Die "Ehe" war schon längere Zeit brüchig, deshalb überraschte es niemanden mehr, als es schliesslich zur Trennung kam. Verkündet wurde sie von Peter Löscher, dem Vorstandsvorsitzenden der Siemens AG, anlässlich einer Aufsichtsratssitzung Ende Januar 2009: "Siemens wird sich aus dem deutsch-französischen Atom-Gemeinschaftsunternehmen Areva NP zurückziehen und die Zusammenarbeit spätestens im Januar 2012 beenden."
Die Gründe waren einsichtig. Zu früheren Zeiten war Siemens bei der Kooperation mit Framatome ein geachteter 50 %-Partner und entwickelte zusammen mit diesem französischen Reaktorbauer den Druckwasserreaktor EPR, das Flagschiff der europäischen Kernreaktortechnik. Aber im Jahr 2001 verfügte die französische Regierung die Einbeziehung des nuklearen Brennstoffkreislaufs, gründete den Super-Konzern Areva und Siemens rutschte mit seiner Beteiligungsquote auf 34 Prozent ab. Aus dem gleichberechtigten Partner war ein Minderheitspartner ohne echten Einfluss geworden. Die strategischen Entscheidungen wurden allein von Areva in Paris getroffen, wobei dieser Konzern inzwischen zu 84 Prozent dem französischen Staat gehörte.
Siemens fehlt auch der Einfluss beim Bau des 1600 MW- Kraftwerks in Finnland. Dieses Gemeinschaftskraftwerk mit dem unaussprechlichen Namen "Olkiluoto" läuft schlecht. Man muss mit drei Jahren Terminverzug rechnen und mit fast drei Milliarden Euro Mehrkosten. Projektführer ist Areva, dem Minoritätspartner Siemens bleibt nichts weiter übrig, als sich an den Verlusten zu beteiligen und die Faust in der Tasche zu ballen.
Die Herauslösung von Siemens aus dem Areva-Konzern ist ein kompliziertes Geschäft und ein Eldorado für Juristen. Drei Punkte sind dabei von besonderer Bedeutung: es muss der Preis gefunden werden, welchen Areva für die Siemensanteile zu bezahlen hat (derzeit auf 2,1 Milliarden Euro abgeschätzt); weiterhin muss der Zeitpunkt der Trennung vereinbart werden (2012 oder früher) ; schliesslich ist Einigung über die sog "Wettbewerbsklausel" zu erzielen. Letztere bestimmt, wielange Siemens nicht als direkter Konkurrent gegen Areva auf dem Markt auftreten darf. Man spricht von acht Jahren, aber keine der drei Daten ist in Stein gemeiselt. Man wird sich vermutlich rasch auf einen Kompromiss einigen. Verhandlungsteams beider Unternehmen sind schon unterwegs. Am Ende dieses Abnabelungsprozesses wird Siemens ohne nukleare Patente etc. da stehen.
Deswegen hat sich Siemens bereits eine neue Braut ausgeguckt: die Russen! Einige Aufsichtsräte waren darüber schockiert, aber, bei Licht betrachtet, ist diese Allianz durchaus bedenkenswert. Vorallem, weil Siemens den russischen Atomkonzern seit vielen Jahren kennt. Sie haben zusammen den Reaktortyp WWER-640 entwickelt und beim Bau von Kernkraftwerken in China und der Slowakei kooperiert, wo Siemens Betriebsleit- und Sicherheitstechnik geliefert hat. In Russland, Osteuropa und China gibt es einen riesigen Markt für kleinere, flexible Reaktoren und Rosatom bietet - anders als Areva - Siemens eine 50 %-Beteiligung an. Vielleicht entsteht schon bald ein "joint venture" in Kaliningrad, wo sich, wegen der Abschaltung des alten litauischen Kraftwerks, bereits Stromknappheit ankündigt. Weitere potentielle Kunden machen sich in Bulgarien, Tschechien und in der Slowakei bemerkbar. "Die Nachfrage ist riesig" - titelt "Der Spiegel" in einer seiner letzten Ausgaben.
Der Auszug von Siemens setzt Areva unter einen beträchtlichen Stress, denn finanziell steht dieser Konzern beileibe nicht so solide da, wie man vermuten möchte. Im Jahr 2007 betrug der cash-flow minus (!) 2 Milliarden Euro, 2008 musste Areva Nettoschulden in der Höhe von 2,4 Milliarden verkünden und bald werden die Auszahlung des Siemensanteils fällig sowie Mehrkosten beim Finnlandprojekt. Hinzu kommen ehrgeizige Investitionspläne bein nuklearen Brennstoffkreislaufs, die auf 14 Milliarden Euro beziffert werden. Wer soll das alles stemmen? Der französiche Staat als Mehrheiteigentümer wäre als erster gefragt, aber Sarkozy hat bereits abgewinkt. Er ist derzeit selbst klamm und verweist deshalb auf den französischen Turbinenhersteller Alstom, welcher anstelle von Siemens in den Konzern eintreten könnte. Das gefällt der Areva-Chefin Anne Lauvergeon nicht, die damit ihren Einfluss gemindert sähe - aber vermutlich sticht auch in Frankreich der Ober den Unter.
Nochmals zurück nach Deutschland. Die Zukunft der Kernenergie in unserem Lande wird natürlich nicht allein durch Siemens bestimmt. Ganz wichtig ist, ob die Politik den Weiterbetrieb der bestehenden Kernkraftwerke gestattet und ob sie vielleicht sogar den Neubau zulässt. Am allerwichtigsten ist jedoch die Position der Energieversorgungsunternehmer. Niemand kann die EVU zwingen in Deutschland Kernkraftwerke zu betreiben oder gar neue zu bestellen. Sie haben längst ihre Fühler ins benachbarte Ausland ausgestreckt. Der deutsche Markt für Kernkraftwerke ist mittelfristig von der Austrocknung bedroht.
Etwa einen Monat nach Löschers Austrittserklärung hat KIT, das Karlsruher Institut für Technologie, mit Areva NP einen Zusammenarbeitsvertrag abgeschlossen, der vorallem der Ausbildung von jungen Kernforschern dient. Als Aussenstehender fragt man sich, wie das alles zusammen passt? Und wie das nukleare F&E-Programm des Forschungszentrums künftig ausgerichtet werden soll, wenn Siemens und Rosatom als Gemeinschaftsfirma auftreten und nicht grosse EPR- sondern kleine WWER-Kraftwerke anbieten? Wie ist die Position des ehemaligen Kernforschungszentrums Karlsruhe in diesem volatilen Geschäft von Politik, Kraftwerksbauern und EVU? Schwierige Fragen, wer weiss die Antworten?
Vermutlich die Präsidenten des KIT Campus Nord.
Sonntag, 15. März 2009
Sonntag, 8. März 2009
Sehenswerte "art Karlsruhe"
Überall fallieren die Kunstmessen - nur die "art Karlsruhe" bleibt davon unberührt. Sie steht fest wie ein Fels in der Brandung! Die für April geplante Düsseldorfer Messe für Gegenwartskunst, die "düsseldorf contemporary" (dc), wurde kurzfristig abgesagt; gleiches gilt für die vor erst zwei Jahren gegründete Frankfurter "Fine Art Fair". Selbst die Mutter aller Kunstmessen, die berühmte "Art Cologne", dümpelt unter dem Streit des Kölschen Klüngels nur noch so dahin. Demgegenüber wird die art Karlsruhe nun schon zum 6. Mal in ununterbrochener Reihenfolge, veranstaltet. Aus einer vorher kaum wahrgenommenen regionalen Messe ist eine "deutsche" Kunstmesse geworden, die sogar ins benachbarte Ausland ausstrahlt. Was anfangs für Kunstfreunde und Sammler ein Geheimtipp war, ist nun zu einem Pflichttermin geworden.
Und der Erfolg hat einen Namen: Ewald Karl Schrade. Er begründete die art Karlsruhe im Jahr 2004, gerade als die Ausstellungshallen der Neuen Messe in Rheinstetten zur Verfügung standen. Er erkannte den Wert dieser grossen, lichtdurchfluteten Hallen - ohne störende Stützen - für die Platzierung von Kunstwerken, insbesondere bei raumgreifenden Skulpturen. Bis heute ist Schrade unangefochtener Chefkurator und Projektleiter der art. Er sorgt sich um das (stets steigende) künstlerische Niveau, aber auch um die so wichtige finanzielle Seite. Noch stets hat er bei seinen Veranstaltungen eine "schwarze Null" geschrieben - und das, ohne öffentliche Gelder zu beanspruchen. Seine Vertragspartner auf der ansonsten defizitären Neuen Messe waren Legion; hier sei nur die "Strecke" der städtischen Geschäftsführer genannt, mit denen Schrade bisher verhandelte: Pflaum, Hähnel, Wohlfart, Böse, Hoffmann - und dieses Jahr war es die sympathische Frau Dr. Britta Wirtz.
Schrade hat nicht zugelassen, dass die art Karlsruhe zu einem Experimentierfeld für Kuratoren wurde. Was gezeigt wird ist eine ausbalancierte Mischung aus klassischer Moderne und Gegenwartskunst. Picasso, Richter und HAP Grieshaber mischen sich mit jüngeren Künstlern der Gegenwart. Einer von ihnen ist Fabrizio Plessi, der eine aufgerichtete venezianische Gondel zeigt, auf deren Boden fliessendes (TV-) Wasser zu sehen ist; sein berühmtestes Objekt, das Mühlenrad, gehört zu den beliebtesten Schaustücken des Karlsruher Museums ZKM. Ein besonders skurriler Künstler der jungen Generation ist Stefan Strumbel aus dem badischen Offenburg. Er gestaltet überdimensionale Schwarzwälder Kuckucksuhren (in Plastik gegossen), bemalt sie mit leuchtenden Farben und gibt ihnen einen Appendix bei - zum Beispiel eine Handgranate! Strumbel war in seiner Jugend Graffitisprayer, weshalb man ihn der "Street Art" zurechnet, mit einem leichten Touch "Heimat".
