Samstag, 26. Januar 2013

Atommüllexporte - legal bis illegal

Atommüll ist ein heisses Thema, noch heisser diskutiert wird der Export von Atommüll. So war es nicht verwunderlich, dass eine Richtlinie der EU-Kommission vom Juli 2011 in Deutschland hohe mediale Wellen schlug. Nach ihr sollte der Export von Atommüll in solche Länder erlaubt sein, die zum Zeitpunkt der Ausfuhr über ein Endlager mit hohem Sicherheitsstandard verfügen. Gedacht war dies als Hilfestellung für Staaten wie Litauen und Lettland, die zwar Kernkraftwerke betreiben, denen aber der Bau eines Endlagers in ihrem kleinen Landesgebiet nicht möglich ist.

Da EU-Richtlinien in nationale Gesetze umgesetzt werden müssen, hat die Bundesregierung vor kurzem angekündigt, das deutsche Atomgesetz entsprechend zu novellieren. Ein neuer, zusätzlicher Paragraf soll "die Verbringung radioaktiver Abfälle und abgebrannter Brennelemente zum Zwecke der Endlagerung" regeln. Gleichzeitig haben die Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihr Umweltminister Peter Altmaier betont, dass der "Grundsatz der Inlandentsorgung" weiterhin gelte. Die Endlagersuche soll nach der Landtagswahl in Niedersachsen wieder aufgenommen werden.


Ab nach Sibirien

Lässt man die Geschichte der deutschen Entsorgungskonzepte Revue passieren, so gab es mehrere Versuche, heimischen Atommüll in grosse Flächenstaaten, wie der ehemaligen Sowjetunion und der Volksrepublik China, zu exportieren. Den ersten offiziellen Versuch machte die Hanauer Nuklearfirma NUKEM im Jahr 1976. Damals fanden - mit Zustimmung der Bonner Beamten - direkte Gespräche mit dem sowjetischen Botschafter Valentin Falin statt, mit dem Ziel, Atommüll und abgebrannte Brennelemente von Deutschland nach Sibirien zu verbringen. Dieses Thema stand sogar auf der Tagesordnung eines nachfolgenden Treffens zwischen Bundeskanzler Helmut Schmidt und dem sowjetischen Präsidenten Leonid Breschnew. Die Exporte kamen dann aber doch nicht zustande, weil Kanzler Schmidt dadurch das Projekt der deutschen Wiederaufarbeitungsanlage gefährdet sah.



                                    

Luftbild der Firma NUKEM  (1983)

Ein ähnliches Vorhaben wurde 2001 erneut in Moskau besprochen mit der Folge, dass dass russische Parlament im März 2002 beschloss, den europäischen EVU entsprechende Entsorgungsangebote zu unterbreiten. Auf der Basis dieser und ähnlicher Abmachungen wollte der ehemalige Bundesumweltminister Norbert Roettgen im Jahr 2010 Brennelemente vom deutschen Zwischenlager Ahaus zur russischen Wiederaufarbeitungsanlage Majak (Ural) verschicken. Es handelte sich um 951 abgebrannte BE aus den Versuchsreaktoren des Forschungszentrums Dresden-Rossendorf. Nach massiven öffentlichen Protesten liess er dieses Vorhaben fallen. Dessenungeachtet hat die deutsche Firma Urenco bis 2009 abgereichertes Uran ins sibirische Argansk geschickt.


Ab in die Wüste Gobi

Zurück ins Jahr 1984. Die Situation hatte sich geändert. Die Regierung Kohl war nun am Ruder und es durfte über wirtschaftliche Alternativen zur kommerziellen Wiederaufarbeitung nachgedacht werden. Auch Geschäfte mit China waren nicht mehr tabu. So kam es zu einer Kooperation zwischen NUKEM und der Firma Alfred Hempel KG. Letztere war als Vertreterin der staaatlichen russischen Handelsgesellschaft "Techsnabexport" an dem Kauf von Urananreicherungsleistung für deutsche EVU in der UdSSR beteiligt. Hempel hatte auch gute Kontakte zu China und so entstand die Idee, bestrahlte Brennelemente aus Europa gegen Bezahlung nach China zu exportieren und dort in der Wüste Gobi zu lagern.

In der Folge kam es zur Gründung der "INTER-NUCLEAR Servicegesellschaft für internationale Ensorgung". Daran beteiligt waren Hempel mit 55 %, NUKEM mit 35 % und Transnuklear mit 10 %. Letztere wegen der damit verbundenen interkontinentalen Transporte. Die deutschen EVU zeigten an diesem Vorhaben grosses Interesse und auch die angesprochenen Ministerien sahen zunächst keine grundsätzlichen Bedenken. Als allerdings Einzelheiten der vertraulichen Verhandlungen an die Öffentlichkeit gerieten, formierte sich politischer Widerstand, welche das Projekt, zumindest in der Bundesrepublik, unmöglich machte.


Der Transnuklear-Skandal

Von den knapp einem Dutzend Geschäftsbereichen und Beteiligungsgesellschaften der NUKEM war die Transnuklear-Gruppe eine der rentabelsten. Die Transnuklear Hanau (TNH) konnte von 1980 bis 1986 ihren Umsatz von 20 auf 54 Millionen DM steigern und angemessene Gewinne erwirtschaften. TNH hatte sich auf den Transport radioaktiver Abfallstoffe sowie abgebrannter Brennelemente spezialisiert und erreichte mit diesem Geschäftsmodell fast eine monopolistische Stellung - bis ihr 1987 die atomrechtliche Genehmigung für die Nukleartransporte entzogen wurde.

Den Stein ins Rollen gebracht hatte ein neu eingestellter Geschäftsführer der TNH. Ihm fielen falsche und überhöhte Abrechnungen der Abteilung "Radioaktive Abfälle" im Wert von 5 bis 6 Mio DM auf. Die Betriebsprüfungen ergaben, dass damit rund 100 Mitarbeiter von deutschen Kernkraftwerken und Elektrizitätskonzernen bestochen worden waren, um lukrative Entsorgungsaufträge zu erhalten. Mit den Bestechungsgeldern wurden Fernseher, Autos, Bordellbesuche und anderes mehr finanziert.

Noch bedenklicher waren die "Geschäfte" mit dem belgischen Kernforschungszentrum CEN in Mol. TNH hatte im Auftrag deutscher Kernkraftwerke sowie der NUKEM radioaktive Abfälle zur Verbrennung und anschliessenden Verdichtung nach Mol verbracht und später diesen konditionierten Abfall wieder in Fässern an ihre Kunden zurückgeliefert. Bei der Überprüfung stellte sich jedoch heraus, das der rücktransportierte Abfall nicht genau dem angelieferten Material und den Begleitpapieren entsprach. Eine Inventur ergab, dass rund 2.000 Fässer falsch deklariert waren und Rückstände wie Kobalt und Plutonium enthielten, die gar nicht nach Mol angeliefert worden waren. Für die in Belgien nicht erbrachten Leistungen soll TNH gleichwohl Zahlungen in Millionenhöhe kassiert haben. Später kam noch der schreckliche Verdacht auf, dass atomwaffenfähiges Material nach Libyen und Pakistan geliefert worden sei. Das konnte aber nicht bewiesen werden.

