Sonntag, 23. Juni 2013

Mein Landsmann Jean Paul

Jean Paul, dessen Geburtstag sich im vergangenen März zum 250. Mal jährte, war zu seinen Lebzeiten ein hochberühmter Dichter. Seine Frühwerke waren "Bestseller" und wurden mehr gelesen als die Romane der Weimarer Klassiker Goethe und Schiller. Heute weiss man mit den dickleibigen Werken Jean Pauls nur noch wenig anzufangen. Aber neben den Seminaristen an den Universitäten hält sich immer noch ein kleiner und treuer  Leserstamm. Dazu gehört, erstaunlicherweise, auch der Präsident des Karlsruher Bundesverfassungsgerichts, Professor Andreas Voßkuhle.

Als Fichtelgebirgler und Oberfranke

Jean Paul wurde am 21. März 1763 in Wunsiedel geboren und auf den Namen Johann Paulus Friedrich Richter getauft. Das Fichtelgebirgsstädchen gehörte zu dem Hohenzollern-Fürstentum Bayreuth und war damit Teil eines der mehr als 300 Staaten, aus denen Deutschland damals bestand. (Ich selbst bin nur wenige Kilometer von Wunsiedel entfernt auf die Welt gekommen; für die Pennäler aus dieser Gegend stand die Lektüre der Werke von Jean Paul in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts noch obenan). Die Familie Richter waren Hungerleider. Der Vater war Lehrer und Organist in Wunsiedel - aber leider nur als "Tertius" (dritter Lehrer) nach dem Rektor und dem Subrektor. Zudem hatte er geschlagene zehn Jahre auf diese bescheidene Stelle warten müssen, währenddessen der studierte Theologe als Hauslehrer seine Familie mühsam ernähren musste.


Jean-Paul-Denkmal in Wunsiedel

Nach zwei Jahren gelang es Vater Richter endlich, eine Pfarrstelle in Joditz, nicht weit von der oberfränkischen Stadt Hof, zu ergattern. Dort wohnten die Richters zehn Jahre lang. Der kleine Fritz bezeichnete Joditz später als seinen "eigentlichen", nämlich "geistigen" Geburtsort. In diesem Städtchen befindet sich übrigens auch heute noch ein wunderbar originelles und stimmiges Privatmuseum zu Ehren des Dichters, das von dem Ehepaar Eberhard und Karin Schmidt betrieben wird. Jedes Detail zu Jean Paul wird hier gewusst, gesammelt und mit lässigem fränkischen Charme präsentiert. Germanisten aus aller Welt schauen in Joditz vorbei; auch der oben genannte Gerichtspräsident Andreas Voßkuhle kam schon mehrfach und verewigte sich mit dem Ausspruch: "Was für ein Ort! Wieviel Herz und Begeisterung." Das kleine Museum wird übrigens nur nach telefonischer Vereinbarung geöffnet (09295-8188).

Im Jahr 1776 siedelte die Familie ins Fichtelgebirge nach Schwarzenbach an der Saale über, nachdem der Vater, vermittelst einer Gönnerin, dort eine noch bessere Pfarrstelle erhalten hatte. Der kleine Fritz ging nun im nahen Hof aufs Gymnasium und bald erstaunte er seine Lehrer damit, dass er das hebräische und griechische Testament mündlich fliessend ins Lateinische zu übersetzen vermochte. Zum grossen Unglück verstarb der Vater bereits nach drei Jahren. Er hinterliess eine Menge Schulden, eine Witwe und fünf minderjährige Söhne. Aber mit Hilfe von privaten Gönnern, die sein Talent erkannten, gelang es Fritz, den Abiturabschluss zu erreichen.

Friedrich Richter schrieb sich an der Universität Leipzig zum Studium der Theologie ein. Aber er wurde dort nicht glücklich. Die Vorlesungen langweilten ihn, sodass er meisten zu Hause Bücher las, querbeet von der Trigonometrie bis zu Kants Kritik der Vernunft. Insbesondere quälte ihn seine Mittellosigkeit. Er machte Schulden wo er nur konnte und eines Tages floh er aus der ungeliebten Stadt und quartierte sich wieder daheim bei Muttern in Oberfranken ein.

Im elterlichen Haus widmete er sich voll der Schreibkunst; etwas Geld verdiente sich der "verkrachte Student" als Hauslehrer bei Kleinadeligen und Bürgern. In dieser Zeit, von 1784 bis 1795 schrieb er einige seiner bekanntesten Novellen und Romane, wie Schulmeisterlein Wutz, Die unendliche Loge und vorallem sein Hauptwerk Hesperus. Richter fand dafür druckwillige Verleger und vor allem eine grosse Leserschaft. Der Dreissigjährige war zum Dichter aufgestiegen. In dieser Zeitperiode wechselte er auch seinen Namen: aus Johann Paulus Friedrich Richter wurde Jean Paul Friedrich Richter oder später ganz einfach: Jean Paul. Seine Sympathie für die Französische Revolution und den Naturphilosophen Jean-Jaques Rousseau hatte Friedrich zu diesem Namenswechsel veranlasst.