Besonders gefördert werden in Karlsruhe seit eh und je die Skulpturen. Zwischen den klassischen Kojen gibt es etwa ein Dutzend offene, weiträumige Skulpturenplätze, wo Plastiken und Videoinstallationen gezeigt werden können. Eine weitere Karlsruher Spezialität sind die "One Artist"-Präsentationen, in der die Gallerien auf mindestens 25 Quadratmetern nur die Werke eines einzigen Künstlers ausstellen. Sehenswert war auch der "Berliner Block", eine Akkumulation von ca. 30 Berliner Gallerien, inmitten der Halle 4. Und, nicht unwichtig: in allen Hallen geschmackvolle, kuschelige Bistros für den kleinen Hunger zwischendurch.
Zur Eröffnung und Vernissage der diesjährigen art Karlsruhe kam sogar hoher Besuch aus der Bundeshauptstadt. Kulturstaatsminister Bernd Neumann fand freundliche Worte und stellte den Ankauf verschiedener Werke in Aussicht. Wow! Das zahlreich erschienene Publikum - die Damen oft hip und chic gekleidet - schien das Ambiente und den Trubel zu geniessen. Bei einer Kunstmesse scheint sich das Heterogene zu homogenisieren; selbst krudeste Gegensätze sind plötzlich vereinbar.
Zwischendurch hörte man immer wieder Ausrufe, wie "...und das soll Kunst sein?", was uns daran erinnert, dass die berühmte Frage "Was ist Kunst?" immer noch nicht überzeugend beantwortet ist. Und das, obwohl sich viele daran versucht haben. Zum Beispiel der tiefsinnige deutsche Philosoph Theodor W. Adorno, der definierte: "Kunst ist Magie, befreit von der Lüge Wahrheit zu sein." Kapiert? Wenn nicht, dann empfehle ich Karl Valentin: "Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit". Schlitzohrig hat er sich an der wirklichen Frage vorbei gedrückt. Wie auch E. H. Gombrich, der Grandseigneur der Kunstgeschichte. Er behauptet sogar, dass es die Kunst gar nicht gäbe und fügt dann hinzu:
"Es gibt nur Künstler".
Und der Erfolg hat einen Namen: Ewald Karl Schrade. Er begründete die art Karlsruhe im Jahr 2004, gerade als die Ausstellungshallen der Neuen Messe in Rheinstetten zur Verfügung standen. Er erkannte den Wert dieser grossen, lichtdurchfluteten Hallen - ohne störende Stützen - für die Platzierung von Kunstwerken, insbesondere bei raumgreifenden Skulpturen. Bis heute ist Schrade unangefochtener Chefkurator und Projektleiter der art. Er sorgt sich um das (stets steigende) künstlerische Niveau, aber auch um die so wichtige finanzielle Seite. Noch stets hat er bei seinen Veranstaltungen eine "schwarze Null" geschrieben - und das, ohne öffentliche Gelder zu beanspruchen. Seine Vertragspartner auf der ansonsten defizitären Neuen Messe waren Legion; hier sei nur die "Strecke" der städtischen Geschäftsführer genannt, mit denen Schrade bisher verhandelte: Pflaum, Hähnel, Wohlfart, Böse, Hoffmann - und dieses Jahr war es die sympathische Frau Dr. Britta Wirtz.
Schrade hat nicht zugelassen, dass die art Karlsruhe zu einem Experimentierfeld für Kuratoren wurde. Was gezeigt wird ist eine ausbalancierte Mischung aus klassischer Moderne und Gegenwartskunst. Picasso, Richter und HAP Grieshaber mischen sich mit jüngeren Künstlern der Gegenwart. Einer von ihnen ist Fabrizio Plessi, der eine aufgerichtete venezianische Gondel zeigt, auf deren Boden fliessendes (TV-) Wasser zu sehen ist; sein berühmtestes Objekt, das Mühlenrad, gehört zu den beliebtesten Schaustücken des Karlsruher Museums ZKM. Ein besonders skurriler Künstler der jungen Generation ist Stefan Strumbel aus dem badischen Offenburg. Er gestaltet überdimensionale Schwarzwälder Kuckucksuhren (in Plastik gegossen), bemalt sie mit leuchtenden Farben und gibt ihnen einen Appendix bei - zum Beispiel eine Handgranate! Strumbel war in seiner Jugend Graffitisprayer, weshalb man ihn der "Street Art" zurechnet, mit einem leichten Touch "Heimat".
Besonders gefördert werden in Karlsruhe seit eh und je die Skulpturen. Zwischen den klassischen Kojen gibt es etwa ein Dutzend offene, weiträumige Skulpturenplätze, wo Plastiken und Videoinstallationen gezeigt werden können. Eine weitere Karlsruher Spezialität sind die "One Artist"-Präsentationen, in der die Gallerien auf mindestens 25 Quadratmetern nur die Werke eines einzigen Künstlers ausstellen. Sehenswert war auch der "Berliner Block", eine Akkumulation von ca. 30 Berliner Gallerien, inmitten der Halle 4. Und, nicht unwichtig: in allen Hallen geschmackvolle, kuschelige Bistros für den kleinen Hunger zwischendurch.
Zur Eröffnung und Vernissage der diesjährigen art Karlsruhe kam sogar hoher Besuch aus der Bundeshauptstadt. Kulturstaatsminister Bernd Neumann fand freundliche Worte und stellte den Ankauf verschiedener Werke in Aussicht. Wow! Das zahlreich erschienene Publikum - die Damen oft hip und chic gekleidet - schien das Ambiente und den Trubel zu geniessen. Bei einer Kunstmesse scheint sich das Heterogene zu homogenisieren; selbst krudeste Gegensätze sind plötzlich vereinbar.
Zwischendurch hörte man immer wieder Ausrufe, wie "...und das soll Kunst sein?", was uns daran erinnert, dass die berühmte Frage "Was ist Kunst?" immer noch nicht überzeugend beantwortet ist. Und das, obwohl sich viele daran versucht haben. Zum Beispiel der tiefsinnige deutsche Philosoph Theodor W. Adorno, der definierte: "Kunst ist Magie, befreit von der Lüge Wahrheit zu sein." Kapiert? Wenn nicht, dann empfehle ich Karl Valentin: "Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit". Schlitzohrig hat er sich an der wirklichen Frage vorbei gedrückt. Wie auch E. H. Gombrich, der Grandseigneur der Kunstgeschichte. Er behauptet sogar, dass es die Kunst gar nicht gäbe und fügt dann hinzu:
"Es gibt nur Künstler".
Sonntag, 22. Februar 2009
Energiesparen um jeden Preis?
Wer kennt schon auf Anhieb die geografische Lage Lettlands? Dieses EU-Land liegt im Baltikum zwischen Estland (im Norden) und Litauen (im Süden). Und wer kennt den lettischen Staatsbürger Andries Piebalgs? Er ist Lehrer für Mathematik und Physik - und seit wenigen Jahren allgewaltiger "Energiekommissar" der Europäischen Union mit Sitz in Brüssel. Dort brachte er, kurz vor Weihnachten, eine Richtlinie auf den Weg, die für alle 300 Millionen EU-Bewohner von einschneidender Bedeutung ist.
Der Kommissar hat nämlich verfügt - auf Veranlassung der Mitgliedsstaaten, welche diese "Drecksarbeit" nicht selbst leisten wollten - dass zwischen 2009 und 2012 alle herkömmlichen Glühlampen vom Markt zu nehmen sind, zugunsten sogenannter "Energiesparlampen". Kein Wunder, dass die Siemenstochter Osram dies in einer Presseerklärung sogleich euphorisch begrüsste. Fast vier Milliarden Glühlampen müssen in kurzer Zeit ersetzt werden - welch ein Konjunkturprogramm für die Lampenhersteller! Herkömmliche Birnen sind von nun an als Stromfresser verpönt, weil sie angeblich die CO2-Ziele der EU gefährden würden. Auch, wenn sie zum Stromverbrauch im Haushalt nur magere vier Prozent beitragen. (Von Geschirrspülern und Wäschetrocknern spricht da keiner.) Im zeitlichen Ablauf trifft es zuerst die 100 Watt-Birnen mit milchigem Glas. Glühbirnen mit durchsichtigem Kolben und kleiner Wattzahl dürfen noch bis zum September 2012 verkauft werden.
Als Alternativen zur herkömmlichen Glühbirne werden kompakte fluoreszierende Lampen (CFL) angeboten sowie Halogenstrahler; in der Entwicklung für den Hausgebrauch sind Leuchtdioden. Die Variante CFL ist deutlich teurer als die Halogenlampe, hat aber weitaus geringeren Energieverbrauch und eine längere Lebensdauer. Leuchtdioden, im Automobilbereich und als Taschenlampen bereits verfügbar, liefern zumeist nur kaltes, monochromatisches Licht und sind für Wohnräume noch nicht geeignet.
Und da setzt auch die Kritik bei den Alternativlampen an. Ihnen fehlt der "Warmton", an den sich der Mensch gewöhnt hat, seit Meister Edison vor 125 Jahren den glühenden Kohlefaden unter Luftabschluss zur Beleuchtung erfand. Die heute verwendete Wolframbirne ist ein Symbol häuslicher Behaglichkeit. Dieses Licht, mit starken Rot- und Gelbanteilen ist eine kulturelle Eigenart nördlicher Länder. (Im Mittelmeerraum und in den Tropen werden kältere Lichtfarben mit höheren Blau- und Grünanteilen bevorzugt). Glühlampen geben, wie die Sonne, ein weitgehend kontinuierliches Farbspektrum ab; die Gasentladungslampen und Leuchtstoffröhren - ganz zu schweigen von den LED-Funzeln - eher ein Linienspektrum. Deshalb sehen viele Dinge im Lichte solcher Lampen ziemlich unnatürlich aus.
Aber es existieren noch weitere, eher technische Nachteile. Energiesparlampen brauchen in der Regel einige Minuten bis sie ihre volle Lichtstärke erreichen; selbst gute (und teuere) Modelle leuchten erst nach 25 Sekunden "Aufstartzeit" mit 80 Prozent ihrer Helligkeit. Es ist also nicht zweckmässig sie dort zu benutzen, wo das Licht nur einige Minuten brennen soll, z. B. im Treppenhaus oder vor der Haustür. Auch eignet sich bei weitem nicht jede Sparlampe zum dimmen.