Die Strafen und Folgen für diese Missetaten waren heftig. Der Geschäftsführer von TNH und sein zuständiger Chef von der Mutterfirma NUKEM wurden auf der Stelle entlassen und gerichtlich belangt. Ähnliches geschah mit einer Reihe hochstehender Manager. Die Anklage gegen diese leitenden Angestellten umfasste mehr als 1.200 Seiten. Den Vorwurf des Betrugs wegen der falschen Deklaration des Atommülls liess das Gericht fallen, weil sich die Kraftwerksbetreiber nicht betrogen fühlten. Vor Gericht machten sie deutlich, dass sie froh gewesen seien, "das Zeugs loszuwerden". Auch Todesopfer forderte der TNH-Skandal. Ein Sachbearbeiter des EVU Preussen-Elektra, der auf der Liste der Schmiergeldempfänger gestanden haben soll, warf sich vor einen Zug. Ein entlassener Prokurist der TNH nahm sich während der Untersuchungshaft das Leben.

Weitreichend waren die Konsequenzen für die Firmen Transnuklear und NUKEM, welche den Skandal ausgelöst hatten. Im Dezember 1987 entzog der Bundesumweltminister Klaus Töpfer der TNH die Genehmigung zum Transport radioaktiver Stoffe. Damit war die Firma am Ende, Transporte dieser Art wurden künftig über die Firma Schenker, einer Tochter der Deutschen Bundesbahn abgewickelt. Auch die NUKEM geriet zeitweilig in existenzielle Nöte. Der hessische Umweltminister Karlheinz Weimar verfügte im Juli 1987 die teilweise Stilllegung der Anlagen bis zur Abarbeitung einer "Mängelliste". In der Folge wechselten mehrmals die Gesellschafter der NUKEM. Die Anlagen (siehe Bild oben) wurden weitgehend stillgelegt und rückgebaut. Bis mitte 2006 war die "Rest-NUKEM" Teil der RWE Solutions im RWE Konzern, allerdings mit stark verändertem Aufgabenbereich. Nach dem Verkauf dieser Gruppe an den Finanzinvestor Advent International wurde der Name wieder in NUKEM umgewandelt.

Totgesagte leben länger.








 

Mittwoch, 23. Januar 2013

Schavan

Frau Schavan hat ihre Doktorarbeit vor 33 Jahren an der Uni Düsseldorf als 25-Jährige eingereicht.
Die Arbeit wurde mit der Note 2 (magna cum laude) bewertet. 
Hätte sie damals ihren Doktorvater erschlagen, weil er ihr nicht die Note 1 (summa cum laude) gegeben hat, so wäre sie heute nicht mehr zu belangen, weil das Delikt Totschlag nach 20 Jahren verjährt ist. (§78 Strafgesetzbuch).
Demgegenüber verjähren Delikte bei einer Doktorarbeit, und seien sie noch so klein, nie!
Erscheint mir absurd.
Ihnen auch?  

Freitag, 18. Januar 2013

Die Unersättlichen von Goldman Sachs

Goldman Sachs ist eine weltberühmte Investmentbank in New York, die vor knapp 150 Jahren von dem deutsch-jüdischen Auswanderer Marcus Goldman und seinem Schwiegersohn Samuel Sachs gegründet worden ist, welcher sich gerne als  der "Erfinder der Aktie" bezeichnete. Inzwischen beschäftigt GS über 30.000 Mitarbeiter, macht 28 Milliarden Dollar Jahresumsatz und fast 5 Milliarden Gewinn nach Steuern. Ihr derzeitiger Chef ist Lloyd Blankfein, der sich in einem Interview zu der Feststellung hinreissen liess: "Wir verrichten das Werk Gottes". Sein Repräsentant in Deutschland heisst Alexander Dibelius, ist von Berufs wegen eigentlich Arzt und Chirurg und angeblich der Berater von Angela Merkel in Finanzfragen. Viele international bekannte Banker haben ranghohe Positionen bei GS bekleidet, ich nenne nur Mario Draghi, den Chef der Europäischen Zentralbank in Frankfurt sowie Hank Paulsen, den ehemaligen Finanzminister der USA. Mit GS kann sich nur eine ähnlich erfolgreiche Bank messen: die Deutsche Bank. Verantwortlich für deren Investmentbereich war viele Jahre der Inder Anshu Jain. Heute, nach dem Abgang von Josef Ackermann, ist er Co-Chef der Deutschen Bank.




Das Enthüllungsbuch (Preis 20 Euro)
 

Diskretion und Verschwiegenheit nach aussen war stets das Leitmotiv von Goldman Sachs. Nun hat ein Mitarbeiter es gewagt, die Omertà, diese Schweigepflicht, zu durchbrechen und ein Buch über das Innenleben dieser berühmten Bank zu veröffentlichen. Und das auch noch unter dem abwertenden Titel: "Die Unersättlichen - ein Goldman Sachs Banker rechnet an". Auf 366 Seiten bringt der Autor Greg Smith viele Anekdoten , die Aussenstehenden einen Eindruck von der kalten, aber höchst effizienten Geldfabrik vermitteln.


Hierachien und Finanzprodukte

Greg Smith ist Südafrikaner und jüdischen Glaubens, was bei Goldman Sachs nicht von Nachteil ist. Er war Stipendiat bei der bekannten US-Universität Stanford und schloss dort ein Studium in Wirtschaftswissenschaften mit sehr guten Noten ab. Bei seiner Bewerbung für GS war er umgeben von einer Vielzahl von "Überfliegern", die ihre High School bereits mit 15 Jahren abgeschlossen und das nachfolgende Hochschulexamen mit Auszeichnung bestanden hatten. Manche waren darüberhinaus Olympiaschwimmer oder spielten Schach auf Meisterniveau. Dennoch konnten sie bereits im ersten Jahr nach ihrer Einstellung ohne Frist vor die Tür gesetzt werden, wenn die Firma ihrem Urteilsvermögen in der Praxis nicht mehr vertraute.

Smith überstand die Eingangsprüfungen mit Bravour und wurde als Verkäufer für Wertpapiere rekrutiert. Sein Platz war im Grossraumbüro des GS-Gebäudes in der Wall Street. Alle Einzelbüros und Besprechungszimmer auf dieser 39. Etage haben Glaswände, jeder kann jeden sehen; Transparenz ist also gesichert. Zuerst wurde Smith nur mit "Practice Clients" (Übungskunden)betraut. Die Firma verdient an ihnen nicht viel, hat aber auch wenig zu verlieren. Trotzdem: 85-Stunden-Wochen im bankerüblichen Dresscode waren eher die Regel als die Ausnahme.

