz stabil bleibt. Vor einigen Jahren waren das nicht einmal zehn. Das ganze Netz "vibriert", trotzdem entstehen weiterhin rücksichtslos Photovoltaikanlagen, für die es keine Stromleitungen gibt. Die Betreiber werden finanziell aber trotzdem entgolten.

In Zukunft sollte der Betreiber eines grossen Windparks nicht mehr sagen dürfen: "Ich weiss nicht wann ich Strom liefere und ob ich überhaupt liefere". Er muss im Gegenteil verpflichtet werden, Menge und Zeitpunkt der Stromlieferung zu garantieren. Das kann er, wenn er vertraglich ein Kraftwerk an sich bindet, welches einspringt, falls der Wind nicht weht. Auch die Preisgarantie muss entfallen. Wo bekommt man in einer Marktwirtschaft schon garantierte Preise? Und neue Erzeugungskapazitäten dürfen dort nicht entstehen, wo die Leitungen fehlen. Wenn das aber doch geschieht, dann hat der Investor das Risiko zu tragen. In den kommenden fünf bis zehn Jahren wird der Strompreis sicherlich weiter ansteigen. Denn die Zahlungsverpflichtungen aus dem Erneuerbare Energie Gesetz (EEG) reichen bekanntlich 20 Jahre in die Zukunft und belaufen sich auf jährlich 20 Milliarden Euro.


Peter Terium, RWE

Die deutschen EVU stecken in ihrer grössten Branchenkrise überhaupt. Bei RWE haben sich der Börsenwert und die Gewinne halbiert; im Kraftwerksbereich müssen vermutlich 2.500 Stellen abgebaut werden. Das hängt mit Ereignissen zusammen, die nicht erwartet werden konnten. Zuerst kam die Brennelementesteuer, dann die Katastrophe von Fukushima und schliesslich die Laufzeitverkürzung der Atomkraftwerke. Der Zuwachs an Solarenergieanlagen übertrifft alle Erwartungen und drängt die fossilen Kraftwerke immer mehr aus dem Markt. Auch die Politik wurde von diesen Ereignissen überrollt.


Peter Terium  (50), Holländer,
Vorstandsvorsitzender der RWE

RWE hat in den letzten Jahren 12 Milliarden Euro in neue Kraftwerke investiert und sich dafür hoch verschuldet. (Die meisten Investitionsentscheidungen lagen noch vor der Finanzkrise). Aber diese Kraftwerke stehen häufig still; 30 bis 40 Prozent der Anlagen schreiben Verluste und die Erträge reichen nicht aus um die Schulden zu bedienen. Eine gefährliche Situation für den Konzern! Bis zum Jahr 2016 müssen deshalb 3.100 MW ganz oder teilweise vom Netz genommen werden. Weitere 10.000 MW in Europa stehen unter kritischer Beobachtung. Davon unabhängig ist der Kernenergieausstieg, wofür allein bei RWE bis zum Jahr 2022 nochmals fast 4.000 MW abgeschaltet werden müssen. Wenn das wirtschaftliche Wachstum nach Europa zurückkehrt, dann werden diese Kraftwerke fehlen.

RWE hat 33 Milliarden Schulden und muss deshalb an allen Stellschrauben drehen. In der Erzeugungssparte, RWE Generation, soll mehr als die bereits avisierte halbe Milliarde pro Jahr gespart werden. Auch im Vertriebsgeschäft wird es Veränderungen geben, indem das europäische Geschäft stärker ausgebaut wird. Ausserdem wird sich RWE durch Verkäufe und durch Outsourcing verkleinern und zukünftig mit weniger Mitarbeiter auskommen.

RWE wird dezentraler und dienstleistungsorientierter werden. Ein Beispiel: Fünf Millionen Deutsche produzieren heute ihren Strom schon selbst. RWE kann den Zugang zum Grosshandelsmarkt herstellen und diesen Strom besser vermarkten. Damit könnte Dörfern, die sich mit Ökostrom versorgen wollen, Kraftwerke für Flautezeiten bereitgestellt werden. RWE könnte auch das Energiemanagement übernehmen.

Der Konzern wird am Braunkohle-Tagebau Garzweiler II festhalten, auch wenn mit Garzweiler und Hambach zwei grosse Braunkohlegebiete nebeneinander liegen. Schon aus volkswirtschaftlicher Sicht darf Braunkohle als einer der wenigen heimischen Energieträger nicht ausser Acht gelassen werden. Von der Politik wird erwartet, dass sie ein Strommarktmodell entwickelt und die Kraftwerke unterstützt, wenn sie bereitstehen, falls es weder Sonne noch Wind gibt. Das gilt vor allem für Kraftwerke, die mit Steinkohle und Gas befeuert werden.

Die Bundesregierung sollte ebenso die Förderung des Ökostroms reformieren. Geboten ist die Weiterentwicklung des Strommarktes - die Feuerwehr wird schliesslich auch für ihre Einsatzbereitschaft bezahlt und nicht nur für das Löschwasser. In ganz Europa wird es in den nächsten Jahren eine neue Phase von Übernahmen und Zusammmenschlüssen geben. Im Vergleich zu anderen Branchen ist die Energieindustrie immer noch sehr zersplittert. Diese betriebswirtschaftliche Wahrheit ist nicht zu übersehen.


Durchwachsener Ausblick

Bei den gegenwärtigen Koalitionsverhandlungen zwischen Union und SPD zeigt sich noch kein Ausweg aus der verfahrenen Energiesituation. Selbst innerhalb der Sozialdemokraten gibt es diametrale Meinungsunterschiede. So fordert der baden-württembergische Finanz- und Wirtschaftsminister Nils Schmid bei der Stromerzeugung weitgehendst auf Kohlekraftwerke zu verzichten. "Wir brauchen eine CO2-arme und klimaschonende Erneuerung des Kraftwerkparks" ist sein Petitum. Demgegenüber setzt sich Hannelore Kraft, die Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen, für die Nutzung der Braunkohle ein. "Das Ende der Kohleverstromung würde die ganze Region zurückwerfen", sagt Frau Kraft.

Verglichen mit der Sozial- oder Gesundheitspolitik ist die Energiepolitik ein undankbares Themenfeld. Dort kann man innerhalb einer Legislaturperiode sichtbare Erfolge erzielen; bei der Energiewende sind schnelle Fortschritte nicht möglich. Der Umbau der deutschen Stromversorgung wird wohl ein halbes Jahrhundert dauern. Wer immer in der neuen Koalition Energie- oder Umweltminister werden wird, er wird rasche Erfolge in den nächsten vier Jahren nicht herbeizaubern können.

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