Ein weiteres Manko der Gasentladungslampen ist ihre Quecksilberbelastung. Dieses Material ist nötig, um über Elektronenbeschuss, die Ultraviolettstrahlung zu erzeugen. Nach derzeitigen Beobachtungen landen diese Lampen praktisch samt und sonders im Hausmüll, was damit zusammen hängt, dass kein landesweites Recycling-System existiert. Für zarte Gemüter kommt noch hinzu, dass Sparlampen Elektrosmog produzieren. Dies alles ist für mich Grund genug, meine Schreibtischlampe von Artemide vorerst noch nicht in die Ecke zu stellen, sondern Birnen der gewöhnlichen Bauart zu bunkern - über das Jahr 2012 hinaus.
Aber vielleicht kommt auch alles ganz anders. Ganz überraschend wollen nämlich Teile des EU-Parlaments die Verordnung des Letten Piebalgs nicht akzeptieren. Vielleicht aus der (spät gewonnenen) Überzeugung, dass hier am falschen Ende CO2 gespart wird.
Oder weil die Europawahl für die Abgeordneten im Mai bevorsteht?
Der Kommissar hat nämlich verfügt - auf Veranlassung der Mitgliedsstaaten, welche diese "Drecksarbeit" nicht selbst leisten wollten - dass zwischen 2009 und 2012 alle herkömmlichen Glühlampen vom Markt zu nehmen sind, zugunsten sogenannter "Energiesparlampen". Kein Wunder, dass die Siemenstochter Osram dies in einer Presseerklärung sogleich euphorisch begrüsste. Fast vier Milliarden Glühlampen müssen in kurzer Zeit ersetzt werden - welch ein Konjunkturprogramm für die Lampenhersteller! Herkömmliche Birnen sind von nun an als Stromfresser verpönt, weil sie angeblich die CO2-Ziele der EU gefährden würden. Auch, wenn sie zum Stromverbrauch im Haushalt nur magere vier Prozent beitragen. (Von Geschirrspülern und Wäschetrocknern spricht da keiner.) Im zeitlichen Ablauf trifft es zuerst die 100 Watt-Birnen mit milchigem Glas. Glühbirnen mit durchsichtigem Kolben und kleiner Wattzahl dürfen noch bis zum September 2012 verkauft werden.
Als Alternativen zur herkömmlichen Glühbirne werden kompakte fluoreszierende Lampen (CFL) angeboten sowie Halogenstrahler; in der Entwicklung für den Hausgebrauch sind Leuchtdioden. Die Variante CFL ist deutlich teurer als die Halogenlampe, hat aber weitaus geringeren Energieverbrauch und eine längere Lebensdauer. Leuchtdioden, im Automobilbereich und als Taschenlampen bereits verfügbar, liefern zumeist nur kaltes, monochromatisches Licht und sind für Wohnräume noch nicht geeignet.
Und da setzt auch die Kritik bei den Alternativlampen an. Ihnen fehlt der "Warmton", an den sich der Mensch gewöhnt hat, seit Meister Edison vor 125 Jahren den glühenden Kohlefaden unter Luftabschluss zur Beleuchtung erfand. Die heute verwendete Wolframbirne ist ein Symbol häuslicher Behaglichkeit. Dieses Licht, mit starken Rot- und Gelbanteilen ist eine kulturelle Eigenart nördlicher Länder. (Im Mittelmeerraum und in den Tropen werden kältere Lichtfarben mit höheren Blau- und Grünanteilen bevorzugt). Glühlampen geben, wie die Sonne, ein weitgehend kontinuierliches Farbspektrum ab; die Gasentladungslampen und Leuchtstoffröhren - ganz zu schweigen von den LED-Funzeln - eher ein Linienspektrum. Deshalb sehen viele Dinge im Lichte solcher Lampen ziemlich unnatürlich aus.
Aber es existieren noch weitere, eher technische Nachteile. Energiesparlampen brauchen in der Regel einige Minuten bis sie ihre volle Lichtstärke erreichen; selbst gute (und teuere) Modelle leuchten erst nach 25 Sekunden "Aufstartzeit" mit 80 Prozent ihrer Helligkeit. Es ist also nicht zweckmässig sie dort zu benutzen, wo das Licht nur einige Minuten brennen soll, z. B. im Treppenhaus oder vor der Haustür. Auch eignet sich bei weitem nicht jede Sparlampe zum dimmen.
Ein weiteres Manko der Gasentladungslampen ist ihre Quecksilberbelastung. Dieses Material ist nötig, um über Elektronenbeschuss, die Ultraviolettstrahlung zu erzeugen. Nach derzeitigen Beobachtungen landen diese Lampen praktisch samt und sonders im Hausmüll, was damit zusammen hängt, dass kein landesweites Recycling-System existiert. Für zarte Gemüter kommt noch hinzu, dass Sparlampen Elektrosmog produzieren. Dies alles ist für mich Grund genug, meine Schreibtischlampe von Artemide vorerst noch nicht in die Ecke zu stellen, sondern Birnen der gewöhnlichen Bauart zu bunkern - über das Jahr 2012 hinaus.
Aber vielleicht kommt auch alles ganz anders. Ganz überraschend wollen nämlich Teile des EU-Parlaments die Verordnung des Letten Piebalgs nicht akzeptieren. Vielleicht aus der (spät gewonnenen) Überzeugung, dass hier am falschen Ende CO2 gespart wird.
Oder weil die Europawahl für die Abgeordneten im Mai bevorsteht?
Dienstag, 17. Februar 2009
Fenrich knickt ein
Der Karlsruher Oberbürgermeister Heinz Fenrich wurde vor zwei Wochen, am 9. Februar, 64 Jahre alt (Glückwunsch, nachträglich) und wird somit in spätestens vier Jahren, mit dem Erreichen des 68. Lebensjahres gemäss der Regularien abtreten müssen. Seine zweite Amtsperiode, die noch bis ins Jahr 2014 reichen würde, kann er also nicht mehr voll ausschöpfen. Ja, es ist sogar zu erwarten, dass er einige Monate vorher abtreten wird, um seiner "Favoritin" Margret Mergen - oder seinem "Intimfeind" Dr. Ingo Wellenreuther Platz zu machen.
Fenrich kann auf eine solide bürgerliche Laufbahn zurückblicken, während der er Bankkaufmann, Finanzwirt und Reserveoffizier war. Und auf eine stramme Parteikarriere als Vorsitzender eines CDU-Ortsverbands, als Pressesprecher und Beisitzer im Kreisverband und als Gemeinderat, bis er 1998 (als Nachfolger von Professor Seiler) zum Oberbürgermeister gewählt, sowie 2006 darin für eine weitere Amtsperiode betätigt wurde. Nachdem nun das letzte Viertel seiner Amtszeit als OB der Stadt Karlsruhe angebrochen ist, sei bilanziert, was in der Ära Fenrich gut beziehungsweise weniger gut gelaufen ist.
Zweifellos bewarb sich Karlsruhe unter der Ägide Fenrich für eine Rekordzahl von Events und Titeln - leider in allen Fällen vergeblich. Wer weiss schon noch, dass wir 2012 - im Gefolge von Stuttgart - Olympiastadt werden wollten? Das ging schief und Dr. Maul, seines Zeichens SPD-Mitglied und Strafrichter hatte sogleich den Schuldigen identifiziert: "Die Schwaben haben keine überzeugende Bewerbung zustande gebracht".
Peinlicher war der Durchfall bei der Bewerbung um die "Stadt der Wissenschaft 2005". Angesichts des heimischen Aufgebots elitärer Hochschulen und Forschungseinrichtungen hatte man sich eine gute Chance ausgerechnet. Aber die Jury urteilte: "...dass von der Bewerbungsschrift kein Funke übergesprungen ist und dass kein roter Faden sichtbar war."
Unverdrossen bewarb man sich im Rathaus weiter. Diesmal um die "Kulturhauptstadt Europas 2010". Nun aber mit besonders grossem Aufwand. Schon Jahre vorher wurde ein Topmanager als Intendant für die Kulturhauptstadt benannt. Und der "Partizipationskünstler" Jochen Gerz durfte mit seinen bedruckten Fähnchen den "Platz der Grundrechte" gestalten. (Manche Kunstbanausen unterstellten ihm, dass er damit den Ausblick auf die Schlossfassade verdeckt habe.) Auch einen Projektführer gab es: Dr. Ulrich Eidenmüller. Dieser, ein Jurist, beging wohl den entscheidenden Fehler, indem er den Slogan "Mit Recht. Karlsruhe" kreierte. Dieser kam bei der Jury, die darin nicht unbedingt Kultur entdecken konnte, schlecht an. Karlsruhe fiel ein weiteres mal durch - diesmal zu Gunsten von Essen und Görlitz.
Die schlimmste Pleite gab es jedoch bei der Bewerbung um die Bundesgartenschau (BUGA) 2015. Und dabei trifft Fenrich die Hauptschuld. Im Jahr 2001 hatte Karlsruhe nämlich bereits den Zuschlag für diese Veranstaltung erhalten. BUGA 2015 sollte der Hauptevent für das im gleichen Jahr stattfindende 300-jährige Stadtjubiläum sein. Ein sommerlanges Fest für alle Karlsruher war in Sicht. Aber 2003 machte Fenrich einen Rückzieher und kündigte beim Veranstalter - angeblich aus "finanziellen Gründen". Vier Jahre später besann er sich anders (nachdem Osnabrück ausgefallen war) und bewarb sich erneut für 2015. Aber die Jury hatte diesen Zickzackkurs des OB Fenrich wohl satt und vergab die Buga 2015 - mit allen 16 Stimmen - an die Havelregion in Brandenburg.
Fairerweise muss nun aber doch ein "Projekt" erwähnt werden, das Fenrich gut gelungen ist und bei dem er sich Verdienste erworben hat. Ich denke an die Erweiterung des Bundesverfassungsgerichts (BVG) in den Botanischen Garten hinein. Der Berliner Architekt Schröllkamp hatte das Zusatzgebäude mit 40 Büroräumen geplant und als bekannt wurde, dass dafür der heissgeliebte Botanische Garten angeknabbert würde, war in Karlsruhe der Teufel los. Es formierte sich eine Bürgerinitiative und im Nu waren 20.000 Proteststimmen gesammelt. Auf der anderen Seite schaltete das BVG auf stur und drohte unterschwellig sogar mit seinem Weggang (nach Potsdam). In dieser heiklen Situation klinkte sich OB Fenrich als geschickter Moderator ein, konnte beide Parteien befrieden und heute ist der Schröllkamp-Bau in der Stadt kein Thema mehr.