Frisch von der Uni kommend und als Berufseinsteiger nahm Smith unter der Bezeichnung "Analyst" nun die unterste Stufe der Wall-Street-Hierarchie (mit 100.000 $ Jahresgehalt) ein. Ein "Mentor" war ihm zugewiesen, den er um Rat fragen konnte. Nach drei Jahren erklomm er die nächsthöhere Rangstufe und wurde "Associate" (200.000 $). Die darauffolgende Stufe war der "Vice-President", ein in deutsch markig klingender Titel, welcher bei GS aber schon nach sieben bis acht Jahren erreicht werden konnte - sofern man nicht vorher gefeuert wurde. Mit ihm ist ein Gehalt von ca. 500.000 Dollar verbunden; für Greg Smith war dies die Endstufe bei Goldman. Die zweithöchste Stufe ist der "Managing Director". Er verfügt in der Regel über ein Mitarbeiterteam und verdient schon über 1 Million pro Jahr. Ganz oben in der Firma sind die "Partner" angesiedelt. Hier - und eigentlich erst hier - wird klotzig Geld verdient, nämlich mehrere bis viele Millionen Dollar im Jahr.



                                   
                                      

Der Zocker Greg Smith (34)
 

Als "Sales-Trader" (Verkäufer) hatte Smith die Aufgabe mit den Kunden zu sprechen und die Verkaufsgeschäfte zu managen. Die Wertpapiere waren in der Regel Aktien, Anleihen, Währungen, Rohstoffe und Derivate. Darunter fielen auch Optionen, Swaps, Futures und strukturierte Finanzprodukte. Letzteres sind hochriskante vorgefertigte Anlagestrategien, welche die Bank dem Kunden anbietet und die nur schwer zu durchschauen sind. Der gewöhnliche Bankkunde sollte davon besser die Finger lassen.

Dem Trader zur Seite gestellt - aber ihm keineswegs unterstellt - ist der "Quant". Er entwickelt die komplexen Derivate und strukturierten Produkte, analysiert ihr Risiko, fügt unauffällig die satten GS-Gebühren ein und nennt dem Trader schliesslich den Preis, zu dem er diese Wertpapiere (oder sollte man sie nicht eher "Wundertüten" nennen?) an den häufig nichtsahnenden Käufer losschlagen soll. Viele Quants haben einen Doktortitel in Fächern wie Physik, Mathematik oder Elektrotechnik und verlassen ihre Fachgebiete, weil sie an der Wall-Sreet bereits in jungen Jahren Millionen-Boni einstreichen können. Manche Quants machen sich mit den eigenen Rechenmodellen auch selbstständig und gründen rentable Hedgefonds.


Von Kunden-Betreuung zur Kunden-Abzocke

Greg Smith war in einer sehr turbulenten Zeitspanne bei Goldman Sachs. Er erlebte als Trader das Platzen der Internetblase im Jahr 2000, den anschliessenden Niedergang der Börsenkurse aber auch ihre Erholung bis zum Jahr 2005, die Boomzeiten auf dem amerikanischen Immobilienmarkt und die darauffolgende subprime-Krise bis zur europäischen Staatsschulden- und Anleihemalaise. Zeiten mit stark schwankenden Bösrenkursen sind gute Zeiten für Banker, mit der Volatilität lässt sich viel Geld verdienen.

In den ersten Jahren seiner beruflichen Karriere fühlte sich Smith noch dem Wohl seiner Kunden verpflichtet. Sie wurden gemäss der Firmentradition nach bestem Wissen und Gewissen betreut. Die Bank beriet sie neutral, verkaufte ihnen die rentabelsten Papiere und riet von jenen ab, die zu riskant oder zu gebührenbehaftet waren. Diese altruistische Firmenphilosophie kippte um das Jahr 2005. Bei GS wurde, ohne öffentliche Ankündigung, der sogenannte "Eigenhandel" eingeführt. Die Bank spekulierte nun zunehmend auf eigene Rechnung, die Kunden, welche man intern schon mal als "Muppets" (Trottel) bezeichnete, wurden immer mehr als "Gegenpartei" angesehen, anstatt als Schützlinge. Ihnen wurden Produkte verkauft, die eigentlich ungeeignet für sie waren - nur weil die Bank daran am meisten verdiente. Es kam sogar vor, dass der Trader seinem Kunden ein hochriskantes Wertpapier überteuert andrehte und im gleichen Moment - mit eigenem Geld - dagegen wettete und somit doppelt Kasse machte.

Im Jahr 2007 leistete sich GS ein ganz unverfrorenes Ding. Auf dem Höhepunkt der amerikanischen Immobilienblase konstruierte GS für den Hedgefonds Paulson ein Finanzprodukt mit dem schönen Namen "Abacus 2007-AC1". In diesen Fonds legte man die allerschlechtesten Hypothekenkredite mit deren Ausfall man ziemlich sicher rechnen konnte. Sie wurden den amerikanischen Pensionsfonds als günstiges Investment angedreht sowie europäischen Banken, die darin ein gutes Geschäft witterten, weil sie das inhärente Risiko nicht erkennen konnten. (Auch die deutsche Bank IKB war mit 150 Millionen dabei). Um ihren Gewinn zu maximieren, wetteten GS und Paulson gleichzeitig auf das Platzen dieses Fonds, wodurch sie doppelt Geld verdienten. Glücklicherweise kam ihnen die US-Börsenaufsicht SEC auf die Spur und der feine Vorstandsvorsitzende Blankfein sah sich gezwungen freiwillig - ohne Anerkenntnis einer Schuld - 550 Millionen Dollar zu bezahlen. Bei dem dicken Gewinn von GS war dies nicht viel mehr als ein Strafzettel fürs Falschparken.

Andere Abteilungen bei Goldman Sachs entwickelten anfangs der nuller Jahre komplexe Derivate um europäischen Regierungen in Griechenland und Italien zu helfen, ihre Schulden zu verstecken und ihre Haushalte gesünder aussehen zu lassen, als sie wirklich waren. Griechenland konnte sich dadurch den Eintritt in den Euroverbund verschaffen mit Auswirkungen, die bekannt sind. Diese Deals generierten für GS und die beteiligten Banken Hunderte von Millionen Dollar an Gebühren, aber letzten Endes halfen sie diesen Ländern nur, ihre Haushaltsprobleme vor sich herzuschieben aber nicht wirklich zu lösen. Tricksereien dieser Art waren nicht nur auf Staaten beschränkt. Auch Städte und Gemeinden in der ganzen Welt waren davon betroffen. In den strukturierten Derivaten (wie Swaps), die unkundigen Bürgermeistern aufgeschwatzt wurden, steckten grosse Potentiale für kurzfristige Gewinne - aber noch grössere für langfristige Verluste.