Weimar und Berlin rufen

Der Aufstieg des jungen Schriftstellers wurde auch in Weimar, der damaligen Literaturhauptstadt Deutschlands, aufmerksam registriert. Bald erreichten Jean Paul Einladungen in diese Residenzstadt von damals 6.500 Einwohnern, denen er sich nicht entziehen konnte. Von Johann Gottfried Herder  und dessen Freunden wurde er überschwänglich empfangen, von den Koryphäen Goethe und Schiller weniger. Goethe konnte offenbar nicht verknusen, dass Jean Pauls Roman Hesperus weit mehr Leser erreichte als sein fast zeitgleich herausgekommenes Werk Wilhelm Meister. Er bezeichnete Jean Paul als " Chinesen in Rom" und Schiller sprach von einem "aus dem Mond Gefallenen".

Viel Anklang fand unser Dichter bei der Weimarer Damenwelt. Die adeligen Frauen und Fräuleins  umschwärmten ihn, für sie war er der Dichter der überströmenden Gefühle. Charlotte von Kalb versuchte ihn zu umgarnen, ebenso wie Karoline von Feuchtersleben. Aber vergeblich - Jean Paul zog es nach Berlin, wo mit Königin Luise noch eine weit höherrangige Dame auf seinen Besuch wartete. Auch hier, in der preussischen Gesellschaft, war er Hahn im Korb. Nur der König Friedrich Wilhelm fertigte ihn kühl ab, als sich Jean Paul mit der Bitte um eine Staatsrente an ihn wandte. Dem Regenten war sein biederer Preussendichter  v. Kotzebue offenbar lieber. Zur Überraschung der adeligen Damenwelt entschloss sich Jean Paul 1781 in Berlin die Bürgerstochter Karoline Mayer zu ehelichen und gleich darauf über Meiningen und Weimar nach Oberfranken zurück zu kehren.


Endstation Bayreuth

Die letzten 20 Jahre seines Lebens verbrachte Jean Paul in der oberfränkischen Stadt Bayreuth. Spötter sagen: des Bieres wegen. In Meiningen hatte er das oberfränkische Bier lieben gelernt. Ein Einspänner brachte ihm damals regelmässig Fässer oder Eimer mit Bayreuther, Johanniter oder Kulmbacher Bier nach Meiningen und der Dichter geriet immer in leichte Panik, wenn die Fässer sich leerten, bevor eine neue Sendung angekündigt war. In Bayreuth zog Jean Paul mit seiner Berliner Ehefrau und inzwischen zwei Kindern mehr als ein Dutzend mal um - nur seiner Bierkneipe, der "Rollwenzelei" blieb er treu. Die mit ihm berühmt gewordene Wirtin des bescheidenen "Traiteurhauses" an der Königsallee etwas stadtauswärts nahe der Eremitage gelegen, bot ihm über Jahre hinweg tagtäglich das gleiche Ritual: ein stilles Arbeitsstübchen im Obergeschoss, Berge seiner geliebten fränkischen Pellkartoffeln und ausgezeichnetes braunes, bitteres Bier. Die heutigen Betreiber dieses Gasthauses, die Familie Sommer, sind glühende Jean-Paulianer und öffnen die Dichterstube gerne nach Voranmeldung (0921-980218).


Rollwenzelei mit erhaltener Dichterstube in Bayreuth

Wenn er nicht stundenlang durch die fränkische Hügellandschaft wanderte, lebte Jean Paul in der Rollwenzelei und schrieb und schrieb und schrieb. Seine weiteren Hauptwerke wie die Flegeljahre, Dr. Katzenbergers Badereise, Komet sowie das Leben Fibels hat er dort geschrieben - wenn auch nicht immer zur Gänze fertiggestellt. Ausgelaugt von dieser Arbeit und seinem nicht immer gesunden Leben, starb er am 14. November 1825 im Alter von 62 Jahren in seiner Wohnung in der Friedrichsstrasse. Seine letzten geflüsterten Worte waren: "Wir wollen´s gehen lassen".


Jean Pauls Werk aus heutiger Sicht

Jean Paul hat ein titanisches Werk hinterlassen. Sein Nachlass umfasst 40.000 Seiten und 12.000 Seiten Exzerpte. Das ist vom Volumen her mehr als die Vielschreiber Goethe und Thomas Mann insgesamt zustande brachten. Er war der erste Autor, der unter seinem Pseudonym Jean Paul bekannter war als unter seinem Geburtsnamen. Die Leserschaft vor 200 Jahren - und insbesondere die Damen - liebten seinen Schreibstil mit den vielen Aus- und Abschweifungen, den Vorworten und Vorreden und den unzähligen Fussnoten. Seine Prosa ist kein gerader Weg, sondern einer voller abenteuerlicher Abwege. Niemand ist in der Lage, beispielsweise die Handlung eines Romans wie Hesperus in eigenen Worten komplett nachzuerzählen. Das ist aber auch der Grund, weshalb Jean Paul heute die grosse Leserschaft fehlt. Universitätsgelehrte sind dafür schon zahlenmässig kein Ersatz. Trotzdem: in Oberfranken und insbesondere im Fichtelgebirge stösst man immer wieder auf Menschen, die Abschnitte oder gar Seiten von Jean Pauls verschlungener Prosa auswendig zitieren können.

Zur Erinnerung an den berühmten Sohn ihrer Stadt hat Wunsiedel dieses Jahr eine neugezüchtete Rose mit dem Namen Jean-Paul-Rose herausgebracht. Sie hat orange-apricotfarbene Blüten, glänzend dunkelgrünes Laub und zeichnet sich durch einen buschigen Wuchs aus. Blumenliebhaber und Freunde von Jean Paul können sie zu Preis von 16,50 Euro pro Pflanze erwerben.

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