Leider war unser Stadtgeneral bei den grossen Investitionsvorhaben mit weit weniger Fortüne gesegnet. Die "Neue Messe", eröffnet im Oktober 2003, erwies sich mit ihren vier Hallen und 52.000 Quadratmetern Ausstellungsfläche von anfang an als zu gross. Experten aus der Wirtschaft hatten Fenrich schon im Vorfeld gewarnt. Leider vergebens. Nun hängt dieser Bau mit jährlich 12 bis 15 Millionen Euro Defizit am Subventionstropf der Stadt. Das beste Geschäft machte noch die Standortgemeinde Rheinstetten. Sie erhält jedes Jahr eine Million Euro aus dem Karlsruher Stadtsäckel überwiesen.
Das im vergangenen Jahr eröffnete "Europabad" war von anfang an ein Fiasko. Die Baukosten erhöhten sich um fünf Millionen auf 30 Millionen Euro, die Inbetriebnahme verzögerte sich um fast ein Jahr und war zudem mängelbehaftet. Nun bleiben auch noch die Besucher weg, was dem Bäderchef seinen Job kostete. (Keine Sorge, er fiel weich.) Derzeit muss man mit einem jährlichen Betriebsdefizit von drei Millionen rechnen.
Das Grossprojekt Nordtangente, seit Jahrzehnten in der Planung, hat Fenrich bei der kürzlichen Haushaltsdiskussion so ganz nebenbei beerdigt. Der OB ist regelrecht eingeknickt. Bei der eigenen CDU-Fraktion erntete er dafür nur Kopfschütteln. Und das zu Recht. Denn wer das Faustpfand Nordtangente freiwillig weggibt, ohne von anderen dafür Zusagen eingehandelt zu haben, der agiert reichlich naiv und wird zukünftig mit seinen Problemen allein dastehen. Zum Beispiel mit den zwei (nun sinnlos gewordenen) Strassenstummeln ab der zweiten Rheinbrücke und ab der Autobahnabfahrt Nord. Man gewinnt den fatalen Eindruck, dass Fenrich das Verhältnis zu seiner eigenen Partei - seiner wirklichen Machtbasis - zunehmend mehr egal wird.
Auch beim Vorhaben "Umbau Wildparkstadion" verheddert sich Fenrich immer mehr. Vor zwei Jahren hat er dieses Projekt zur Chefsache erklärt und dafür Kosten von 58 Millionen Euro verkündet. Bald wurden daraus 64 und sogar 71 Millionen, was den KSC und einige CDU-Mitglieder (u.a. Wellenreuther) veranlasste nach alternativen Standorten in Autobahnnähe zu suchen. Die Vorteile dafür liegen auf der Hand: der KSC verliert während des Baus keine Einnahmen, er hat dort bessere Vermarktungsmöglichkeiten und das Projekt liesse sich weitgehend privatwirtschaftlich finanzieren. Nun ergriff den OB die Panik und er knickte ein weiteres Mal ein. Statt Umbau schlug er jetzt einen "Neubau" am Traditionsstandort vor; sogar die vorher unantastbare Tribüne sollte abgerissen werden. Der Preis für diese Unternehmung erhöhte sich dadurch auf 107 Millionen - ohne Infrastruktur. (Das Hoffenheimer Stadion kostete gerade mal 60 Millionen Euro.) Der Stadtrat und sogar die eigene CDU-Fraktion ist über diesen Schwenk nicht begeistert. Derweil hält Fenrich stur an seiner Linie fest und will regionale Sponsoren als Co-Investoren gewinnen. Die Aussichten dafür sind düster.
Ante portas droht das ultimative Monsterprojekt: die Kombilösung. Mit dem Strassenbahntunnel unter der Kaiserstrasse und dem Umbau der Kriegsstrasse will man noch in diesem Jahr beginnen. 2020 soll alles fertig sein; die Kosten werden auf 600 Millionen Euro veranschlagt. Kaum ein Karlsruher, dem nicht vor diesem Vorhaben graust - OB Fenrich mal ausgenommen. Insbesondere die Geschäftsleute sind fast allesamt dagegen; ihrer Meinung nach hätte man durch eine Korrektur des Strassenbahnnetzes (Herausnahme der ungetümen S-Züge aus der Innenstadt) das ganze Unternehmen vermeiden können.
Die Termin - und vorallem die Kostenrisiken bei der Durchführung der Kombilösung sind gigantisch. Bedenkt man, dass die Stadtverwaltung bereits bei der Realisierung des verhältnismässig kleinen Europabads deutlich überfordert war, so kann man sich die Risiken für das 20 mal grössere Kombivorhaben lebhaft vorstellen. Wer garantiert, dass die Bauzeit nicht auf 15 Jahre aufläuft und die Kosten auf 1.000 Millionen Euro? Das würde die ohnehin schon bedenklich Verschuldung Karlsruhes exorbitant in die Höhe treiben. Auf alle Fälle werden wir 2015, beim 300-jährigen Stadtgeburtstag , keinen Mangel an Baustellen in der Innenstadt haben.
Heinz Fenrich wird das Ende dieses Riesenprojekts als Oberbürgermeister nicht mehr erleben. Er wird, wie es so üblich ist, in einer ferneren Zeit mit einer Strasse geehrt werden, die seinen Namen trägt.
Vielleicht wählt man dafür eine Sackgasse.
Fenrich kann auf eine solide bürgerliche Laufbahn zurückblicken, während der er Bankkaufmann, Finanzwirt und Reserveoffizier war. Und auf eine stramme Parteikarriere als Vorsitzender eines CDU-Ortsverbands, als Pressesprecher und Beisitzer im Kreisverband und als Gemeinderat, bis er 1998 (als Nachfolger von Professor Seiler) zum Oberbürgermeister gewählt, sowie 2006 darin für eine weitere Amtsperiode betätigt wurde. Nachdem nun das letzte Viertel seiner Amtszeit als OB der Stadt Karlsruhe angebrochen ist, sei bilanziert, was in der Ära Fenrich gut beziehungsweise weniger gut gelaufen ist.
Zweifellos bewarb sich Karlsruhe unter der Ägide Fenrich für eine Rekordzahl von Events und Titeln - leider in allen Fällen vergeblich. Wer weiss schon noch, dass wir 2012 - im Gefolge von Stuttgart - Olympiastadt werden wollten? Das ging schief und Dr. Maul, seines Zeichens SPD-Mitglied und Strafrichter hatte sogleich den Schuldigen identifiziert: "Die Schwaben haben keine überzeugende Bewerbung zustande gebracht".
Peinlicher war der Durchfall bei der Bewerbung um die "Stadt der Wissenschaft 2005". Angesichts des heimischen Aufgebots elitärer Hochschulen und Forschungseinrichtungen hatte man sich eine gute Chance ausgerechnet. Aber die Jury urteilte: "...dass von der Bewerbungsschrift kein Funke übergesprungen ist und dass kein roter Faden sichtbar war."
Unverdrossen bewarb man sich im Rathaus weiter. Diesmal um die "Kulturhauptstadt Europas 2010". Nun aber mit besonders grossem Aufwand. Schon Jahre vorher wurde ein Topmanager als Intendant für die Kulturhauptstadt benannt. Und der "Partizipationskünstler" Jochen Gerz durfte mit seinen bedruckten Fähnchen den "Platz der Grundrechte" gestalten. (Manche Kunstbanausen unterstellten ihm, dass er damit den Ausblick auf die Schlossfassade verdeckt habe.) Auch einen Projektführer gab es: Dr. Ulrich Eidenmüller. Dieser, ein Jurist, beging wohl den entscheidenden Fehler, indem er den Slogan "Mit Recht. Karlsruhe" kreierte. Dieser kam bei der Jury, die darin nicht unbedingt Kultur entdecken konnte, schlecht an. Karlsruhe fiel ein weiteres mal durch - diesmal zu Gunsten von Essen und Görlitz.
Die schlimmste Pleite gab es jedoch bei der Bewerbung um die Bundesgartenschau (BUGA) 2015. Und dabei trifft Fenrich die Hauptschuld. Im Jahr 2001 hatte Karlsruhe nämlich bereits den Zuschlag für diese Veranstaltung erhalten. BUGA 2015 sollte der Hauptevent für das im gleichen Jahr stattfindende 300-jährige Stadtjubiläum sein. Ein sommerlanges Fest für alle Karlsruher war in Sicht. Aber 2003 machte Fenrich einen Rückzieher und kündigte beim Veranstalter - angeblich aus "finanziellen Gründen". Vier Jahre später besann er sich anders (nachdem Osnabrück ausgefallen war) und bewarb sich erneut für 2015. Aber die Jury hatte diesen Zickzackkurs des OB Fenrich wohl satt und vergab die Buga 2015 - mit allen 16 Stimmen - an die Havelregion in Brandenburg.
Fairerweise muss nun aber doch ein "Projekt" erwähnt werden, das Fenrich gut gelungen ist und bei dem er sich Verdienste erworben hat. Ich denke an die Erweiterung des Bundesverfassungsgerichts (BVG) in den Botanischen Garten hinein. Der Berliner Architekt Schröllkamp hatte das Zusatzgebäude mit 40 Büroräumen geplant und als bekannt wurde, dass dafür der heissgeliebte Botanische Garten angeknabbert würde, war in Karlsruhe der Teufel los. Es formierte sich eine Bürgerinitiative und im Nu waren 20.000 Proteststimmen gesammelt. Auf der anderen Seite schaltete das BVG auf stur und drohte unterschwellig sogar mit seinem Weggang (nach Potsdam). In dieser heiklen Situation klinkte sich OB Fenrich als geschickter Moderator ein, konnte beide Parteien befrieden und heute ist der Schröllkamp-Bau in der Stadt kein Thema mehr.
Leider war unser Stadtgeneral bei den grossen Investitionsvorhaben mit weit weniger Fortüne gesegnet. Die "Neue Messe", eröffnet im Oktober 2003, erwies sich mit ihren vier Hallen und 52.000 Quadratmetern Ausstellungsfläche von anfang an als zu gross. Experten aus der Wirtschaft hatten Fenrich schon im Vorfeld gewarnt. Leider vergebens. Nun hängt dieser Bau mit jährlich 12 bis 15 Millionen Euro Defizit am Subventionstropf der Stadt. Das beste Geschäft machte noch die Standortgemeinde Rheinstetten. Sie erhält jedes Jahr eine Million Euro aus dem Karlsruher Stadtsäckel überwiesen.