Kündigung via Zeitung

Das Ende kam, als Greg zur GS-Filiale nach London versetzt wurde. Die Arbeitsplätze in der City sind bei Goldman-Mitarbeitern nicht sehr begehrt: alles ist dort etwas zu klein und zu eng. (Noch schlimmer ist es nur in Hongkong und Tokyo). Die Bereitschaft zur Abzocke ist jedoch überall gleich. Alle Trader sind nur hinter der "goldenen Gans" her. Nämlich: einen möglichst reichen und möglichst unbedarften Kunden zu finden, dem man überteuerte und risikoreiche Finanzprodukte andrehen kann.

Im März 2012 war es so weit: Smith beschloss  GS zu verlassen. Sein Kündigungsschreiben umfasste 1.500 Worte, die er aber nicht der Post anvertraute, sondern die er der New York Times zustellte. Dort, auf der Meinungsseite dieser altehrwürdigen Zeitung kündigte er formell und begründete dies mit dem "Verfall der Unternehmenskultur bei GS". Unter der Schlagzeile "Warum ich Goldman Sachs verlasse" schrieb er: "Nennen Sie mich altmodisch, aber ich will meinen Kunden keine Produkte verkaufen, die für sie ungeeignet sind". Die Redaktion der NYT war über diesen Brief so überrascht, dass sie Smith erst mal (incognito) einen Besuch im Händlersaal abstattete, um die Authentizität des Schreibers zu überprüfen. Einen Tag vor der Veröffentlichung räumte Smith seinen Schreibtisch in der Londoner Niederlassung, flog zurück in seine New Yorker Wohnung und begann mit dem Schreiben seines Buches. Vom Verlag erhielt er dafür als Vorschuss 1.500 000 Dollar.

Seine berufliche Karriere bei Goldman Sachs ist damit sicherlich zu Ende. Aber die Hedgefonds könnten an Greg Smith durchaus interessiert sein.







Donnerstag, 27. Dezember 2012

Posts 2012


Hi friends,

für das anbrechende Jahr 2013 wünsche ich euch alles Gute, insbesondere Gesundheit und Zufriedenheit.
Nachfolgend die Liste der Themen welche mich im laufenden Jahr zu Posts angeregt haben.
Anklicken genügt.

Mit besten Grüssen
Euer Willy Marth, Blogger zu Karlsruhe



Sonntag, 9. Dezember 2012

Die lange (und teuere) Geschichte der Karlsruher Wiederaufarbeitungsanlage WAK

Vor rd. 50 Jahren, zu Anfang der sechziger Jahre, wurden in der Bundesrepublik Deutschland die ersten Atomreaktoren und Kernkraftwerke von den Reaktorbaufirmen AEG, Siemens und Interatom errichtet. Beispielhaft genannt seien Projekte wie das Versuchsatomkraftwerk Kahl VAK, der Mehrzweckforschungsreaktor MZFR und das Nuklearschiff Otto Hahn. Die Etablierung des Brennstoffkreislaufs hatte sich die chemische Industrie vorbehalten. Darin spielten zwei Firmen die bestimmende Rolle: die Farbwerke Hoechst und die Degussa. Die Verarbeitung des Urankonzentrats bis zum Brennelement lag in den Händen von Degussa, wofür sie am Stadtrand von Hanau umfangreiche Anlagen errichteten. Die Wiederaufarbeitung der bestrahlten Brennelemente dirigierten die Farbwerke Hoechst bei Frankfurt unter ihrem charismatischen Vorstandsvorsitzenden Professor Dr. Karl Winnacker.


Die Errichtung und der Betrieb der WAK

Kennzeichnend für den grossen Einfluss der Farbwerke Hoechst war das oftmals zu hörende Bonmot, nukleare Entscheidungen würden auf "Hoechster Ebene" getroffen. Dafür zuständig war das "Hoechster Dreieck", bestehend aus den Professoren Winnacker, Wengler und Küchler. Als es zur Festlegung des verfahrenstechnischen Konzepts für die Wiederaufarbeitung kam, favorisierten einige Chemiker im damaligen Kernforschungszentrum Karlsruhe die neuartigen Halogenid- bzw. pyrometallurgischen Methoden. Aber Winnacker und seinen Mannen war das zu riskant. Er drückte das wohlbekannte wässerige PUREX-Verfahren durch, welches bereits bei vergleichbaren Anlagen in den USA, England und Frankreich angewandt worden war. So wurde die WiederaufarbeitungsAnlage Karlsruhe - genannt WAK - insgeheim als "Winnackers Alte Klamotte" ironisiert, was diesen jedoch nicht anfocht.

Ohne weitere staatliche Einflussnahmen des noch jungen Bonner Atomministeriums liess Winnacker durch die Chemieverfahrensfirmen Leybold, Lurgi und Uhde einen ausschreibungsreifen Entwurf für die WAK erstellen, der im Sommer 1964 vorlag. Die Errichtungskosten, einschliesslich der Bauherrenleistungen, wurden zu 60 Millionen D-Mark abgeschätzt, für die Errichtungszeit veranschlagte man 4 Jahre. Nach einer Genehmigungsprozedur von 17 Monaten - was damals noch als exzessiv angesehen wurde - konnten die Bauarbeiten Anfang 1967 beginnen. Gut vier Jahre später, im August 1971, war die WAK fertiggestellt. Die avisierten Baukosten waren eingehalten worden.

Bei der Begleichung der Errichtungskosten zeigte sich Winnacker von seiner generösen Seite. Er überliess der Bundesregierung den Vortritt bei der Bezahlung der Rechnungen; von Hoechst kam kein Beitrag zur Kostendeckung. Darüberhinaus konnte die chemische Industrie sogar erreichen, dass die von ihr für den Betrieb gegründete Betreibergesellschaft GWK (zum allergrössten Teil) aus Staatsmitteln finanziert wurde. Das Bundesatomministerium bediente sich dabei der Trägergesellschaft GfK-Versuchsanlagen.

Die technische Kapazität der WAK entsprach 175 Kilogramm Uran pro Tag, wobei man mit 200 Betriebstagen pro Jahr rechnete. Bis zu ihrer endgültigen Abschaltung im Jahr 1990 wurden an der WAK 207 Tonnen Uranbrennstoff aufgearbeitet. Damit war der angepeilte Jahresdurchsatz von 35 Tonnen doch beträchtlich unterschritten, wenn man die 23 Betriebsjahre zugrunde legt. Zu einem gravierenden Störfall kam es Anfang der achziger Jahre, als die Auflöserkomponente undicht wurde und eine heftige Kontamination der Eingangszelle verursachte. Die WAK lag einige Jahre still, da ein Reserveauflöser nicht unmittelbar zur Verfügung stand. Bundeskanzler Helmut Schmidt war darüber sehr verärgert und konnte sich bei einem Besuch des Kernforschungszentrums nicht enthalten, diesen Mangel gegenüber der GWK-Leitung zu rügen. Der Störfall bei der WAK hatte den Gegnern der in der Planung befindlichen Grossanlage Wackersdorf viel publizistische Munition geliefert.