Das im vergangenen Jahr eröffnete "Europabad" war von anfang an ein Fiasko. Die Baukosten erhöhten sich um fünf Millionen auf 30 Millionen Euro, die Inbetriebnahme verzögerte sich um fast ein Jahr und war zudem mängelbehaftet. Nun bleiben auch noch die Besucher weg, was dem Bäderchef seinen Job kostete. (Keine Sorge, er fiel weich.) Derzeit muss man mit einem jährlichen Betriebsdefizit von drei Millionen rechnen.
Das Grossprojekt Nordtangente, seit Jahrzehnten in der Planung, hat Fenrich bei der kürzlichen Haushaltsdiskussion so ganz nebenbei beerdigt. Der OB ist regelrecht eingeknickt. Bei der eigenen CDU-Fraktion erntete er dafür nur Kopfschütteln. Und das zu Recht. Denn wer das Faustpfand Nordtangente freiwillig weggibt, ohne von anderen dafür Zusagen eingehandelt zu haben, der agiert reichlich naiv und wird zukünftig mit seinen Problemen allein dastehen. Zum Beispiel mit den zwei (nun sinnlos gewordenen) Strassenstummeln ab der zweiten Rheinbrücke und ab der Autobahnabfahrt Nord. Man gewinnt den fatalen Eindruck, dass Fenrich das Verhältnis zu seiner eigenen Partei - seiner wirklichen Machtbasis - zunehmend mehr egal wird.
Auch beim Vorhaben "Umbau Wildparkstadion" verheddert sich Fenrich immer mehr. Vor zwei Jahren hat er dieses Projekt zur Chefsache erklärt und dafür Kosten von 58 Millionen Euro verkündet. Bald wurden daraus 64 und sogar 71 Millionen, was den KSC und einige CDU-Mitglieder (u.a. Wellenreuther) veranlasste nach alternativen Standorten in Autobahnnähe zu suchen. Die Vorteile dafür liegen auf der Hand: der KSC verliert während des Baus keine Einnahmen, er hat dort bessere Vermarktungsmöglichkeiten und das Projekt liesse sich weitgehend privatwirtschaftlich finanzieren. Nun ergriff den OB die Panik und er knickte ein weiteres Mal ein. Statt Umbau schlug er jetzt einen "Neubau" am Traditionsstandort vor; sogar die vorher unantastbare Tribüne sollte abgerissen werden. Der Preis für diese Unternehmung erhöhte sich dadurch auf 107 Millionen - ohne Infrastruktur. (Das Hoffenheimer Stadion kostete gerade mal 60 Millionen Euro.) Der Stadtrat und sogar die eigene CDU-Fraktion ist über diesen Schwenk nicht begeistert. Derweil hält Fenrich stur an seiner Linie fest und will regionale Sponsoren als Co-Investoren gewinnen. Die Aussichten dafür sind düster.
Ante portas droht das ultimative Monsterprojekt: die Kombilösung. Mit dem Strassenbahntunnel unter der Kaiserstrasse und dem Umbau der Kriegsstrasse will man noch in diesem Jahr beginnen. 2020 soll alles fertig sein; die Kosten werden auf 600 Millionen Euro veranschlagt. Kaum ein Karlsruher, dem nicht vor diesem Vorhaben graust - OB Fenrich mal ausgenommen. Insbesondere die Geschäftsleute sind fast allesamt dagegen; ihrer Meinung nach hätte man durch eine Korrektur des Strassenbahnnetzes (Herausnahme der ungetümen S-Züge aus der Innenstadt) das ganze Unternehmen vermeiden können.
Die Termin - und vorallem die Kostenrisiken bei der Durchführung der Kombilösung sind gigantisch. Bedenkt man, dass die Stadtverwaltung bereits bei der Realisierung des verhältnismässig kleinen Europabads deutlich überfordert war, so kann man sich die Risiken für das 20 mal grössere Kombivorhaben lebhaft vorstellen. Wer garantiert, dass die Bauzeit nicht auf 15 Jahre aufläuft und die Kosten auf 1.000 Millionen Euro? Das würde die ohnehin schon bedenklich Verschuldung Karlsruhes exorbitant in die Höhe treiben. Auf alle Fälle werden wir 2015, beim 300-jährigen Stadtgeburtstag , keinen Mangel an Baustellen in der Innenstadt haben.
Heinz Fenrich wird das Ende dieses Riesenprojekts als Oberbürgermeister nicht mehr erleben. Er wird, wie es so üblich ist, in einer ferneren Zeit mit einer Strasse geehrt werden, die seinen Namen trägt.
Vielleicht wählt man dafür eine Sackgasse.
Mittwoch, 11. Februar 2009
Lauter Exzellenzen bei KIT
Es sollte der erste Schritt der Verwaltung in Richtung KIT sein, der Fusion der Universität mit dem Forschungszentrum Karlsruhe (FZK) - und er ging kräftig daneben. Die Uni wollte für ihre Buchhaltung das SAP-System einführen, etwas das bei der FZK schon seit Jahrzehnten gang und gäbe ist. Trotz vorheriger Ankündigung durch Magnifizenz H. stand das System nicht, wie geplant, zum Jahreswechsel zur Verfügung. Die Folgen waren sehr unangenehm für die Lieferanten, deren Rechnungen nicht termingemäss bezahlt werden konnten. Einige scheuten sich nicht, mit dem Gerichtsvollzieher zu drohen. Mittlerweile wird "per Hand" ausgezahlt. Besonders hart betroffen waren die vielen studentischen Mini-Jobber ("HiWis"), die zum Teil sogar noch heute auf ihr karges Entgeld warten. Kein Wunder, dass diese Fehlleistung einer Eliteuniversität in den Zeitungen genüsslich breit getreten wurde.
Das sog. KIT-Gesetz, seit über zwei Jahren in Aussicht gestellt, verzögert sich weiter; es wird nun im Sommer 2009 erwartet. Gleich zwei "Präsidenten" und drei weitere "Vizepräsidenten" sollen das KIT in der Übergangszeit dirigieren (no ladies, übrigens!). Im Endstadium wird das Präsidium einen Präsidenten und fünf Vizepräsidenten umfassen. Ein "Präsidiumsrat" soll das Präsidium beraten. Darunter sind im Organigramm mindestens fünf "Vorstandsbereiche" ausgewiesen, sodass auch noch die Ernennung einer grösseren Anzahl von Vorständen befürchtet werden muss. Ein angemessenes Ambiente für diese Herrschaften ist eine Selbstverständlichkeit; so wird der Präsident nicht ein popeliges Sekretariat haben, nein, er gebietet über ein "Präsidialbüro". Namen für all diese Präsidenten und Vorstände werden natürlich auch schon gehandelt. Stochastische Analysen lassen vermuten, dass die Mitgliedschaft beim "Club der Rotarier" für eine Karriere bei KIT zumindest nicht hinderlich ist.
Die wissenschaftlichen Institute, in denen die wirkliche Arbeit geleistet wird, sacken im KIT-Organigramm auf die dritte Ebene ab. Dort sind auch - auf gerade mal zwei Quadratzentimeter im Organigramm zusammengepresst - die elf Fakultäten samt ihren Dekanen und Studiendekanen zu finden. Möglicherweise ein schwer verdaulicher Brocken für die Präsidentschaft. Die Stimmung bei den Professoren ist nämlich schlecht, seit die Politiker deren Gehälter von C4 auf W3 abgesenkt haben. Auch die radikale Abschaffung ihres "Premienproduktes" - des weltweit hoch geachteten deutschen Diploms - zugunsten der Allerweltstitel Bachelor und Master, haben sie innerlich noch nicht akzeptiert. Mit Mühe konnten die Lehrstuhlinhaber erreichen, dass ihr altehrwürdiges Gremium, der Senat, beibehalten wurde; der Wissenschaftlich-Technische Rat, einst Organ des Forschungszentrums und Beschlussgremium für das F&E-Programm, scheint wohl über die Wupper zu gehen.
Ein Rückblick auf die Titulatur beim oberen Management des Forschungszentrums ist im historischen Verlauf sehr aufschlussreich. Bekanntlich wurde das FZK im Jahre 1956 als "Gesellschaft mit beschränkter Haftung" gegründet (Bund 90 %, Land 10 % der Anteile). Entsprechend dem GmbH-Gesetz bestellte man zwei "Geschäftsführer", wie es eben das deutsche Handelsgesetzbuch (HGB) für solche Gesellschaften vorsah (§ 6 GmbHG). Das ging 18 Jahre lang in der arbeitsreichen Gründerphase gut, bis im Jahr 1974 eine Umorganisation erfolgte. Nun wurde der in etwa gleiche Arbeitsumfang auf fünf Manager aufgeteilt, die sich fortan "Vorstände" und "Vorstandsvorsitzende" nennen durften. Und das, obwohl die Bezeichnung "Vorstand" im HGB eigentlich nur für die Leitung der - zumeist grösseren - Aktiengesellschaften vorgesehen ist (§ 70 AktG).
In Zukunft wird die GmbH des Forschungszentrum zusammen mit der Uni in eine "Anstalt des öffentlichen Rechts" (AöR) überführt. Das ist trotz des anspruchsvoll klingenden Namens juristisch eine relativ inferiore Vereinigung, die im HGB noch nicht einmal zu finden ist. Nach gängiger Definition ist eine AöR lediglich ein "Bestand an sächlichen und persönlichen Mitteln, welche in der Hand eines Trägers der öffentlichen Verwaltung einem öffentlichen Zweck zu dienen hat."
Wegen dieses niedrigen legalen Ranges genügt bereits eine Satzung zur Festlegung ihres Tätigkeitsgebietes. Und die Chefs einer solchen AöR dürfen sich "Leiter" - oder eben auch "Präsidenten" nennen. Notfalls sogar Kanzler. (Nur nicht Bundeskanzler!) "Neues aus der Anstalt" darf also auch in Zukunft erwartet werden.