Das technische Konzept der WAK hatte leider eine folgenreiche Schwachstelle: es gab keine Anlage zur Verfestigung der hochradioaktiven, salpetersauren Abfalllösung. Zwar wurden einige Anläufe gemacht (Vera,Hova) den sogenannten HAWC (=High Active Waste Concentrate) in den soliden Zustand zu überführen, aber sie waren nicht erfolgreich. Schliesslich errichtete man neben dem Prozessgebäude die Lagereinrichtung LAVA. Sie bestand aus zwei Lagertanks zu je 63 Kubikmetern Fassungsvermögen; der eingepumpte HAWC musste darin permanent gekühlt werden. Im Zuge der gestiegenen Genehmigungsanforderungen kosteten diese Tanks satte 100 Millionen DM. Auch dafür bezahlte die Industrie keinen Pfennig.

In den folgenden Jahren fand bei der GWK ein Gesellschafterwechsel statt. Die Chemiefirmen zogen sich zurück und überliessen das Feld den grossen Energieversorgungsunternehmen, die sich unter der Bezeichnung DWK formierten. Die einst so mächtigen Farbwerke Hoechst (jahrelang die grösste Pharmafirma der Welt)  fanden ein schmähliches Ende. Um den Schikanen des hessischen Umweltministers Joschka Fischer zu entgehen, verbündeten sie sich mit der Strassburger Firma Aventis um bald darauf in dem französischen Chemiekonzern Sanofi aufzugehen. Der Name Hoechst ist seit den neunziger Jahren nur noch Geschichte.

Auch dem Wiederaufarbeitungskonzern DWK blieb der ganz grosse Durchbruch verwehrt. Als der VEBA-Chef Rudolf v. Bennigsen Foerder im Frühjahr 1989 das Grossprojekt Wackersdorf kippte, war auch das Ende für die kleine WAK gekommen. Nach der letzten Auflösungskampagne wurde am 18. Dezember 1990 der Betrieb eingestellt und der Rückbau der Anlage beschlossen.


Der Rückbau der WAK

Gleich zu Beginn des Jahres 1991 machte sich eine Expertenkommission daran, die voraussichtlichen Kosten des WAK-Rückbaus abzuschätzen. Sie kam auf die gigantische Geldsumme von 2.000 Millionen DM. In 10 bis 15 Jahren sollte der Abriss vollzogen sein. Die hohen Schätzkosten resultierten im wesentlichen aus drei Ursachen heraus: Die Komponenten und Bunker der WAK waren hochgradig mit plutoniumhaltigen Nukliden kontaminiert, die Verfestigung der Abfalllösung (im Volksmund "Atomsuppe" genannt) war extrem kostenaufwendig und die rd. 500 Beschäftigte der WAK-Betriebsgesellschaft - welche zukünftig für den Rückbau eingesetzt werden sollten - stellten eine beträchtliche Kostenposition dar.

Zur Finanzierung des Rückbaus verwies das Kernforschungszentrum (im Auftrag des Bonner bzw. Berliner Forschungsministeriums) auf die Industrie, weil sie der alleinige Nutzer der WAK war und damit grossen technologischen Know-how für sich und ihre Gesellschafter generieren konnte. Umgekehrt betrachtete die DWK die Finanzierung des Abrisses als alleinige Aufgabe des Eigentümers, also des Zentrums. Schliesslich einigte man sich darauf, die zwei Milliarden je hälftig zu stemmen. Der DWK gelang es allerdings im Rückbauvertrag eine Klausel unterzubringen, wonach ihre Milliarde eine absolute Obergrenze darstellt; etwa anfallende Mehrkosten verblieben damit beim Bund bzw. dem deutschen Steuerzahler. (Später erklärte sich die Industrie - nach heftigen Pressionen - bereit, bei der Entsorgung des radioaktiven Abfalls noch einen weiteren kleinen Obulus zu bezahlen).

Wer gehofft hatte, nach diesem Vertragsgeplänkel würde unverzüglich mit dem Abriss der Anlage begonnen werden, der hatte sich geirrt. Die Stuttgarter Genehmigungsbehörden verlangten zuerst die sogenannte "Deregulierung" der WAK. Hinter diesem Bürokratenwort verbirgt sich die Aufhebung aller vorausgehenden Regulierungen, also der überflüssig gewordenen Genehmigungen und Auflagen. Über, sage und schreibe, fünf Jahre hinweg wurden die 1.400 Auflagen und alle Betriebsgenehmigungen mit Nachträgen und Anordnungen peinlichst genau evaluiert und bewertet. Parallel dazu lief das Unternehmen "Gesamtdokumentation" der WAK nach aktuellen atomrechtlichen Vorgaben. Es dauerte bis zum Jahr 1996, als schliesslich mit dem eigentlichen Rückbau begonnen werden konnte.

Vordringlich war die Verfestigung der rd. 80 Kubikmeter plutoniumhaltigen Abfalllösung, welche in den LAVA-Tanks lagerten. Die sollte bei der belgischen Verglasungsanlage "Pamela" geschehen, wozu mehr als 25 Transporte in einem Spezialbehälter quer durch Deutschland notwendig gewesen wären. Vor dem Hintergrund der allseits heftigen Castortransporte war bald klar, dass dieser Entsorgungsweg nicht gangbar war. Man beschloss deshalb am Standort der WAK eine eigene Verglasungsanlage zu bauen, die VEK genannt wurde. Überraschenderweise legten sich zwei einflussreiche baden-württembergische Landesminister quer und verweigerten dafür die atomrechtliche Genehmigung. Der Wirtschaftsminister Spöri und der Umweltminister Schäfer (beide der SPD angehörend) wollten keine weitere nukleare Anlage im Ländle genehmigen. Nach einigen Jahren des Hickhacks löste sich die politische Situation dadurch, dass eine schwarz-gelbe Regierung ans Ruder kam, welche dem Vorhaben der heimischen Verglasung keine weiteren Steine mehr in den Weg legte. Im Jahr 2009 wurde die VEK fertiggestellt und bereits ein Jahr später war die berüchtigte Atomsuppe in 140 Glaskokillen umgewandelt, welche seitdem in 5 Spezialcastorbehälter in Lubmin (Mecklenburg-Vorpommern) lagern.

Zur Kategorie "besondere Vorkommnisse mit Folgen" gehört der sogenannte "Plutoniumdiebstahl" im Jahr 2001. Einem Arbeiter in der WAK war es gelungen, radioaktives Material, leicht kontaminiert mit Plutonium, vorbei an den Sicherheitsschleusen aus den Zellen heraus zu schmuggeln und nach Hause mitzunehmen. Er wurde gefasst und zu viereinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Der Richter am Karlsruher Landgericht hielt es für möglich, dass der Angeklagte damit seine ehemalige Lebensgefährtin vergiften wollte. Die Folgen dieses Vorfalls waren immens: die Sicherheitskontrollen und Zugangsbarrieren wurden per Auflage enorm verschärft, der Rückbau der WAK war de facto für einige Jahre unterbrochen.

Im Zuge der Fusion des Kernforschungszentrums mit der Universität Karlsruhe zum Karlsruher Institut für Technologie (KIT), kam es im Jahr 2006 auch zu einer Umorganisation des WAK-Projekts. Das ehemalige Kernforschungszentrum gab seine nuklearen Rückbauunternehmungen an die Energiewerke Nord (EWN) und die WAK GmbH ab, welche seitdem auch die Abfallkonditionierung und die Läger betreiben. Im Zuge einer Projektevaluierung konnte man in den Zeitungen lesen, dass die gesamten Schätzkosten für den Abriss der WAK nunmehr auf 2.500 Millionen Euro angestiegen waren. Als Endtermin für den Rückbau bis zur Grünen Wiese wurde das Jahr 2023 angegeben. Die wesentlichen Gewerke, welche noch zum Abriss anstehen, sind die (stark kontaminierte) Verglasungsanlage samt dem umgebenden Containment, die Bunker des Prozessgebäudes sowie eine Reihe von Infrastruktureinrichtungen.

Seit etwa einem Jahr ist bekannt, dass das derzeitige Zwischenlager nicht ausreicht, um die noch zu erwartenden Abfallstoffe aus der WAK aufzunehmen. Es ist deshalb der Bau eines weiteren nuklearen Zwischenlagers für schwach- und mittelradioaktive Materialien nötig - sofern man nicht den Rückbau der WAK auf unbegrenzte Zeit unterbrechen will und die Anlage (versiegelt) stehen lassen möchte. Der Bau eines solchen  Zwischenlagers ist nur nach den derzeitigen strengen atomrechtlichen Bestimmungen gestattet; immerhin bewegen sich rd. 4.000 Forscher des KIT in nächster Umgebung. Ab dem Jahr 2020 soll der Abtransport der Fässer zur Endlagerstätte Konrad in Niedersachsen erfolgen. Er wird etwa 40 Jahre in Anspruch nehmen.


In blanken Zahlen

Abschliessend sollen einige der oben genannten Zahlen nochmals wiederholt und ins Verhältnis gesetzt werden. Damit wird klar, dass es sich beim Rückbau der WAK um ein riesiges - und generationenübergreifendes - Projekt handelt, das in dieser Weise in der nichtnuklearen Technikwelt nicht vorkommt. Inwieweit zu den exzessiven Kosten und Terminverzögerungen auch suboptimale Projektführung oder überzogene Genehmigungsanforderungen beigetragen haben, kann von aussen kaum beurteilt werden.

Betrachten wir als erstes die Kosten. Die Errichtungskosten für die WAK betrugen 60 Millionen DM bzw. (nominell) 30 Millionen Euro. Die Rückbaukosten wurden vor einigen Jahren mit 2.500 Millionen Euro veranschlagt. Dass sie, vorallem wegen des neuen Zwischenlagers noch weiter ansteigen werden, ist fast sicher. Aber auch bei gegenwärtiger Kostenlage zeigt das Verhältnis beider Kostenwerte, dass die Abrisskosten der WAK um den Faktor 83 höher liegen als die Errichtungskosten.

Ähnlich ist die Situation bei den Terminen. Für die Errichtung benötigte man 4 Jahre, der Rückbau wird nach frühestens 32 Jahre (2023 - 1991 = 32) beendet sein. Der Abriss der Anlage erfordert also mindestens 8 mal mehr Zeit als sein Aufbau.

Sollte das WAK-Gelände, wie prognosziert, im Jahr 2023 in eine Grüne Wiese konvertiert sein, dann ist das Gesamtprojekt aber noch nicht beendet. Der radioaktive Abfall, welcher sich in den verschiedenen Zwischenlägern befindet, muss noch im niedersächsischen Endlager Konrad verstaut werden. Das kann frühestens ab 2020 beginnen und soll 40 Jahre, also bis zum Jahr 2060 dauern. Vor dem Hintergrund der Endlosdiskussionen um Gorleben und Asse II darf man aber an dem relativ optimistischen Termin für die Bereitstellung von Konrad durchaus zweifeln. Trotzdem: legen wir die derzeitigen offiziellen Projekttermine zugrunde, was bedeutet das für die 500-köpfige Rückbaumannschaft der WAK?

Es bedeutet folgendes: Kein Mitarbeiter und keine Mitarbeiterin in der gegenwärtigen Rückbaumannschaft wird das wirkliche Ende des Projekts WAK noch während der ca. 45-jährigen Berufszeit erleben.

Weder der Aufsichtsratsvorsitzende noch der jüngste Azubi!
























Sonntag, 2. Dezember 2012

Abitur für Cyber-Krieger

Im Nahen Osten sprechen wieder die Waffen. Die Israelis fühlen sich durch die (relativ kruden) Raketen der arabischen Nachbarn bedroht und lassen ihre Soldaten am Boden, in der Luft - und im "Cyber-Space" - dagegenhalten. Dabei ist der Cyber-Space jener virtuelle Raum, der durch die Vernetzung der Computer rund um die Erde entsteht. Im Zeitalter der Cybernetik finden Auseinandersetzungen auch im cybernetischen Raum - sprich Datenraum - statt. Auch die Strategen im Pentagon, in der NATO  (und in der Bundeswehr!) sehen das Internet als Medium an, für das sie ihre Viren, Trojaner und sonstige Schadprogramme entwickeln. Der Cyberkrieg hat bereits begonnen.


Die Schule der Hacker

Die Israelis machen kein Hehl daraus, das sie den Cyberraum für militärische Zwecke maximal nutzen wollen. In der Zeitung "Haaretz" wird ganz offen darüber berichtet, dass die militärische Führung "Cyber-Verteidiger" ausbildet und sie in die traditionellen Funkereinheiten integriert. Aber es scheint nicht leicht zu sein, dafür Experten zu finden. Die sogenannten "Nerds", die schon mit 12 Jahren fit im Programmieren sind und mit 17 bereits die Netztechnologien beherrschen, sind dünn gesät. Und nicht alle sind willens, sich in den Dienst der Armee zu stellen.