Wer im Rahmen einer solchen AöR nicht zumindest Präsident oder Vorstand ist, der ist wahrlich ein armer Hund. Das veranlasste wohl auch den Leiter des "Freundeskreis der FZK" - eine Art akademischer Stammtisch, aber bei weitem nicht so lustig wie meiner auf der Insel Rott - sich den Titel "Präsident" zuzulegen. Und er hat recht. Warum sollte er zurückstehen?
Wenn demnächst ein "Tatort"-Kommissar sich dazu aufschwingt (ranghöchster deutscher) Präsident zu werden.
Das sog. KIT-Gesetz, seit über zwei Jahren in Aussicht gestellt, verzögert sich weiter; es wird nun im Sommer 2009 erwartet. Gleich zwei "Präsidenten" und drei weitere "Vizepräsidenten" sollen das KIT in der Übergangszeit dirigieren (no ladies, übrigens!). Im Endstadium wird das Präsidium einen Präsidenten und fünf Vizepräsidenten umfassen. Ein "Präsidiumsrat" soll das Präsidium beraten. Darunter sind im Organigramm mindestens fünf "Vorstandsbereiche" ausgewiesen, sodass auch noch die Ernennung einer grösseren Anzahl von Vorständen befürchtet werden muss. Ein angemessenes Ambiente für diese Herrschaften ist eine Selbstverständlichkeit; so wird der Präsident nicht ein popeliges Sekretariat haben, nein, er gebietet über ein "Präsidialbüro". Namen für all diese Präsidenten und Vorstände werden natürlich auch schon gehandelt. Stochastische Analysen lassen vermuten, dass die Mitgliedschaft beim "Club der Rotarier" für eine Karriere bei KIT zumindest nicht hinderlich ist.
Die wissenschaftlichen Institute, in denen die wirkliche Arbeit geleistet wird, sacken im KIT-Organigramm auf die dritte Ebene ab. Dort sind auch - auf gerade mal zwei Quadratzentimeter im Organigramm zusammengepresst - die elf Fakultäten samt ihren Dekanen und Studiendekanen zu finden. Möglicherweise ein schwer verdaulicher Brocken für die Präsidentschaft. Die Stimmung bei den Professoren ist nämlich schlecht, seit die Politiker deren Gehälter von C4 auf W3 abgesenkt haben. Auch die radikale Abschaffung ihres "Premienproduktes" - des weltweit hoch geachteten deutschen Diploms - zugunsten der Allerweltstitel Bachelor und Master, haben sie innerlich noch nicht akzeptiert. Mit Mühe konnten die Lehrstuhlinhaber erreichen, dass ihr altehrwürdiges Gremium, der Senat, beibehalten wurde; der Wissenschaftlich-Technische Rat, einst Organ des Forschungszentrums und Beschlussgremium für das F&E-Programm, scheint wohl über die Wupper zu gehen.
Ein Rückblick auf die Titulatur beim oberen Management des Forschungszentrums ist im historischen Verlauf sehr aufschlussreich. Bekanntlich wurde das FZK im Jahre 1956 als "Gesellschaft mit beschränkter Haftung" gegründet (Bund 90 %, Land 10 % der Anteile). Entsprechend dem GmbH-Gesetz bestellte man zwei "Geschäftsführer", wie es eben das deutsche Handelsgesetzbuch (HGB) für solche Gesellschaften vorsah (§ 6 GmbHG). Das ging 18 Jahre lang in der arbeitsreichen Gründerphase gut, bis im Jahr 1974 eine Umorganisation erfolgte. Nun wurde der in etwa gleiche Arbeitsumfang auf fünf Manager aufgeteilt, die sich fortan "Vorstände" und "Vorstandsvorsitzende" nennen durften. Und das, obwohl die Bezeichnung "Vorstand" im HGB eigentlich nur für die Leitung der - zumeist grösseren - Aktiengesellschaften vorgesehen ist (§ 70 AktG).
In Zukunft wird die GmbH des Forschungszentrum zusammen mit der Uni in eine "Anstalt des öffentlichen Rechts" (AöR) überführt. Das ist trotz des anspruchsvoll klingenden Namens juristisch eine relativ inferiore Vereinigung, die im HGB noch nicht einmal zu finden ist. Nach gängiger Definition ist eine AöR lediglich ein "Bestand an sächlichen und persönlichen Mitteln, welche in der Hand eines Trägers der öffentlichen Verwaltung einem öffentlichen Zweck zu dienen hat."
Wegen dieses niedrigen legalen Ranges genügt bereits eine Satzung zur Festlegung ihres Tätigkeitsgebietes. Und die Chefs einer solchen AöR dürfen sich "Leiter" - oder eben auch "Präsidenten" nennen. Notfalls sogar Kanzler. (Nur nicht Bundeskanzler!) "Neues aus der Anstalt" darf also auch in Zukunft erwartet werden.
Wer im Rahmen einer solchen AöR nicht zumindest Präsident oder Vorstand ist, der ist wahrlich ein armer Hund. Das veranlasste wohl auch den Leiter des "Freundeskreis der FZK" - eine Art akademischer Stammtisch, aber bei weitem nicht so lustig wie meiner auf der Insel Rott - sich den Titel "Präsident" zuzulegen. Und er hat recht. Warum sollte er zurückstehen?
Wenn demnächst ein "Tatort"-Kommissar sich dazu aufschwingt (ranghöchster deutscher) Präsident zu werden.
Sonntag, 1. Februar 2009
Was wissen wir über Homer? Nichts.
Im Karlsruher Schloss wird derzeit eine sehenswerte archäologisch-historische Ausstellung über "Die dunklen Jahrhunderte Griechenlands" gezeigt, welche sich von 1.200 bis 700 v. Chr. erstreckten. Die mykenische Hochkultur, welche sich im 2. Jahrtausend v. Chr. in Griechenland sowie im östlichen Mittelmeerraum ausgebreitet hatte und durch prachtvolle Paläste (z. B. in Kreta) und imposante Burgen ( Tyrins) charakterisiert war, verschwand um 1.200 v. Chr. ganz plötzlich von der Bildfläche. Über die Gründe für diesen Kulturkollaps rätseln die Archäologen noch immer. Schwere Erdbeben, verheerende Dürren, tötliche Epidemien, interne Aufstände oder kriegerische Eindringlinge werden als mögliche Ursachen genannt. Der Zusammenbruch dieser Kultur dauerte 5 Jahrhunderte - bis um 700 v. Chr. , nahezu spontan, die Hochzivilisation des uns bekannten klassischen Griechenland entstand.
Diese dunkle Periode war aber auch eine "Zeit der Helden". In dieser Epoche lässt der griechische Ur-Dichter Homer nämlich seine Helden Achilles, Hector und Odysseus agieren. Bei der "Ilias" (Gymnasiasten kennen ihren Anfang: "Singe den Zorn, o Göttin, des Peleiaden Achilleus") beschreibt er in 16.000 Hexameterversen den Kampf um Troja und in der "Odyssee" ("Sage mir, Muse, die Taten des vielgewanderten Mannes") fast ebenso lang die Irrfahrten des listenreichen Odysseus und seine glückliche Heimkehr.
Wer war der Schriftsteller-Titan Homer, der diese gewaltigen Epen schuf? Das ist die berühmte "homerische Frage", die auch heute noch niemand schlüssig beantworten kann. Der Sage nach soll es ein blinder Sänger gewesen sein, der zwischen 700 und 850 v. Chr. im griechischen Kleinasien (der heutigen Westtürkei) gelebt hat. Aber das ist wohl Legende.
Die sog. homerische Frage ist in realiter ein ganzes Bündel. So kann man zum Beispiel fragen: Sind Ilias und Odyssee das Werk nur eines einzigen oder das von mehreren Dichtern? Ist Homer überhaupt eine geschichtliche Person oder ist er nachträglich nur fingiert? War Homer der Dichter der beiden Epen oder nur ein sammelnder Ordner? Wann sind die beiden Werke entstanden? Usw. usf.
Heute geht man davon aus, dass Homer zumindest der Schöpfer der Ilias, wahrscheinlich auch der Odyssee war. Analytische Sprachuntersuchungen mit Hilfe des Computers legen diese Hypothese nahe. Die Unterschiede im Erzählstil erklärt man dadurch, dass die Ilias das Jugendwerk, die Odyssee das Alterswerk war. Manche Exegeten favorisieren allerdings die 2-Dichter-Vermutung, ähnlich der Gebrüder Grimm in der Neuzeit. Die Entstehungsperiode der Epen sieht man im 8. Jahrhundert. Ziemlich sicher ist, dass Homer auf vorhandenen Stoff fahrender Sänger (Rhapsoden) zurückgegriffen, aber die Inhalte dichterisch strukturiert und aufgeschrieben hat.
Harte Beweise gibt es für diese aufgestellten Thesen nicht. Aber die Erzählungen Ilias und Odyssee existieren seit fast drei Jahrtausenden; irgend jemand muss schliesslich die 28.000 Hexameter gedichtet haben - auch wenn wir von Homer (fast) nichts wissen.
Ein noch grösseres Rätsel der Weltliteratur ist, dass die Lebens-und Schaffensgeschichte des grössten dramatischen Genies aller Zeiten - William Shakespeare - ebenfalls weitgehend im Dunkeln liegt. Und dieser lebte nicht in der grauen Vorgeschichte, sondern bereits in der Neuzeit, von 1564 bis 1616 n. Chr. 36 Theaterstücke (14 Komödien, 12 Tragödien und 10 Historiendramen) soll er angeblich geschrieben haben; sie sind fester Bestandteil der Spielpläne der Weltbühnen. Als Sohn eines armen Landwirts im englischen Stratford-on-Avon besuchte er gerade mal die Grundschule, wurde ein mittelmässiger Schauspieler und schliesslich Teilhaber des Globe-Theaters. Dazwischen lagen sieben Jahre, während der er völlig abgetaucht war. ("dark ages") Es gibt keine einzige Handschrift von ihm, trotz der vielen ihm zugeschriebenen Dramen sowie einiger hundert Sonette von allerhöchster literarischer Güte.