Mit Beginn des neuen Schuljahres bieten die Informationsexperten der israelischen Armee in sieben Gymnasien des Landes spezielle Cyber-Intensivkurse an. Beim Abitur kann eine eigene Prüfung im Fach "Cyber" abgelegt werden. Durch dieses "Abi für Hacker" versucht die Militärführung den einen oder anderen Computer-Freak die Militärlaufbahn als Cyber-Elitekampfsoldat schmackhaft zu machen. Daneben gibt es alljährliche Hackerwettbewerbe unter dem Titel "CodeGuru", bei denen Jugendliche ihre Kenntnisse in der Informationstechnik spielerische präsentieren können. Vor einigen Monaten ist es einem Cyber-Aktivisten gelungen, beim iranischen Staatsrundfunk eine Falschmeldung über den (angeblichen) Tod des Präsidenten Ahmadineschad bei einem Flugzeugabsturz einzuschleusen. Zwar erfolgte bald darauf ein offizielles iranisches Dementi, aber für eine kurzzeitige Verwirrung hat diese Meldung dennoch gesorgt.


Erfolge und Misserfolge durch Schadprogramme

Vieles in der Cyber-Kriegsführung vollzieht sich im Nebel der Geheimhaltung. Bekannt geworden sind sind jedoch die Auswirkungen der Spionagesoftwareprogramme "Stuxnet" und "Flame". Das Schadprogramm Stuxnet wurde schon im Jahr 2007 unter der Präsidentschaft von George W. Bush im Bundesstaat Iowa (unter Mitwirkung der Isrealis) entwickelt. Das Virus sollte die Uranzentrifugen den den iranischen Atomanlagen zerstören.

Die amerikanisch-isrealischen Computerexperten hatten eine Sicherheitslücke in der Steuerung dieser Zentrifugen ausgemacht. Sie konzipierten daraufhin die Angriffssoftware Stuxnet, welche sie (über das Internet) in die Steuereinheit des Maschinenleitstandes implantierten. Dadurch brachte sie es fertig, die Dieselgeneratoren über den zulässigen Umdrehungsgrenzwert hochzusteuern und die Zentrifugen durch die Fliehkräfte zur Explosion zu bringen. Als Folge wurden mehr als tausend Ultrazentrifugen - quasi fernbedient - zerstört, welche im Verdacht standen, Material für Atombomben zu produzieren.

Leider war dieser Erfolg mit einem Schönheitsfehler verkoppelt. Die Experten hatten nicht bedacht, dass es solche Industriesteuerungen in grosser Anzahl gab. Das Virus Stuxnet brach regelrecht aus und infizierte 70.000 dieser Steuerungen in aller Herren Länder - auch in den USA selbst. Der Schaden war riesig und das Programm war eine Zeitlang nicht mehr zu kontrollieren. Später entschlossen sich die Stuxnet-Entwickler ihre digitale Granate mit einem USB-Stick direkt auf die Rechner der Maschinenleitstände aufspielen zu lassen. Dafür musste allerdings ein lebender Spion in die iranischen Atomanlagen eingeschleust werden, was nicht trivial war.

Nach diesen eher durchwachsenen Erfahrungen mit Stuxnet entwickelten die Amerikaner das Spionageprogramm "Flame". Es liefert dem Angreifer sämtliche technische Details über das Zielsystem, worauf er mit hoher Präzision seine digitalen Angriffswaffen entwickeln kann. Statt unkontrollierter Ausbreitung sollen nur die ausgesuchten Industrieaggregate des Gegners manipuliert werden, also keinesfalls die eigenen oder die von befreundeten Staaten. "Kollateralschäden" zu verhindern, war das Entwicklungsziel. Das Flame-Virus wurde Ende Mai 2012 von den Iranern auf ihrem Ölterminal auf der Insel Khark entdeckt. Welche Schäden daraus erwachsen sind, ist nicht veröffentlicht.


Gefährdete Infrastrukturanlagen

Industrielle Infrastuktureinrichtungen, wie Wasserwerke oder Flugplätze, sind durch Cyber-Angriffe besonders gefährdet. In noch stärkerem Umfang gilt dies für Kernkraftwerke. Ein Virus, das die Notstromversorgung eines Atomkraftwerks lahm legt, könnte ähnliche Katastrophen wie in Fukushima heraufbeschwören. Eine Kernschmelze wäre nicht mehr auszuschliessen, wenn die Steuereinheiten der Dieselmotoren zerstört werden würden. Amerikanische Cyber-Taktiker sprechen in diesem Fall von einem "virusinduzierten Atomschlag". Das Pentagon arbeitet derzeit an einer Doktrin, nach der ein Cyber-Angriff auch mit konventionellen Waffen zurückgeschlagen werden darf. Der Sprecher des US-Verteidigungsministeriums drückte sich hierzu ganz pointiert aus:

"Wer die Stromnetze unseres Landes sabotiert,
muss mit Raketen im Schornstein rechnen."









Sonntag, 25. November 2012

A Star is born

Deutschlands Sportler haben bei der Sommerolympiade 2012 in London 19 Silbermedaillen gewonnen. Wenn mich jemand danach fragen würde, welche dieser Medaillen die wertvollste ist, dann wäre meine Antwort klar: es ist die Silbermedaille im Mehrkampf der Turner, welche Marcel Nguyen errungen hat.

Marcel wohnt seit 20 Jahren im bayerischen Unterhaching, sein Vater stammt aus Vietnam, wo der Name Nguyen etwa so verbreitet ist wie Müller, Meier, Schmidt in Deutschland. Nguyen wird wie "Nujen" ausgesprochen, man lässt also einfach das g weg. Der heute 24-jährige wurde schon als Vierjähriger an das Geräteturnen herangeführt. Im Schatten von Fabian Hambüchen und Philipp Boy arbeitete er sich Schritt für Schritt an diese grossen Vorbilder heran. Seit dem Abitur im Jahr 2007 trainiert er in Stuttgart bei dem ehemaligen russischen Weltklasseturner Walerie Belenki, der ihm dort die letzten Feinheiten der Turnkunst vermittelt.


Marcel Nguyen freut sich über seine Silbermedaile

Turnen: ein schwieriger Sport

Turnen ist vorallem deswegen ein schwieriger Sport, weil man gleich an sechs Geräten antreten muss, von denen jedes "sperrig" ist und die zudem untereinander total verschieden sind. Der klassische turnerische Wettkampf ist an folgenden Geräten zu absolvieren:  Boden - Seitpferd - Ringe - Sprung - Barren - Reck. Gefürchtet ist insbesondere das Seitpferd. Man kann sich an ihm zwar kaum verletzen, aber bei der geringsten Unachtsamkeit gerät man aus dem Schwung und macht dabei Fehler, die selbst jeder Laie auf den ersten Blick als solche erkennen kann. Ein anderes Problemgerät sind die Ringe, an denen ohne Bärenkräfte nichts geht. Die verschiedenen Hangwaagen, bezeichnenderweise "Christushang" genannt, sind dafür ein Beispiel. Viele schlanke und biegsame Bodenturner kommen mit den Ringen überhaupt nicht zurecht. Der Barren ist vorallem technisch sehr anspruchsvoll, während beim Sprung über einen Tisch Mut und Bewegungsgefühl gefordert ist. (Der Cottbuser Ronny Ziesmer fiel 2004 bei einem kombinierten Doppelsalto rückwärts/vorwärts unglücklich mit dem Kopf auf dem Boden auf und ist seitdem querschnittsgelähmt). Bleibt das Reck, welches als die "Königsdisziplin" gilt. Hier muss die Riesenwelle in verschiedenen Varianten geturnt werden; dazwischen erwartet man von den Besten noch die sogenannten Flugteile oberhalb der Reckstange. Zum Schluss ist ein Mehrfachsalto mit Mehrfach-Twist der angemessene Abgang, wobei man - ohne Wackler - zum sicheren Stand kommen sollte.

Logischerweise muss man für den olympischen Mehrkampf viel mehr trainieren als für ein einzelnes Gerät, wofür es auch Medaillen gibt, die aber in geringerem Ansehen stehen. Der Mehrkampf ist die Krone der turnerischen Disziplinen. In allen Geräten "top" zu sein, verlangt jahrelanges, ausdauerndes Üben.

Nguyen ist der bessere Hambüchen

Da nur zwei Turner je Nation am Mehrkampffinale der Londoner Olpmpiade teilnehmen durften, waren die beiden, bis dahin besten deutschen Turner - Fabian Hambüchen und Philipp Boy - naturgemäss gesetzt. Marcel Nguyen war nur als Drittstärkster eingeordnet. Aber es kam anders. Philipp Boy verletzte sich vor dem Wettkampf beim Einturnen in der Nebenhalle. An seinem Paradegerät, dem Reck, griff er bei einem hochriskanten Flugteil daneben und schlug hart auf dem Boden auf. Er konnte den Wettkampf nicht aufnehmen, sodass Marcel Nguyen in die deutsche Zweiermannschaft kam.

Der Wettkampf lief anfangs nicht gut für Marcel. Am Seitpferd verturnte er die Schere in den Handstand und patzte ausserdem beim Abgang. Damit lag er nach dem ersten Gerät auf dem letzten Platz im Feld der 24 Teilnehmer. Was danach kam war eine grandiose Aufholjagd. An den Ringen turnte er fehlerfrei, beim Sprung machte er nur einen winzigen Sidestep. Als er eine spektakuläre Übung am Reck sicher in den Stand gebracht hatte, wusste er: Das kann etwas werden, eine Medaille ist jetzt drin. Sein Paradegerät, den Barren, turnte er mit Mut und Schwung, sodass nur noch die Bodenübung anstand. Auch hier brachte er die verschiedenen Salti in den sicheren Stand, womit er sich vom 24. auf den 2. Platz vorgearbeitet hatte. Die Silbermedaille im olympischen Mehrkampf gehörte ihm.

Vergleichbares war in der Nachkriegsgeschichte noch keinem deutschen Turner gelungen. Die letzte Mehrkampfmedaille, allerdings in Gold, hatte Alfred Schwarzmann bei der Olympiade 1936 in Berlin gewonnen. Die Goldmedaille in London erhielt der Japaner Kohei Uchimura, der alle sechs Geräte fehlerfrei turnte.

Fabian Hambüchen, der mit grossen Erwartungen in den Wettkampf gegangen war, wurde bitter enttäuscht und war am Ende den Tränen nahe. Auch er hatte einen schweren Patzer am Seitpferd zu beklagen, dazu auch noch am Boden und am Reck, wo er immerhin einmal Weltmeister war. Zum Schluss reichte es bei ihm nur zu Platz 15.  Philipp Boy versuchte es nocheinmal im Mannschaftswettbewerb, aber auch dort griff er mehrfach daneben. Nach vier Jahren intensiven Trainings musste er aus London ohne eine einzige Medaille heimfahren. Noch heute leidet er unter Prellungen am ganzen Körper; die Stürze von seinem Lieblingsgerät, dem Reck, haben bei ihm ein Trauma hinterlassen. Mit 25 Jahren denkt er ernsthaft ans Aufhören und die Wiederaufnahme seiner Bankausbildung. Noch vor Weihnachten will er sich entscheiden.

Zur Benotung der Turnübungen

Die Benotung der turnerischen Übungen geschieht durch zwei Gruppen von Kampfrichtern. Die eine Gruppe wertet den Schwierigkeitsgrad der Übung, die andere ist für die Beurteilung der Ausführung, also die Haltung, zuständig. Der D-Wert (für "Difficulty") und der E-Wert (für "Execution") werden zusammengezählt und bilden den endgültigen Notenwert der vorgeführten Übung.

Die Übungsteile sind in Schwierigkeitsstufen eingeteilt. Am Boden bringt beispielsweise ein Hocksalto 0,1 Punkte, ein gestreckter Salto 0,2 und ein Doppelsalto rückwärts mit Dreifachschraube 0,6 Punkte. Von jeder Übung werden die 10 schwierigsten Übungsteile gewertet und aufaddiert. Des weiteren gibt es am Reck noch Bonifikationen, sofern zwei Höchstschwierigkeiten unmittelbar hintereinander geturnt werden. Der D-Wert ist theoretisch nach oben offen. In London brauchte man für den Olympiasieg im Gerätefinale einen D-Wert von rund 7 Punkten.




Nguyen bei der Hangwaage waagrecht


Hangwaage senkrecht (Blogger W.M. 1956)

Beim E-Wert für die Ausführung gehen die Kampfrichter von der "Traumnote" 10,0 aus. Hiervon werden für schlechte Haltung, technische Mängel, zu kurz gehaltene Kraftteile etc. 0,1 bis o,5 Punkte abgezogen. Stürze vom Gerät oder ein verpatzter Abgang werden sogar mit 1 Punkt Abzug bestraft. Taktisch handelt ein Turner also unklug, wenn er einen eben erst gelernten Übungsteil unsauber turnt. In der Praxis ist es besser, einen Übungsteil erst dann im Wettkampf zu zeigen, wenn man ihn auch voll beherrscht. Nehmen wir an, einem Turner werden wegen verschiedener Haltungsmängel 1,8 Punkte abgezogen, so kommt er auf einen E-Wert von 8,2. Zusammen mit dem D-Wert von 7 (siehe oben) ergibt das also eine Gesamtnote von 15,2 Punkten.

Verstanden?
Wenn nicht, dann trösten Sie sich mit dem alten Turnerspruch:
Wenn Turnen einfach wäre, dann hiesse es Fussball.

Impressum

Angaben gemäß § 5 TMG:

Dr. Willy Marth
Im Eichbäumle 19
76139 Karlsruhe

Telefon: +49 (0) 721 683234

E-Mail: willy.marth -at- t-online.de