Kein Wunder, dass immer wieder Zweifel aufkommen, ob er wirklich der Schöpfer dieser Werke sein konnte. Alfred Kerr, der berühmte Theaterkritiker mit der spitzen Feder fragte einmal ganz verzweifelt "ob ein Landlümmel aus dem Drecksnest Stratford sowas allein gemacht haben kann?" Namen, wie Marlowe (ein Schauspielerkollege) oder Bacon (ein Adeliger), werden von einigen als "ghostwriter" vermutet; ja, selbst vor der Queen Elizabeth I macht man nicht halt. Egal, wir wissen es nicht und die Mehrheit der Literaturgeschichtler sieht - mangels überzeugender Alternativen - in William Shakespeare immer noch den Dichter des Hamlet und des Sommernachtstraum.
Wie hätte Shakespeare wohl reagiert, wenn ihm diese Zweifel an seiner Person bekannt gewesen wären?
Vermutlich hätte er ein "homerisches ( lautes, lang andauerndes) Gelächter" angestimmt.
Diese dunkle Periode war aber auch eine "Zeit der Helden". In dieser Epoche lässt der griechische Ur-Dichter Homer nämlich seine Helden Achilles, Hector und Odysseus agieren. Bei der "Ilias" (Gymnasiasten kennen ihren Anfang: "Singe den Zorn, o Göttin, des Peleiaden Achilleus") beschreibt er in 16.000 Hexameterversen den Kampf um Troja und in der "Odyssee" ("Sage mir, Muse, die Taten des vielgewanderten Mannes") fast ebenso lang die Irrfahrten des listenreichen Odysseus und seine glückliche Heimkehr.
Wer war der Schriftsteller-Titan Homer, der diese gewaltigen Epen schuf? Das ist die berühmte "homerische Frage", die auch heute noch niemand schlüssig beantworten kann. Der Sage nach soll es ein blinder Sänger gewesen sein, der zwischen 700 und 850 v. Chr. im griechischen Kleinasien (der heutigen Westtürkei) gelebt hat. Aber das ist wohl Legende.
Die sog. homerische Frage ist in realiter ein ganzes Bündel. So kann man zum Beispiel fragen: Sind Ilias und Odyssee das Werk nur eines einzigen oder das von mehreren Dichtern? Ist Homer überhaupt eine geschichtliche Person oder ist er nachträglich nur fingiert? War Homer der Dichter der beiden Epen oder nur ein sammelnder Ordner? Wann sind die beiden Werke entstanden? Usw. usf.
Heute geht man davon aus, dass Homer zumindest der Schöpfer der Ilias, wahrscheinlich auch der Odyssee war. Analytische Sprachuntersuchungen mit Hilfe des Computers legen diese Hypothese nahe. Die Unterschiede im Erzählstil erklärt man dadurch, dass die Ilias das Jugendwerk, die Odyssee das Alterswerk war. Manche Exegeten favorisieren allerdings die 2-Dichter-Vermutung, ähnlich der Gebrüder Grimm in der Neuzeit. Die Entstehungsperiode der Epen sieht man im 8. Jahrhundert. Ziemlich sicher ist, dass Homer auf vorhandenen Stoff fahrender Sänger (Rhapsoden) zurückgegriffen, aber die Inhalte dichterisch strukturiert und aufgeschrieben hat.
Harte Beweise gibt es für diese aufgestellten Thesen nicht. Aber die Erzählungen Ilias und Odyssee existieren seit fast drei Jahrtausenden; irgend jemand muss schliesslich die 28.000 Hexameter gedichtet haben - auch wenn wir von Homer (fast) nichts wissen.
Ein noch grösseres Rätsel der Weltliteratur ist, dass die Lebens-und Schaffensgeschichte des grössten dramatischen Genies aller Zeiten - William Shakespeare - ebenfalls weitgehend im Dunkeln liegt. Und dieser lebte nicht in der grauen Vorgeschichte, sondern bereits in der Neuzeit, von 1564 bis 1616 n. Chr. 36 Theaterstücke (14 Komödien, 12 Tragödien und 10 Historiendramen) soll er angeblich geschrieben haben; sie sind fester Bestandteil der Spielpläne der Weltbühnen. Als Sohn eines armen Landwirts im englischen Stratford-on-Avon besuchte er gerade mal die Grundschule, wurde ein mittelmässiger Schauspieler und schliesslich Teilhaber des Globe-Theaters. Dazwischen lagen sieben Jahre, während der er völlig abgetaucht war. ("dark ages") Es gibt keine einzige Handschrift von ihm, trotz der vielen ihm zugeschriebenen Dramen sowie einiger hundert Sonette von allerhöchster literarischer Güte.
Kein Wunder, dass immer wieder Zweifel aufkommen, ob er wirklich der Schöpfer dieser Werke sein konnte. Alfred Kerr, der berühmte Theaterkritiker mit der spitzen Feder fragte einmal ganz verzweifelt "ob ein Landlümmel aus dem Drecksnest Stratford sowas allein gemacht haben kann?" Namen, wie Marlowe (ein Schauspielerkollege) oder Bacon (ein Adeliger), werden von einigen als "ghostwriter" vermutet; ja, selbst vor der Queen Elizabeth I macht man nicht halt. Egal, wir wissen es nicht und die Mehrheit der Literaturgeschichtler sieht - mangels überzeugender Alternativen - in William Shakespeare immer noch den Dichter des Hamlet und des Sommernachtstraum.
Wie hätte Shakespeare wohl reagiert, wenn ihm diese Zweifel an seiner Person bekannt gewesen wären?
Vermutlich hätte er ein "homerisches ( lautes, lang andauerndes) Gelächter" angestimmt.
Donnerstag, 29. Januar 2009
CERN-Störfall doch gravierender
Der Störfall am Teilchenbeschleuniger CERN ist nun doch schwerwiegender, als anfangs vermutet. Die Reparaturarbeiten am Large Hadron Collider (LHC) werden länger dauern und deutlich mehr kosten. Die Anlage wird den Experimentatoren erst wesentlich später zur Verfügung stehen als ursprünglich geplant.
Bei dem Unfall am 19. September letzten Jahres war die Zerstörungskraft des schnell verdampfenden Heliums so gross, dass tonnenschwere Magnete gegeneinander versetzt und die Verbindungen schwer beschädigt wurden. Derzeit demontiert man 53 dieser Magnete und bringt sie ans Tageslicht empor. 30 Dipolmagnete und 9 Quadrupolmagnete sind so stark beschädigt, dass sie ersetzt werden müssen; den Rest hofft man reparieren zu können. Diese Arbeiten werden sich bis in den Frühsommer hineinziehen; danach will man mit der Heliumabkühlphase beginnen, für die 6 Wochen angesetzt sind. Das fehlerhafte Bauteil, welches zu der ganzen Panne führte, ist leider beim Unfall verdampft. Die Evidenz ist damit vernichtet.
Unumgänglich ist die sicherheitstechnische Nachrüstung des LHC. Ein spezielles Sensorsystem soll nun die elektrischen Widerstände zwischen den Magneten überwachen. Dafür sind allein 2.000 zusätzliche Schaltschränke und 160 Kilometer Kabel erforderlich. Des weiteren soll die Zahl der Sicherheitsventile erhöht werden, um bei ähnlichen Störfällen den Druck des verdampfenden Heliums schneller abbauen zu können. Am Ende dieser Massnahmen wird der gesamte Querschnitt der Ventile um den Faktor 40 höher sein als bislang.
Diese Massnahmen kosten viel Zeit und Geld. Niemand spricht mehr von der Wiederinbetriebnahme im Frühjahr diesen Jahres; stattdessen wird der Betrieb bei voller Energie frühestens im Jahr 2010 aufgenommen werden können. Auch die Mehrkosten wird man nicht aus den Einsparungen künftiger Budgetjahre - also quasi zum "Nulltarif" - schultern können. Sie werden derzeit (vorsichtig) auf mindestens 26 Millionen Euro abgeschätzt. Im übrigen ist CERN schon jetzt nicht unwesentlich "verschuldet". Für Mehraufwendungen unter dem früheren Generaldirektorat hat man Kredite aufgenommen, welche in den Jahren 2010 und 2011 aus dem Normalbudget zurückgezahlt werden sollten. Davon ist jetzt keine Rede mehr. Auch die F&E-Arbeiten für LHC-Upgrade, um die Luminosität des Beschleunigers zu erhöhen, hängen finanziell in der Luft.
Zur Jahreswende erfolgte bei CERN ein Chefwechsel. Der Deutsche Rolf-Dieter Heuer löste seinen Vorgänger, den Franzosen Robert Aymar als Generaldirektor ab. Schon kurz darauf musste Heuer bei der Wissenschaftskommission des Schweizer Nationalrats (vergleichbar dem Deutschen Bundestag) Rede und Antwort stehen. Er überraschte mit der Nachricht, dass er den LHC von auswärtigen Experten überprüfen lassen wolle. Das ist sicherlich eine richtige Entscheidung und hätte bei einer Anlage, die drei Milliarden Euro kostet - vergleichbar mit einem grossen Kernkraftwerk - schon viel früher erfolgen müssen. Immerhin ist diese Maschine, schon wegen ihrer schieren Grösse, in der Lage sich selbst zu zerstören - sei es, dass der Protonenstrahl vom Kurs abkommt oder die Kühlung des superflüssigen Heliums versagt. Bei voller Energie besitzt der Strahl ungefähr soviel Energie wie ein Auto bei 1.600 Stundenkilometer. Die in den Ablenkmagneten gespeicherte Energie wäre ausreichend, um 50 Tonnen Kupfer zu schmelzen.
Im Grunde besteht das Unternehmen CERN aus zwei Teilen: aus dem eigentlichen Beschleuniger LHC samt Vorbeschleuniger und Quelle sowie aus vier riesigen Detektoren, von denen jeder so gross ist wie ein Mehrfamilienhaus. Diese Detektoren - mit den schönen Namen ALICE, ATLAS, CMS und LHCb - können erst wirklich getestet werden, wenn der Protonenstrahl störungsfrei seine Runden dreht. Auch organisatorisch sind diese beiden Teilprojekte weitgehend getrennt. Professor Heuer ist nur für den Kreisbeschleuniger samt Infrastruktur zuständig; die Detektoren werden gebaut und betrieben von der sog. "Kollaboration". Darunter versteht man die ca. 2.700 Personen, welche verschiedenen Hochschulen und Forschungszentren weltweit angehören und die man im weitesten Sinne als "Experimentatoren" bezeichnen könnte.
Zur Struktur der Kollaborationen äusserte sich Heuer so: "Der Sprecher hat keine direkte Weisungsbefugnis auf Professor X vom Institut Y; das funktioniert alles nur durch gegenseitiges Verständnis und durch die gleiche Motivation." Die CERN-Mitarbeiterin Frau Knorr-Cetina ergänzt: "Wie in einem Bienenstaat, so ist auch hier der Einzelne nichts; vollbringen können sie ihr grosses Werk nur im Kollektiv."
Ich bin da skeptisch. Schwarmintelligenz mag bei Fischen und Bienen funktionieren, im Anlagenbau ist diese Organisationsform noch nicht erprobt. Veröffentlicht wird trotzdem bereits im Kollektiv. Auf der Autorenliste der CERN-Publikationen stehen alle 2.700 Namen - fein säuberlich aufgelistet nach dem Alphabet. Sollte das Stockholmer Kommittee demnächst diesem Kollektiv (statt, wie bisher, Einzelpersonen) einen Nobelpreis verteilen, so könnte sich jeder Forscher an rund tausend Euro erfreuen.
Den insgesamt rund zehntausend "Cernianern" ist der Störfall gewaltig auf die Stimmung geschlagen. Im Besonderen gilt dies für die Nutzer, die Experimentatoren. Eine ganze Reihe von Doktoranden wollten ihre Dissertation mit Daten aus dem LHC- Betrieb abschliessen, die sie nun nicht mehr oder nur mit grosser Verzögerung bekommen können. Bei einer Veranstaltung der Physikprofessoren der Karlsruher Universität im städtischen Rathaus war dies deutlich zu vernehmen. Am Managementstil des verflossenen Generaldirektors Robert Aymar wurde ganz unverblümt Kritik geübt.
Es sind eine Reihe von Dingen, die man Aymar anlastet und die auch offen in Schweizer Zeitungen (wie dem "Sonntag") zu lesen sind. So habe er einen autoritären Führungsstil gepflegt und die Mitarbeiter nicht in seine Überlegungen und Entscheidungen eingebunden. An der Kommunikation habe es vorallem gefehlt; die Cernianer hätten sie betreffende Neuigkeiten häufig erst aus den Zeitungen erfahren. ( Das soll gelegentlich auch in deutschen Forschungszentren vorkommen.)
Im technischen Bereich wirft man Aymar vor, dass er die Qualitätskontrollen sträflich vernachlässigt und zudem die Mannschaft unter hohen Zeitdruck gestellt habe. Die Presse mutmasst, er habe sich mit der Einweihung des LHC noch während seiner Amtszeit ein "pompöses Denkmal" setzen wollen.
Nun so ist es eben im Leben, wenn der General keine Fortüne hat:
jeder schlägt auf ihn ein.
Einer, indes, tut das wohl nicht:
Sarkozy wird Aymar nicht zum Ritter der Ehrenlegion schlagen.
Bei dem Unfall am 19. September letzten Jahres war die Zerstörungskraft des schnell verdampfenden Heliums so gross, dass tonnenschwere Magnete gegeneinander versetzt und die Verbindungen schwer beschädigt wurden. Derzeit demontiert man 53 dieser Magnete und bringt sie ans Tageslicht empor. 30 Dipolmagnete und 9 Quadrupolmagnete sind so stark beschädigt, dass sie ersetzt werden müssen; den Rest hofft man reparieren zu können. Diese Arbeiten werden sich bis in den Frühsommer hineinziehen; danach will man mit der Heliumabkühlphase beginnen, für die 6 Wochen angesetzt sind. Das fehlerhafte Bauteil, welches zu der ganzen Panne führte, ist leider beim Unfall verdampft. Die Evidenz ist damit vernichtet.
Unumgänglich ist die sicherheitstechnische Nachrüstung des LHC. Ein spezielles Sensorsystem soll nun die elektrischen Widerstände zwischen den Magneten überwachen. Dafür sind allein 2.000 zusätzliche Schaltschränke und 160 Kilometer Kabel erforderlich. Des weiteren soll die Zahl der Sicherheitsventile erhöht werden, um bei ähnlichen Störfällen den Druck des verdampfenden Heliums schneller abbauen zu können. Am Ende dieser Massnahmen wird der gesamte Querschnitt der Ventile um den Faktor 40 höher sein als bislang.
Diese Massnahmen kosten viel Zeit und Geld. Niemand spricht mehr von der Wiederinbetriebnahme im Frühjahr diesen Jahres; stattdessen wird der Betrieb bei voller Energie frühestens im Jahr 2010 aufgenommen werden können. Auch die Mehrkosten wird man nicht aus den Einsparungen künftiger Budgetjahre - also quasi zum "Nulltarif" - schultern können. Sie werden derzeit (vorsichtig) auf mindestens 26 Millionen Euro abgeschätzt. Im übrigen ist CERN schon jetzt nicht unwesentlich "verschuldet". Für Mehraufwendungen unter dem früheren Generaldirektorat hat man Kredite aufgenommen, welche in den Jahren 2010 und 2011 aus dem Normalbudget zurückgezahlt werden sollten. Davon ist jetzt keine Rede mehr. Auch die F&E-Arbeiten für LHC-Upgrade, um die Luminosität des Beschleunigers zu erhöhen, hängen finanziell in der Luft.
Zur Jahreswende erfolgte bei CERN ein Chefwechsel. Der Deutsche Rolf-Dieter Heuer löste seinen Vorgänger, den Franzosen Robert Aymar als Generaldirektor ab. Schon kurz darauf musste Heuer bei der Wissenschaftskommission des Schweizer Nationalrats (vergleichbar dem Deutschen Bundestag) Rede und Antwort stehen. Er überraschte mit der Nachricht, dass er den LHC von auswärtigen Experten überprüfen lassen wolle. Das ist sicherlich eine richtige Entscheidung und hätte bei einer Anlage, die drei Milliarden Euro kostet - vergleichbar mit einem grossen Kernkraftwerk - schon viel früher erfolgen müssen. Immerhin ist diese Maschine, schon wegen ihrer schieren Grösse, in der Lage sich selbst zu zerstören - sei es, dass der Protonenstrahl vom Kurs abkommt oder die Kühlung des superflüssigen Heliums versagt. Bei voller Energie besitzt der Strahl ungefähr soviel Energie wie ein Auto bei 1.600 Stundenkilometer. Die in den Ablenkmagneten gespeicherte Energie wäre ausreichend, um 50 Tonnen Kupfer zu schmelzen.
Im Grunde besteht das Unternehmen CERN aus zwei Teilen: aus dem eigentlichen Beschleuniger LHC samt Vorbeschleuniger und Quelle sowie aus vier riesigen Detektoren, von denen jeder so gross ist wie ein Mehrfamilienhaus. Diese Detektoren - mit den schönen Namen ALICE, ATLAS, CMS und LHCb - können erst wirklich getestet werden, wenn der Protonenstrahl störungsfrei seine Runden dreht. Auch organisatorisch sind diese beiden Teilprojekte weitgehend getrennt. Professor Heuer ist nur für den Kreisbeschleuniger samt Infrastruktur zuständig; die Detektoren werden gebaut und betrieben von der sog. "Kollaboration". Darunter versteht man die ca. 2.700 Personen, welche verschiedenen Hochschulen und Forschungszentren weltweit angehören und die man im weitesten Sinne als "Experimentatoren" bezeichnen könnte.
Zur Struktur der Kollaborationen äusserte sich Heuer so: "Der Sprecher hat keine direkte Weisungsbefugnis auf Professor X vom Institut Y; das funktioniert alles nur durch gegenseitiges Verständnis und durch die gleiche Motivation." Die CERN-Mitarbeiterin Frau Knorr-Cetina ergänzt: "Wie in einem Bienenstaat, so ist auch hier der Einzelne nichts; vollbringen können sie ihr grosses Werk nur im Kollektiv."
Ich bin da skeptisch. Schwarmintelligenz mag bei Fischen und Bienen funktionieren, im Anlagenbau ist diese Organisationsform noch nicht erprobt. Veröffentlicht wird trotzdem bereits im Kollektiv. Auf der Autorenliste der CERN-Publikationen stehen alle 2.700 Namen - fein säuberlich aufgelistet nach dem Alphabet. Sollte das Stockholmer Kommittee demnächst diesem Kollektiv (statt, wie bisher, Einzelpersonen) einen Nobelpreis verteilen, so könnte sich jeder Forscher an rund tausend Euro erfreuen.
Den insgesamt rund zehntausend "Cernianern" ist der Störfall gewaltig auf die Stimmung geschlagen. Im Besonderen gilt dies für die Nutzer, die Experimentatoren. Eine ganze Reihe von Doktoranden wollten ihre Dissertation mit Daten aus dem LHC- Betrieb abschliessen, die sie nun nicht mehr oder nur mit grosser Verzögerung bekommen können. Bei einer Veranstaltung der Physikprofessoren der Karlsruher Universität im städtischen Rathaus war dies deutlich zu vernehmen. Am Managementstil des verflossenen Generaldirektors Robert Aymar wurde ganz unverblümt Kritik geübt.
Es sind eine Reihe von Dingen, die man Aymar anlastet und die auch offen in Schweizer Zeitungen (wie dem "Sonntag") zu lesen sind. So habe er einen autoritären Führungsstil gepflegt und die Mitarbeiter nicht in seine Überlegungen und Entscheidungen eingebunden. An der Kommunikation habe es vorallem gefehlt; die Cernianer hätten sie betreffende Neuigkeiten häufig erst aus den Zeitungen erfahren. ( Das soll gelegentlich auch in deutschen Forschungszentren vorkommen.)
Im technischen Bereich wirft man Aymar vor, dass er die Qualitätskontrollen sträflich vernachlässigt und zudem die Mannschaft unter hohen Zeitdruck gestellt habe. Die Presse mutmasst, er habe sich mit der Einweihung des LHC noch während seiner Amtszeit ein "pompöses Denkmal" setzen wollen.
Nun so ist es eben im Leben, wenn der General keine Fortüne hat:
jeder schlägt auf ihn ein.
Einer, indes, tut das wohl nicht:
Sarkozy wird Aymar nicht zum Ritter der Ehrenlegion schlagen.
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